Rundschau: Abschied von der Scheibenwelt

Ansichtssache19. Dezember 2015, 14:30
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coverfoto: manhattan

Terry Pratchett: "Die Krone des Schäfers"

Klappenbroschur, 383 Seiten, € 18,50, Manhattan 2015 (Original: "The Shepherd's Crown", 2015)

Gerührt habe ich am Beginn von "Die Krone des Schäfers" die Widmung "Für Esmeralda Wetterwachs" gelesen. Dieser letzte aller Scheibenwelt-Romane ist also just derjenigen gewidmet, die immer meine liebste Scheibenwelt-Figur war – spätestens seit Pratchett schrieb, wie Oberhexe Esme Wetterwachs den traditionellen Glückwunsch "Dieses Haus sei gesegnet" im Tonfall von "Friss Blei, Schurke" aussprach. Persönlichkeiten wie diese werden heute einfach nicht mehr geboren.

Im Mittelpunkt steht aber natürlich Junghexe Tiffany Weh, deren Werdegang wir über fünf Romane mitverfolgen konnten und der nun zur Vollendung ihres Weges führt. Inzwischen ist Tiffany zu einer allseits anerkannten Hexe geworden, nicht nur im heimatlichen Kreideland. "Die Krone des Schäfers" beschert ihr eine Doppelbelastung als besenreitende Ärztin ohne Grenzen – in Sachen Arbeitsdisziplin kann Tiffany es längst mit Esme aufnehmen, nur an deren John-Wayne-Attitüde müsste sie noch arbeiten ... wenn sie es denn wollte. Doch "Die Krone des Schäfers" dreht sich ja darum, dass Tiffany ihren ganz eigenen Weg finden muss. Noch nagen trotz übermenschlichen Arbeitspensums Selbstzweifel an ihr, ob sie all den an sie gestellten Herausforderungen denn gerecht werden kann. Aber Nanny Ogg hat stets einen guten Rat bereit: "Nun mach dir mal nicht gleich in den Schlüpfer, Tiff. Das hilft nicht weiter und stört beim Gehen."

Letzter Rundgang durch eine liebgewonnene Welt

Abgesehen von Tiffanys ständigen Wegbegleitern wie den koboldhaften Wir-sind-die-Größten bringt uns der letzte Scheibenwelt-Roman noch einmal ein Wiedersehen mit vielen alten Bekannten, von Erzkanzler Ridcully über den Langen Mann bis zu Magrat Knoblauch, die den Karrierewechsel von der Hexe zur Königin souverän bewältigt hat. Kleine formale Zugeständnisse inklusive – ihrem Hexenbesen flattert nun ein Wimpel mit dem Wappen von Lancre hinterher.

Und auch ein altbekannter Feind regt sich hier noch einmal: die Elfen – das einzige Volk, dem Pratchett bisher die Integration in die große Multikulti-Gemeinschaft der Scheibenwelt verweigert hat, weil sie für ihn das Böse um der Bosheit willen verkörpern. Ob sich das im letzten Roman der Reihe wohl doch noch ändern wird? Immerhin hat sich die ganze Scheibenwelt gewaltig gewandelt. Zumindest vorerst haben wir es aber wieder einmal mit einem elfischen Invasionsversuch zu tun. Und erneut werden zu dessen Abwehr die Hexen mobilisiert, die ja schon immer die Brigaden des gesunden Menschenverstands waren.

Und apropos Integration: Einen letzten Restposten von Nicht-Gleichberechtigung gibt es ja doch noch – oder hat schon mal jemand eine männliche Hexe gesehen? Just diese Laufbahn will aber Gottfried, der jüngste Sohn von Lord Schwenk, einschlagen. Und wenn wir uns die integrative Philosophie der Scheibenwelt-Romane vergegenwärtigen, dann wird niemand überrascht sein, wenn wir Gottfried über kurz oder lang auf einem Besen wiederfinden. Einem eigens in einer Zwergenwerkstätte hergestellten Modell für den männlichen Reiter: "Sie wissen schon, mit einer speziellen Einbuchtung für die ... Weichteile. Da hat der Junge es beim Fliegen gleich viel komfortabler."

Am Ende

Im Nachwort des Romans steht zu lesen, dass Pratchett "Die Krone des Schäfers" nicht mehr ganz vollenden konnte. Der Roman, so heißt es dort, wäre sonst sicher noch etwas ausführlicher geworden. Doch eigentlich ist er gut, wie er ist. Wenn eines die letzten Scheibenwelt-Romane – bessere wie "Steife Prise" und weniger gute wie "Der Club der unsichtbaren Gelehrten" oder "Toller Dampf voraus" – verband, dann der Umstand, dass sie allesamt länger waren, als ihnen gut tat. Das ist hier nicht der Fall. Und was das Daueraufregerthema Übersetzung anbelangt (hier war übrigens wieder Regina Rawlinson am Werk, die weit weniger Fan-Zorn auf sich geladen hat als Gerald Jung): Auch hier finde ich außer einem unpassenden "Tschüssikowski" und dem Umstand, dass ich ein paar Personennamen anders in Erinnerung zu haben glaube, nichts zu bekritteln. Also ruhig Blut.

"Die Krone des Schöpfers" enthält all das, was Scheibenwelt-Romane stets auszeichnete: Witz, Gutmütigkeit, kleine Lebensweisheiten und tiefen Humanismus – eine Philosophie von Gleichheit, aber nicht Gleichförmigkeit. Zusammen mit "Mrs Bradshaws Handbuch" ist dies meiner Meinung nach ein würdiger Abschluss der Reihe.

Es wird einem schon etwas schwer ums Herz, wenn man diesen Roman zuschlägt. Das war's. Mehr wird nicht mehr kommen. Terry Pratchetts weltweit betrauerter Tod im März ist noch unvergessen – und jeder wird unweigerlich an den Autor denken, wenn er liest, wie in diesem Roman auch eine zentrale Figur der Serie stirbt. Ihr Tod wird auf der ganzen Scheibenwelt wie eine schwere Erschütterung der Macht wahrgenommen werden. Und wenn Tod dieser Figur Respekt zollt und ihr sagt, dass sie die Welt besser hinterlässt, als sie sie vorgefunden hat, dann lautet ihre Antwort schlicht: "Danke. Man tut eben, was man kann."

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