Hartmut Skerbisch: Die frühen Werke eines Raumerforschers

23. November 2015, 17:59
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Bekannt wurde der 2009 verstorbene Hartmut Skerbisch vor allem mit seinen Skulpturen. Doch er war auch einer der frühsten Medienkünstler Österreichs. Auch hier trieb ihn ein erweiterter Raumbegriff an, wie eine Ausstellung im Grazer Kunsthaus nun zeigt

Graz – Es war wohl die kürzeste Ausstellung in der legendären Neuen Galerie in der Grazer Sackstraße: Sie sperrte am 9. Dezember 1977 um 19.00 Uhr auf und etwas mehr als eine Stunde später wieder zu. Zepter und gleißender Stein hieß die vom damals 32-jährigen Hartmut Skerbisch in mehreren Räumen präsentierte Schau.

Zu sehen waren eine Wand aus 14 Monitoren, auf denen hautfarbene Flächen flimmerten, ein Farbgenerator, zwei Rekorder und das sogenannte Zepter, das auf einem royalroten Samtpolsterl drapiert war. Das Zepter war eine Vidiconröhre, eine Bildaufnahmeröhre aus frühen tragbaren Videokameras. Das Fernsehen, in den 1970er-Jahren längst zum König der Wohnzimmer aufgestiegen, wurde als mächtiges und gefährliches, weil manipulatives Massenmedium entlarvt.

Wer die Ausstellung damals versäumte oder schlichtweg noch nicht auf der Welt war, hat jetzt die Chance, sie doch noch zu besuchen. Sie wurde für die Ausstellung Das Paradies der Untergang rekonstruiert: Im dunklen amorphen Raum des Grazer Kunsthauses, wo sie zwischen anderen frühen Medienkunstarbeiten des 2009 verstorbenen Hartmut Skerbisch aufgebaut wurde.

Orte der Gleichzeitigkeit

Als Start für Skerbischs künstlerische Arbeit gilt aber eine andere Arbeit. 1969, in einem Jahr des künstlerischen Aufbruchs für Graz, konzipierte der Künstler, der ursprünglich an der Grazer TU Architektur studiert hatte, wo seine intensive Auseinandersetzung mit einem erweiterten Raumbegriff begann, mit dem Architekten Manfred Wolff-Plottegg die räumliche Anordnung Putting Allspace in a Notshall. Die Arbeit mit Monitoren, Videokameras und Radio war ein Beitrag zum Ausstellungsprojekt Trigon, in dem das Motto "Architektur und Freiheit" als Denkanstoß galt. Lange bevor Chatrooms und Internetforen im Alltag der Massen Normalität wurden, thematisierte diese Arbeit einen Ort, an dem Raum und Zeit sich auflösen und alles gleichzeitig möglich ist. Auf den Monitoren in der Schau des Kunsthauses, die von Günther Holler-Schuster kuratiert wurde, werden in dieser Installation Aufnahmen der Straße vor dem Kunsthaus übertragen. Realität setzt sich auf den Fernsehmonitoren neu zusammen. Wolff-Plottegg zeichnet übrigens für die gesamte Ausstellungsarchitektur verantwortlich.

Freiheitsstatue nach Kafka

Zum Titel Putting Allspace in a Notshall ließ sich Skerbisch von Finnegans Wake von James Joyce inspirieren – es ist ein Wortspiel mit der Nussschale (Nutshell), eines Gegenstandes, in die komprimierte Realitäten gepackt werden. Für Holler-Schuster ist diese Arbeit "eine der bedeutendsten der frühen Medienkunst in Österreich".

Die Ausstellung konzentriert sich bewusst auf die Medienkunst von Skerbisch. Bekannter wurde er der breiten Öffentlichkeit aber in den 1990er-Jahren mit seinen oft riesenhaften Skulpturen. Eine davon wurde – als Kunstwerk auf Zeit im Festival Steirischer Herbst 1992 gedacht – zu einem Wahrzeichen von Graz. Das Lichtschwert ist Gustav Eiffels innerer Stahlkonstruktion für die New Yorker Freiheitsstatue nachempfunden und steht noch heute neben dem Opernhaus.

In Franz Kafkas Romanfragment Der Verschollene sieht die Romanfigur Karl Roßmann bei ihrer Ankunft in New York die Freiheitsstatue mit einem Schwert in der Hand. Ein ebensolches trägt auch jene von Skerbisch statt einer Fackel. Und eine Kugel statt eines Buches. In der Ausstellung sind Skizzen für die Skulptur zu sehen, die zeigen, dass Skerbisch auch Versionen ohne Schwert, dafür etwa mit E-Gitarre, überlegte.

Wie vernetzt er sich Räume dachte, seien es literarische, virtuelle, oder auch nur jene, die vom eigenen Blick aufgemacht werden – etwa in der Arbeit Zwei Fahnen Stück von 1979 –, dokumentieren eindrucksvoll seine Werktagebücher. Komplett digitalisiert können jene im Kunsthaus virtuell durchgeblättert werden. Sie offenbaren, wie sich Skerbisch lange, intensiv und mit vielen Exkursen auf ein Thema einschoss, und zeigen komplizierte, fast manische Denkprozesse, die man hinter den klaren, monumentalen Skulpturen nicht vermutet hätte.

Zur Ausstellung publizierte der Verein der Freunde von Hartmut Skerbisch, dem auch sein Sohn Georg Skerbisch angehört, den umfassenden, spannenden Katalog Hartmut Skerbisch – Leben und Werk. Der Verein kümmert sich auch um den Nachlass des Künstlers. (Colette M. Schmidt, 23.11.2015)

Kunsthaus Graz, bis 7.2.2016

  • Die Kulturhauptstadt 2003 bestrahlte das Lichtschwert bunt.
    foto: apa/harry schiffer

    Die Kulturhauptstadt 2003 bestrahlte das Lichtschwert bunt.

  • In der Arbeit "Reden blattartig" wurde der Bildschirm Außenstelle des Künstlerkörpers und Buchstaben beim Sprechen zum Raum.
    foto: michael schuster

    In der Arbeit "Reden blattartig" wurde der Bildschirm Außenstelle des Künstlerkörpers und Buchstaben beim Sprechen zum Raum.

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