Nordkorea: Der Schwule, den es offiziell gar nicht gibt

24. November 2015, 05:30
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Laut dem Regime in Pjöngjang existieren keine Homosexuellen in Nordkorea. Jang Yeong-jin ist der lebende Beweis dafür, dass das nicht stimmt

Als Jang Yeong-jin vom südkoreanischen Geheimdienst verhört wurde, standen die Beamten vor einem schier unlösbaren Rätsel: Wieso würde ein Mann aus privilegiertem Hause, hochgebildet und mit einer bildhübschen Ehefrau, eine solch lebensbedrohliche Flucht auf sich nehmen? Ob er jemanden in seiner Heimat umgebracht habe, fragten sie den Nordkoreaner ein ums andere Mal. "Ich habe mich damals zu sehr für die Wahrheit geschämt", sagt der 55-Jährige heute. Er floh, weil es für Leute wie ihn in seiner Heimat keinen Platz gibt.

Mit großem Stolz preist das nordkoreanische Regime seine Bevölkerung als die homogenste der Welt, ethnisch wie auch ideologisch. Eindrücklich wird das bei den Arirang-Massenspielen zelebriert: Zehntausende tanzen dort im Gleichschritt, haben dieselbe Hautfarbe, Körpergröße, ja scheinbar auch dieselbe Gesinnung. Wie muss es sich in einer solchen Gesellschaft anfühlen, anders zu sein? "Es gab für mich keinen Traum, keine Hoffnung", sagt Jang über sein früheres Leben.

"Was ist nur in deinem Kopf los?"

Als Bub schlenderte er fast täglich die paar Kilometer bis zur Küste, wo er mit traurigen Blick den Möwen zuschaute und darüber rätselte, welches Land wohl auf der anderen Seite des Horizonts liegen würde. "Was ist nur in deinem Kopf los?", fragte ihn die Mutter einmal – in Sorge, was einmal aus ihrem in sich gekehrten Sprössling werden solle.

Dessen Leben änderte sich von Grund auf, als eines Tages ein Neuer in die Schule kam: Seon-cheol war einen Kopf größer als die anderen Schüler, hatte große Augen und ein rundes, ebenmäßiges Gesicht. Die beiden wurden beste Freunde, hielten Händchen und übernachteten auch regelmäßig beieinander. "Wenn er mich angeschaut hat, haben seine Augen vor Leidenschaft gebrannt. Wenn ich jetzt zurückblicke, denke ich, dass er meine wahre Liebe war", erinnert sich Jang. Dass es mehr als Freundschaft unter Männern geben könnte, davon hatte er noch nie gehört.

Offiziell gibt es keine Homosexuellen in Nordkorea, weil das Volk über eine "gesunde Denkweise" und "gute Sitten" verfüge. So vermeldete es die staatliche Nachrichtenagentur im Frühjahr 2014, als der offen schwule Anwalt Michael Kirby seinen UN-Bericht über die Menschenrechtsverletzungen Nordkoreas präsentierte. Als "ekelhafter alter Lüstling" wurde Kirby damals beschimpft.

"Revolutionäre Kameradschaft"

Während der Militärzeit sei es ganz selbstverständlich gewesen, sagt Jang, dass die Rekruten während bitterkalter Winter eine gemeinsame Decke teilten. "Revolutionäre Kameradschaft" nannte man die Bindung der Soldaten, die – zehn Jahre auf engem Raum zusammenlebend – weder ihre Familien besuchen durften, noch dem anderen Geschlecht näherkommen konnten.

"In Nordkorea ist es ganz selbstverständlich, dass man nach dem Militär heiratet und Kinder bekommt", sagt Jang. Die meisten Ehen wurden damals von den Eltern vermittelt, und auch er lebte neun Jahre lang in einer solch arrangierten Gemeinschaft. Bereits während der ersten Hochzeitsnacht kreisten jedoch seine Gedanken einzig um seine Jugendliebe Seon-cheol. Nach Jahren der Kinderlosigkeit verlangten die Verwandten Erklärungen, später Arztbesuche. "Meine Frau hatte einen anderen Mann verdient, der sie aufrichtig liebt", sagt Jang. Als er sie zur Scheidung überredete, verweigerten die Behörden dies. "Damals dachte ich: Wenn ich das Land verlasse, werden wir beide glücklicher."

Der gefährlichste Fluchtweg

Im Winter 1996 schwamm Jang über den Tumen-Fluss nach China, doch weder an der südkoreanischen Botschaft in Peking noch in den Konsulaten in Qingdao und Schanghai wurde ihm Asyl geboten. In seiner Verzweiflung entschied er sich für die gefährlichste aller Fluchtrouten: wieder zurück nach Nordkorea und über die innerkoreanische Grenze. Wie durch ein Wunder überwand Jang die acht Wachposten, drei Drahtzäune und unzähligen Landminen. Dies ist bislang nur einer Handvoll nordkoreanischer Zivilisten gelungen.

In Südkorea las Jang zufällig einen Zeitungsartikel über die versteckte Schwulenszene in Seoul. Ein Erweckungserlebnis sei es gewesen, zu erfahren, mit seiner sexuellen Orientierung nicht allein zu sein. Mit fast 40 Jahren ging er erstmals eine romantische Beziehung ein.

Die Liebe fürs Leben, sagt Jang, sei ihm noch nicht über den Weg gelaufen. Die Hoffnung darauf hat er aber nicht aufgegeben. (Fabian Kretschmer aus Seoul, 24.11.2015)

  • Jang Yeong-jin: "Es gab für mich keine Hoffnung."
    foto: kretschmer

    Jang Yeong-jin: "Es gab für mich keine Hoffnung."

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