Prozess: Kindesmord nach Stimmen aus dem Fernseher

23. November 2015, 14:23
126 Postings

Eine 25-Jährige, die an paranoider Schizophrenie leidet, hat ihren fünfjährigen Sohn getötet. Eine Verbrecherin ist sie nicht

Wien – A. wurde nur fünf Jahre alt. Dann tötete ihn seine Mutter im Wahn. "Es ist nicht leicht zu ertragen, sich mit so was auseinandersetzen zu müssen", sagt auch der psychiatrische Sachverständige Karl Dantendorfer in Richtung der Geschworenen. Aber: Tamara K. "ist keine Verbrecherin, sondern krank". Daher muss der Senat unter Vorsitz von Eva Brandstetter darüber entscheiden, ob die 25-Jährige in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingewiesen werden soll.

Die Frau ist durch Psychopharmaka sediert, bekennt sich schluchzend zu den Vorwürfen schuldig. Die Vorsitzende geht behutsam mit ihr um, fragt, ob sie lieber draußen warten will, während sie ihre Vernehmungsprotokolle vorliest. K. will hierbleiben, aber selbst nichts sagen.

Erster Vorfall 2014

Wann die furchtbare Geschichte begann, ist schwer zu sagen. Vielleicht im April 2013, als sich K. vom gewalttätigen Kindsvater scheiden ließ. Vielleicht im Sommer 2014, als sie sich nackt auf die vielbefahrene Triester Straße setzte. Drei Tage war sie danach im Spital, wurde mit Medikamenten entlassen – Psychopharmaka, die sie aber nicht regelmäßig nahm.

Ihre paranoide Schizophrenie wurde dadurch nicht besser. Vielleicht begann die Geschichte also auch am 4. Juli. Da "hatte ich das Gefühl, Gott zu sein", sagte sie in ihrer Vernehmung. Und aus dem Fernseher hätten ihr Stimmen verraten, dass ihr neuer Ehemann auf dem Weg zur Ex-Frau sei.

Strafrechtlich begann sie am Abend des 5. Juli. Nach einem normalen Tag mit ihrem Buben sah sie wieder fern. Ihr Sohn war unruhig, wollte auch nicht mit seinen Legosteinen spielen, sie schickte ihn auf sein Zimmer, wo er weiter laut war.

"Dein Kind ist das Böse"

Dann kam wieder die Stimme aus dem TV-Gerät. "Dein Kind ist das Böse", sagte sie. Sie entschloss sich, ihren Sohn zu töten. Erst gab sie ihm eine laut medizinischem Sachverständigen selbst für einen Erwachsenen tödliche Dosis Medikamente, dann erstickte sie ihn mit dem Kopfkissen. Schließlich schnitt sie die Leiche noch mit einem Stanleymesser auf.

Zwei Tage wohnte sie geistig verwirrt in einer Pension, dann stellte sie sich zufällig vorbeikommenden Polizisten.

Experte Dantendorfer sagt zur Prognose, dass die Hauptgefahr die Suizidgefahr sei. Auch für andere sei sie noch ein Risiko: "Sie braucht mindestens ein weiteres Jahr in engmaschiger Betreuung", empfiehlt er eine Unterbringung. Wogegen auch Verteidigerin Astrid Wagner nichts einzuwenden hat.

Rechtskräftige Einweisung

Die Geschworenen folgen dem Rat: K. wird rechtskräftig eingewiesen. (Michael Möseneder, 23.11.2015)

Share if you care.