Betrugsprozess: Der klamme Architekt und das gefälschte Siegel

23. November 2015, 15:14
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Ein 57-Jähriger soll auf Bauplänen Stempel und Unterschrift gefälscht haben. Der Prozess bietet Einblicke in die Branche

Wien – Oliver F. ist Architekt. Wahrscheinlich kein schlechter, wirtschaftlich ist er aber – nun ja – bedingt erfolgreich. 400.000 Euro Schulden hat er, erzählt er Richterin Nicole Bazcak in seinem Prozess um Betrug und Urkundenfälschung, als Angestellter verdient er derzeit für einen Halbtagsjob als Angestellter 1300 Euro netto.

Die triste finanzielle Situation ist es auch, die den 57-jährigen Unbescholtenen auf die Anklagebank gebracht hat. Er war drei Jahre gesperrt, durfte nicht als Architekt tätig werden. Seine Lösung: Er plante und zeichnete trotzdem, ließ sich anschließend die Pläne von einem befreundeten Architekten gegen 500 Euro Entschädigung kontrollieren und abstempeln.

Kopierter Stempel für Dachbodenausbau

Nicht so am 21. Dezember 2012. Es ging um einen Dachbodenausbau, die Zeit für die Einreichung bei der Behörde war schon ebenso knapp wie das Geld, sagt der Angeklagte. Er kopierte also am Computer den Rundstempel des anderen Architekten, fügte ihn digital in den Plan ein und unterschrieb unleserlich. "Aber ich habe die Unterschrift nicht gefälscht", ist ihm wichtig.

10.000 Euro sei seine Arbeit wert gewesen, vom Immobilienkäufer kassierte er 2000 Euro. Die zuständige Magistratsbehörde erteilte allerdings sieben Auflagen für das Projekt, denen F. nicht nachkam. "Ich weiß nicht, warum ich die Auflagen nicht geändert habe", sagt er nun. Im Sommer 2015 – kurz bevor er seine Zulassung wiederbekam – spielte es die Sache noch einmal, diesmal ließ er sogar ein gefälschtes Rundsiegel anfertigen, der Magistrat zeigte ihn an.

Der Käufer der Dachgeschoßwohnung sei als Zeuge verhindert, habe aber in der Vorwoche angerufen, verkündet Baczak. "Es war eher ungewöhnlich, das Opfer hat sich für eine Diversion eingesetzt, da Sie den Schaden ersetzen wollen", sagt sie. F. verspricht das, will es diese Woche machen – er warte aber noch auf ein Honorar. Die Richterin fährt sich mit der Hand über das Gesicht. "Sie müssen aber schon irgendwas zahlen", seufzt sie.

Vorzimmer statt Diele

Der Architekt, der an sich die Pläne geprüft und gestempelt hat, sagt als Zeuge, dass das in der Branche durchaus üblich sei. "Im Prinzip ist es ja egal, wer den Plan zeichnet, ich muss es nur überprüfen, ich hafte dann ja auch dafür. Aber zeichnen könnten auch Sie ihn", erklärt er der Richterin. Die sich eher nicht für eine begabte technische Zeichnerin hält: "Nein, bitte nicht", sagt sie entsetzt.

Auch Änderungswünsche der Baubehörde seien gang und gäbe, sagt der Zeuge. Wobei es dabei offensichtlich nicht immer um gravierende statische Probleme geht: "Manchmal muss man auf dem Plan auch ,Diele' in ,Vorzimmer' ändern."

Um den Käufer zu hören, muss Baczak schließlich auf Dezember vertagen. Ob F. dann noch Architekt ist, ist ungewiss: Die Kammer hat sich wegen des internen Verfahrens schon bei der Staatsanwaltschaft erkundigt. (Michael Möseneder, 23.11.2015)

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