Wie Twitter eine christliche Hassposterin zum Sektenausstieg brachte

23. November 2015, 11:27
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Megan Phelps-Roper sollte auf Twitter eigentlich die hetzerischen Botschaften der Westboro Baptist Church verbreiten

Die radikale christliche Sekte der Westboro Baptist Church gilt selbst unter Hassgruppen als besonders extrem: Die rund vierzig Mitglieder verbringen ihre Zeit damit, sich über Todesfälle von "sündigen" Prominenten zu freuen, Homosexuellen einen "Aids-Tod" zu wünschen und antisemitische Parolen zu verbreiten.

Berühmt wurde die Gruppe vor allem, weil sie mit Plakaten voller Hassbotschaften auf Begräbnissen auftauchte. Doch auch im Netz war die Sekte früh aktiv: Schon 1994 sicherte sich die religiöse Gemeinschaft die Adresse www.godhatesfags.com ("Gott hasst Schwuchteln"), die noch immer in Betrieb ist. Mit dem Aufkommen von sozialen Netzwerken wie Twitter schien es nur logisch, dass die Westboro Baptist Church auch dort aktiv ist.

Spott und Häme auf Twitter

So begann die damals 23-jährige Megan Phelps-Roper, die auch die Enkelin von Kirchengründer Fred Phelps ist, 2009 mit dem Betrieb eines offiziellen Twitter-Accounts. Einen ersten "Erfolg" landete sie am Welt-Aidstag, als sie Homosexuellen beschied, die Krankheit sei die gerechte Strafe Gottes für diese Sünder. Der Tweet wurde unter "Entsetzen und Häme" oftmals geteilt, wodurch Phelps mehr als 1.000 Twitter-Follower erhielt.

Apokalyptische Botschaft

Wenig später begann die Sekte damit, ihre Botschaften auf jüdische Staatsbürger von Israel zuzuschneiden. Denn Phelps war der Ansicht, dass bald die Apokalypse eintreffen und alle Sektenmitglieder nach Israel auswandern müssten. Deshalb begann seine Enkelin, eine Vielzahl von populären jüdischen Twitter-Accounts anzuschreiben. Darunter auch David Abitbol, einen Webdeveloper aus Jerusalem. Doch was Phelps-Roper nicht wusste: Abitbol hatte sich in den 1990er-Jahren ausführlich mit Hassgruppen im Netz beschäftigt, die Westboro Baptist Church eingehend studiert und sich über den Umgang mit Hetzern informiert.

Persönliche Kontakte knüpfen

Daher wusste Abitbol eines: Man muss versuchen, den Verbreitern von Hass auf einer persönlichen Ebene zu begegnen. Daher begann er, mit Phelps-Roper zu scherzen – obwohl diese ihn immer wieder antisemitisch beschimpfte. Wie der "New Yorker" berichtet, begannen neben Abitbol immer mehr andere Twitter-Nutzer, sich ernsthaft mit Phelps-Roper auseinanderzusetzen. Besonders nach einem Angriff des Hackerkollektivs Anonymous auf die Internetpräsenz der Westboro Baptist Church erlangte diese neue Aufmerksamkeit. Nutzer faszinierte dabei die Twitter-Persönlichkeit von Phelps-Roper, die einerseits ein junger, durchaus mit Popkultur vertrauter Mensch war, der andererseits extreme Hassbotschaften verbreitete.

Grundsätze infrage stellen

Phelps-Roper antwortete prinzipiell allen Nutzern, die sie kontaktierten. Durch den intensiven Kontakt mit der Außenwelt begann sie, ihre Grundsätze – und damit die der Sekte – infrage zu stellen. "Wenn ihr euch über den Tod von Soldaten, Homosexuellen oder Promis freut, denkt ihr dann nicht daran, wie deren Freunde und Familie leiden?", schrieb ihr etwa ein Nutzer namens F_K_A, mit dem sie über Monate chattete. Sie begannen, auch abseits von religiösen Themen zu korrespondieren und tauschten etwa Musik- und Filmtipps aus.

Ausstieg

Spätestens zu diesem Zeitpunkt begann Phelps-Roper erstmals, über den Ausstieg aus der Sekte nachzudenken, gibt sie gegenüber dem "New Yorker" an. Als sie ihrer Mutter zu dieser Zeit Bilder von Hungersnöten in Afrika zeigte, bedankte sich diese bei Gott für das "Leiden, das Sündern zugefügt wird". Erstmals war Phelps-Roper über die Kirchendoktrin entsetzt. Wenig später – genau drei Jahre, nachdem sie sich auf Twitter angemeldet hatte – packte sie ihre Koffer und verließ mit ihrer kleinen Schwester die Sekte.

Twitter hilft

Zuflucht fand sie bei zahlreichen Leuten, die sie via Twitter kennengelernt hatte: Der jüdische Programmierer Abitbol verbrachte mit ihr Zeit in Florida, wo sie bei der Familie eines jüdischen Rabbis übernachtete. Und F_K_A, jener Nutzer, der ihr Umdenken mitausgelöst hatte – ist mittlerweile ihr Ehemann. Kontakt mit der Sekte haben Megan Phelps-Roper und ihre Schwester nur mehr virtuell. Was sich zeigt: Twitter eignet sich nicht nur dazu, Hassbotschaften zu verbreiten – sondern kann manchmal auch zu einem Umdenken führen. (fsc/red, 23.11.2015)

  • Die Westboro Baptist Church will mit Hassbotschaften schocken
    foto: epa/lo scalzio

    Die Westboro Baptist Church will mit Hassbotschaften schocken

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