Eine große Bildungsreform für Hans und Hadiyah

Kommentar24. November 2015, 05:30
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Warum die Erwachsenenbildung im Reformdiskurs mitgedacht werden muss

Das Bildungsreformpaket ist in aller Munde, und endlich scheint sich manches zu bewegen – zumindest in den Köpfen. Bis zu wirklichen tiefgreifenden Strukturänderungen ist es noch ein weiter Weg, manche sprechen davon, dass wir noch zwei Generationen warten müssen, bis wir ein neues Bildungssystem auf die Beine gestellt haben, das nicht mehr von der Logik der Zeit Maria Theresias ausgeht.

Auffallend im jetzigen Diskurs um die Bildungsreform ist jedoch, dass wir beim Thema Bildung automatisch den Blick auf Schulen, Kindergärten, Krippen und jugendliche Schüler lenken. Das ist auch gut und richtig so. Gleichzeitig sind wir alle noch stark von der Tradition geprägt, dass die Erstausbildung – auch wenn wir sie jetzt bis zum 18. Lebensjahr denken – für "ein Leben reicht".

foto: apa / schlager
Fertig mit Schule und fluchtartig weg vom Weiterlernen? Lebensbegleitend Lernen ist das neue "ne normal" – allerdings: Das gilt für alle, auch für die Eltern

Meist setzt hier der zweite "Denkautomatismus" ein, der folgert: Für ein Arbeitsleben reicht. Bildung gilt zu Recht als wesentlicher Schlüssel zum Arbeitsmarkt. Das ist auch der Grund, warum Johannes Kopf, AMS-Vorstandsmitglied, die aktuelle Bildungsreform als das "wichtigste politische Reformvorhaben" beschreibt: 24 Prozent der Menschen, die nur über einen Pflichtschulabschluss verfügen, sind heute arbeitslos. Sehr lange hat gegolten, dass der einzige Weg als erwachsene Person Zugang zu (Weiter-)Bildung zu bekommen die Arbeitslosigkeit ist. Viele Bildungsversäumnisse müssen vom AMS korrigiert und über arbeitsmarktpolitische Maßnahmen abgefedert werden.

Zwei wichtige Fragen müssen wir uns in Bezug auf die Bildungschancen und Bildungszugänge und unser Grundverständnis von Bildung für Erwachsene stellen:

Erstens: Wenn wir für Hänschen und Hannah großflächige Bildungsreformen denken, planen und umsetzen, dann sollten wir ihre Eltern nicht vergessen: Hans und Hadiyah. Erstausbildung und Elementarbildung werden dann wirkungsvoll sein, wenn wir die Eltern auf die Bildungsreise der Kinder mitnehmen. Wo lernen sie? Wie lernen sie? Wie macht man Unternehmen in Zukunft zu wirklichen Lernorten für alle? Wie lernen Erwachsene, mit der immer schneller werdenden Digitalisierung Schritt zu halten? Wie lernen Erwachsene mit, von und durch ihre Kinder? Dass das besonders für Hadiyah relevant ist, zeigt beispielsweise das Projekt "Kompetenzcheck", das vom AMS Wien gerade pilotiert wird und im abz*austria für Frauen aus Afghanistan und dem Iran umgesetzt wird: 167 Frauen durchlaufen ein intensives Programm zur Erfassung der eigenen Kompetenzen in ihrer Muttersprache Farsi.

Die Wirkungen sind vielfältig und reichen weit über das gesetzte Ziel – eine möglichst gute Ersterfassung von Qualifikationen und Kompetenzen – hinaus. Allein die Tatsache, dass Frauen hier auf Augenhöhe in ihrer Muttersprache begegnet wird (und dennoch automatisch gleichzeitig Deutsch gelernt wird), wirkt ermutigend und bestärkend: Ich kann etwas, ich bin etwas wert, Zugänge zu Bildung sind für mich möglich. Auch das Gruppensetting – reine Frauengruppen – hat einen entscheidenden Einfluss auf den Projekterfolg: In großer Offenheit werden Frauen darin bestärkt, ihre eigenen Fähigkeiten und auch die der anderen anzuerkennen und positiv zu bewerten.

Die Akzeptanz der eigenen Kompetenzen – und damit verbunden die Akzeptanz der eigenen Möglichkeiten – lässt Bildung und Erwerbsarbeit für diese Frauen zu einer realen Perspektive werden und ist ein erster und entscheidender Schritt in Richtung gesellschaftlicher und beruflicher Integration und vollzieht sich in diesem Projekt bereits in den ersten Wochen.

Zweitens: Schulbildung, aber auch Erwachsenenbildung ist oft sehr verwertungsorientiert: Welche Jobchancen habe ich mit welcher Ausbildung? Das sind legitime Fragen, unser Anspruch an Bildung und damit an lebensphasenorientiertes Lernen muss aber ein größerer sein: Mehr denn je brauchen wir Bildung, die keinem ökonomischen Zweckrationalismus unterworfen ist.

Lebendige demokratische Systeme brauchen humanistische Bildung, die dem Individuum Übungsräume für selbstständiges Denken und die Entwicklung von Empathie und Kreativität schafft, und ihm so beibringt, auch in komplexen und großen Dimensionen verantwortlich zu handeln (Martha Nussbaum). Wir brauchen also ein Verständnis von Bildung, das nicht bei der Elementarbildung Schulbildung endet, sondern Menschen in allen Lebensphasen einschließt und ein Verständnis von Bildung, das über die reine Marktverwertungslogik mutig hinausreicht. (24.11.2015)

Manuela Vollmann ist Geschäftsführerin des abz*austria, Expertin für Arbeitsmarkt und Gleichstellung

Judith Pühringer ist Geschäftsführerin des Dachverbandes für Soziale Unternehmen, Arbeitsmarktexpertin

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