"Refugee City" Belgrad: Gras wächst hier nicht mehr

Reportage26. November 2015, 12:40
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In der Flüchtlingskrise versucht Serbien, sich als vorbildliches Transitland hervorzutun. Doch entlang der Balkanroute gibt es weiterhin großes Konfliktpotenzial. Ein Lokalaugenschein

foto: boris böttger
Bristol Park, Belgrad.

Es ist kalt im Bristol Park. Den Kindern, die in der Abenddämmerung Fußball spielen, kondensiert der Atem vor den roten Nasen. Von den Passanten, die nach Büroschluss durch den Park nach Hause eilen, bleibt selten jemand stehen und unterhält sich mit den Menschen, die da in kleinen Gruppen zusammenstehen. Die Wartenden, die meisten von ihnen aus Afghanistan und Pakistan, wärmen sich bei einem Becher Schwarztee auf, tauschen Informationen aus, telefonieren.

Zu fünft seien sie vor drei Monaten aus Peschawar in Pakistan aufgebrochen, erzählt ein Jugendlicher, der sich mit seinen Reisegefährten an einem Kiosk um "Chai" anstellt. Die ausgehängte Karte ist mehrsprachig verfasst, die Verkäuferin ob des ständigen Andrangs leicht genervt. Geflohen seien sie aus Angst vor den Taliban, die die Gegend immer wieder terrorisierten, erzählt der junge Mann. Dass sie die Route über Bulgarien gewählt hätten. Und dass das keine gute Idee gewesen sei. Die "Mafia" habe ihnen Geld, Proviant und Handys abgenommen, die Polizei habe sie misshandelt, sagt er und zeigt Schnittverletzungen an seinen Händen. "Ich habe am ganzen Körper blaue Flecken."

Sein Freund erzählt, er sei zehn Tage lang in Haft gesessen, weil er nicht bereit war, den Beamten das geforderte Bestechungsgeld zu bezahlen. "Aber in Serbien ist es gut." Jetzt wollen sie weiter nach Italien oder Schweden, auch in Österreich hätten sie Freunde.

Die Binnenroute über Bulgarien

Viele erzählen hier ähnliche Geschichten über ihre Erlebnisse in Bulgarien. Der häufigste Weg von Griechenland nach Serbien führt zwar über Mazedonien und somit durch Preševo, aber ein kleiner Teil der Flüchtlinge wählt die Binnenroute, um die gefährliche Meerespassage von der Türkei auf die griechischen Inseln zu vermeiden. Auch eine Gruppe aus Afghanistan will ihre Geschichte erzählen. Zwei der Männer sprechen Englisch und übersetzen für ihre Landsleute.

raffael reithofer, fh joanneum
"I hate Bulgarian Police." Afghanische Flüchtlinge machen ihrem Unmut Luft.

Die Vorwürfe gegen die bulgarische Polizei sind dem Flüchtlingshilfswerk UNHCR schon länger bekannt. Nach einem Grenzzwischenfall im März, als zwei Iraker an der türkisch-bulgarischen Grenze getötet wurden, hieß es in einem Report: "Viele Personen berichteten vom Einsatz von Gewalt, und in vielen Fällen seien den Menschen ihr Hab und Gut sowie ihr Geld von der Grenzpolizei abgenommen worden."

Babar Baloch, Pressesprecher des UNHCR und verantwortlich für Zentraleuropa, erklärt auf Anfrage: "Uns wurde gesagt, dass zwei Polizisten aus Sofia und zwei Grenzbeamten an der türkischen Grenze verhaftet und wegen der Vorwürfe des Diebstahls und der Misshandlung verhaftet wurden."

Das Flüchtlingshilfswerk berichtet aber auch, dass Bulgarien nachbessert und mittlerweile besser gerüstet sei als der Westbalkan. Das Land habe seine Kapazitäten inzwischen verfünffacht und auf 6.000 Betten aufgestockt, zudem seien die Bulgaren aufgeschlossen und spendeten für die ankommenden Asylsuchenden. "Von offizieller bulgarischer Seite heißt es, dass in diesem Jahr bereits mehr als 16.000 Flüchtlinge um Asyl angesucht hätten. Die meisten kommen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Aber noch mehr Menschen sind auf dem Weg nach Bulgarien – die meisten kommen über die Türkei", weiß Baloch.

Wie auf einem frisch gepflügten Acker

An einem Baum nahe beim Kiosk sind Informationen für die Flüchtenden über die nächsten Stationen ihrer langen Reise nach Deutschland oder Österreich angeschlagen. Die bunten Blätter an den Ästen sind das Einzige, was hier an einen Park erinnert. Gras wächst hier nicht mehr. Es sieht eher aus wie auf einem frisch gepflügten Acker. Die Stadtverwaltung hat Erde aufbringen lassen, um die letzten Spuren des Zeltlagers, das hier bis Anfang November aufgebaut war, zu überdecken.

Mittlerweile darf im "Belgrader Flüchtlingspark", gleich neben dem Busbahnhof, niemand mehr zelten. Entsprechende Verbote sind an den Münztelefonen und Bäumen angebracht, daneben haben Aktivisten Sticker mit der Aufschrift "Abolish Dublin" aufgeklebt. Die niedrigen Temperaturen hatten die serbische Regierung veranlasst, Notschlafstellen bereitzustellen. Jeden Abend um 19 Uhr transportieren Busse die Menschen von dort zu den Unterkünften, die außerhalb der Hauptstadt liegen.

Nur zur Durchreise

Noch vor wenigen Wochen gab es andere Bilder aus dem Bristol-Park in Belgrad zu sehen, Hunderte Menschen übernachteten in dem Park, der zum Flüchtlings-Hotspot der Hauptstadt wurde. Heute sind es viel weniger, die hier auf ihre Weiterreise warten.

In Serbien ist es ohnehin Preševo an der südlichen Grenze zu Mazedonien, wo die meisten Flüchtenden ankommen. 6.000 bis 10.000 Menschen erreichen Berichten des UNHCR zufolge täglich die Grenzstadt. Insgesamt wurden in den ersten zehn Monaten des laufenden Jahres 308.000 Flüchtlinge in Serbien registriert. "Die Menschen kommen bei Preševo ins Land, lassen sich registrieren, steigen in Busse ein und fahren nach Šid, wo sie in einen kroatischen Zug umsteigen", sagt Melita Šunjić, die 1957 selbst als Flüchtlingskind nach Österreich gekommen war und derzeit Pressesprecherin des UNHCR ist.

Die Zusammenarbeit zwischen Serbien und Kroatien scheint sich nach einem kürzlich geschlossenen Abkommen verbessert zu haben. Einen Monat zuvor hatten sich die beiden Länder ihren Unmut gegenseitig über die Titelblätter diverser Zeitungen ausgerichtet. Schlagzeilen wie "Der kroatische Premier ist ein Idiot" und "Verrückter führt Kroatien in den Krieg" waren da in serbischen Medien zu lesen.

Mittlerweile scheint der Streit geklärt. Serbien agiert ähnlich wie Kroatien als reines Transitland. Im laufenden Kalenderjahr haben die serbischen Behörden erst 14 Asyl-Ansuchen positiv beurteilt, heißt es vom UNHCR. Lager im herkömmlichen Sinn gebe es deshalb keine, sondern nur Übernachtungsmöglichkeiten, so Šunjić. Insgesamt sind das sechs Asylzentren, die je bis zu eintausend Personen Platz bieten. In eines von ihnen werden die Flüchtlinge im Bristol-Park, die an diesem Abend noch auf den Bus warten, gebracht. "Den wenigen Flüchtlingen, die sich in Belgrad aufhalten, bieten die Behörden an, in Krnjača zu übernachten", sagt Šunjić.

Taxifahrer profitieren

Aktuell nehmen dieses Angebot aber nur 90 Personen an, wie Igor Mitrović, Direktor von ADRA Serbien, der dieser Tage sehr beschäftigt ist und von einem Koordinationstreffen zum nächsten hastet, erzählt. Die meisten wollten einfach nur weiter. Flüchtlinge aus Syrien würden in der Regel direkt mit Bussen von Preševo nach Šid gebracht, 35 Euro kostet die Fahrt. Taxifahrer, die sich über die vergangenen Monate hinweg eine goldene Nase mit Flüchtlingen verdient hätten, hätten sich inzwischen Luxusbusse mit WLAN angeschafft und betrieben nun ein eigenes Geschäft, sagt Mitrović. Die Adventisten spielen eine Schlüsselrolle in der Koordination der verschiedenen Institutionen, die in Belgrad den Flüchtlingstransit unterstützen.

Mitarbeiter von ADRA und anderen Hilfsorganisationen spazieren den ganzen Tag durch den Park, informieren Flüchtlinge über die Lage in Serbien, über Schlafmöglichkeiten, versorgen sie mit Kleidung und rechtlichen Auskünften. "Dolmetscher" steht auf den Schildern geschrieben, die sie um den Hals tragen. Sie gehen auf die Flüchtlinge zu, reden mit ihnen und telefonieren anschließend kurz mit den Kollegen im Spendenlager.

"Wir haben leider keine Socken mehr, aber Schuhe können wir euch geben", sagt die junge Freiwillige, als sie eine Gruppe afghanischer Männer wenig später zum "Infocentar za Azil" (Asyl-Informationszentrum) führt. Ob er seine alten Schuhe trotzdem behalten dürfe, fragt einer der Männer, bevor er das Zentrum in der Nähe des Belgrader Bahnhofs nach zehn Minuten Fußmarsch betritt.

Tolerante Bevölkerung

Auf drei Etagen haben sich hier Ende August UNHCR, ADRA, Save the Children und andere NGOs eingerichtet, um die Erstversorgung sicherzustellen. Es gibt ein kleines Zimmer, in dem Mütter ihre Babys wickeln und füttern können, eine Spielecke und ein großes Kleiderlager im Keller. Die Zivilgesellschaft in Belgrad hat fleißig gespendet. Im Asylzentrum oder auch in Miksalište, eigentlich die Freiluftbühne des Kreativwirtschaftszentrums Mikser House, wo sich vor allem die Belgrader "Expats", die internationale Community der Stadt, engagiert.

"Die serbische Regierung hat – und das mag überraschend klingen – recht liberal auf die Situation reagiert und eine positive Willkommensatmosphäre für Flüchtlinge geschaffen", erklärt Mitrović im Eingangsbereich des Asyl-Infozentrums. Dazu komme, dass gerade in Belgrad auch heute noch sehr viele Menschen leben, die während der Jugoslawienkriege geflüchtet sind, also wissen, wie sich ein Leben auf der Flucht anfühlt.

foto: boris böttger
Die Absperrbänder sind zusammengerollt, Belgrad heißt Flüchtlinge willkommen.

Am Empfang des Infozentrums warten an diesem Abend drei Mitarbeiter auf Hilfesuchende. Sie kommen aus Jordanien, Gaza und Marokko, waren einst selbst Flüchtlinge, die nun in Serbien studieren oder arbeiten. Ständig klingelt das Telefon, ständig betreten und verlassen Menschen den kleinen Raum. Ein Mann sieht sich ein Video auf einem der Computer an, das erklärt, wie ein Asylverfahren abläuft, ein anderer hört Musik.

"Ich bin selbst erst vor fünf Jahren hergekommen", erzählt einer der Übersetzer. Im Vergleich zu den arabischen Sprachen seien die europäischen sehr viel einfacher zu lernen, für Serbisch habe er sechs Monate gebraucht. Seit vier Jahren studiert er Medizin in Belgrad und will nach seinem Abschluss als Arzt in Slowenien arbeiten. Nebenbei hilft er wie viele andere freiwillig im "Infocentar" aus.

raffael reithofer, fh joanneum
Projektassistentin Maja Dragojević arbeitet im Asyl-Infozentrum, das vom UNHCR gemeinsam mit ADRA und anderen betrieben wird, mit vielen freiwilligen Helfern zusammen.

Derzeit ist ADRA gerade dabei, eine 24-Stunden-Hotline für Flüchtlinge auf der Westbalkanroute einzurichten. Die Nummer soll auf Plastikarmbänder gedruckt werden, die Bänder will ADRA schon in Griechenland an Neuankömmlinge verteilen. Außerdem hätten sie damit begonnen, freie WLAN-Zonen entlang der Route einzurichten, erzählt Igor Mitrović.

Wie das alles weitergehen wird? Mitrović antwortet mit einer Gegenfrage: "Wie soll man denn planen? Jeden Tag ist die Situation eine völlig neue." (Alexandra Polič, Katharina Siuka, Raffael Reithofer, Boris Böttger, 26.11.2015)

Alexandra Polič (@AlexandraPolic), Katharina Siuka (@KathiSiuka) und Raffael Reithofer (@RaffiReithofer) studieren "Journalismus und PR" an der FH Joanneum Graz.

Unter dem Motto #WeGoYugo recherchierten 30 Studierende der FH Joanneum nach 20 Friedensjahren im Oktober 2015 in Zagreb, Sarajevo, Belgrad und Ljubljana über Gesellschaft, Politik und Medienlandschaft des ehemaligen Jugoslawien.

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