Polnische Journalistin nach Interview mit Vizepremier suspendiert

23. November 2015, 16:35
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PiS-Minister hatte nach kritischem Interview mit Konsequenzen gedroht – Regierung will öffentlich-rechtliche Medien unter PiS-Kontrolle bringen

Warschau – Nach einem kritischen Interview mit dem polnischen Vizepremier und Kulturminister Piotr Glinski ist eine Journalistin des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders TVP Info am Sonntag suspendiert worden. Zuvor hatte der Politiker der rechtskonservativen PiS der Journalistin Karolina Lewicka die Verbreitung von Propaganda vorgeworfen und mit Konsequenzen gedroht.

"Das ist ein Propaganda-Programm, euer Fernsehsender übt seit einigen Jahren Propaganda und Manipulation aus. Das wird sich aber ändern", schimpfte er. Stein des Anstoßes war ein Interview über die von Glinski geforderte Einstellung eines Theaterstücks von Elfriede Jelinek im Breslauer Teatr Polski. Da nach Glinskis Informationen in "Der Tod und das Mädchen" ein sexueller Akt durch Pornodarsteller ausgeführt werden sollte, forderte er in einem Brief an den Vorsitzenden des niederschlesischen Landtages ein sofortiges Ende der Proben. Trotz massiver Proteste konservativer Kreise fand die Premiere dann jedoch am Samstag statt. Der Theaterdirektor und zugleich Abgeordnete der liberalen Partei Nowoczesna, Krzysztof Mieszkowski, warf dem Vizepremier Zensur vor und forderte dessen Rücktritt.

"Reform" der Öffentlich-Rechtlichen

Lewicka befragte den Minister zu den rechtlichen Grundlagen seiner Forderungen. Glinski weigerte sich jedoch, diese zu beantworten und las stattdessen seinen Brief vor. Nachdem die Journalistin den Kulturminister mehrmals unterbrochen hatte, kam es im Studio zu einer heftigen Diskussion. Einige Stunden später berichtete das Portal www.press.pl, dass Lewicka als Moderatorin der Sendung abgesetzt worden war.

Glinski kündigte unterdessen eine umfassende "Reform" der öffentlich-rechtlichen Medien an. Ein Gesetzesentwurf sehe vor, dass der öffentliche Rundfunk sowie die Polnische Presseagentur in "Kulturinstitutionen" umgestaltet werden, sagte er im Gespräch mit dem Webportal "Wirtualne Media". Aktuell werden deren Chefredakteure vom Nationalen Fernseh- und Rundfunkrat gewählt. Dies solle sich künftig jedoch ändern, erklärte der Kulturminister. Für die Bestellung der Chefredakteure werde dann ein Gremium zuständig sein, das durch die Präsidentschaft sowie das Ober- und Unterhaus des Parlaments besetzt werde. In allen drei Institutionen ist die nationalkonservative PiS tonangebend. (APA, 23.11.2015)

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