18 Jahre, 325.000 Youtube-Fans: Wie Venicraft zu Österreichs populärstem Gamer wurde

Porträt23. November 2015, 10:39
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Mit über 100.000 Zuschauern täglich wächst ein Niederösterreicher zum Youtube-Star heran

Rafael ist ein Star. Wenn er in Wien herumspaziert, wird er erkannt und von Fans um Autogramme gefragt, auf der heurigen GameCity Vienna stellten sich hunderte Fans teils stundenlang für ein Foto mit ihm an. Kein Wunder, schließlich ist sein Gesicht täglich zu sehen – auf Youtube folgen dem jungen Niederösterreicher 325.000 Abonnenten, jeden Tag schauen im Durchschnitt über 100.000 Fans seine Videos.

Unter dem Namen Venicraft ist der 18-Jährige ein Youtube-Star, der weit über Österreichs Grenzen im ganzen deutschen Sprachraum bekannt ist; 70 Prozent seiner Abonnenten stammen aus Deutschland. Seinen vollen Namen will Rafael trotzdem lieber nicht in der Zeitung sehen, und auch seinen genauen Wohnort, von dem er täglich zur Schule nach Wien, an eine HTL für Netzwerktechnik, pendelt, mag er lieber nicht nennen.

Dafür zeigt Rafael seinen Fans in seinen Videos ganz von sich aus viel von seiner Welt. Der Löwenanteil seiner Videos – wie schon sein Youtube-Alias "Venicraft" verrät – gehört dem weltweiten Phänomen "Minecraft"; ein Drittel aller weltweit auf Youtube zum Thema Spiele hochgeladenen Videos entfällt auf die populäre Sandbox-Simulation.

In den meisten seiner Filme ist Rafael gemeinsam mit wechselnden Mitspielern in der Klötzchenwelt unterwegs, obwohl er in unregelmäßigen Abständen auch andere Spiele , etwa "Counter-Strike" oder "League of Legends" zeigt. Rafael selbst ist in diesen "Let’s Plays", mit denen er schon 2011 begonnen hat, nur im kleinen Insert oben beim Spielen zu sehen, doch seit einiger Zeit gewährt er auch in wöchentlichen Videos weitere Einblicke in sein Leben. So filmt er sich beim Weg zur Schule, spricht direkt in die Kamera, zeigt Bilder aus seinem Alltag oder von Auftritten auf Games-Events.

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Überleben in "Minecraft": Die Serie "VARO" ist Venicrafts erfolgreichstes Youtube-Projekt.

Das Hobby zum Beruf machen

"Ja, es ist ein Job", sagt Rafael beim Interview in einem Wiener Café und lacht. "Mein Tagesablauf besteht aus Schule, Heimfahren und Weiterarbeiten." Denn der erfolgreichste Gaming-Youtuber Österreichs zu sein, bedeutet vor allem eines: viel Arbeit und Disziplin.

Vier bis fünf Stunden täglich opfert der 18-Jährige, der in diesem Schuljahr maturieren wird, seinem Videokanal. "Die Aufnahme der Spielszenen ist dabei das Kürzeste. Der Rest entfällt auf Schnitt und Nachbearbeitung." Arbeitsplatz ist dabei – noch – das Kinderzimmer im Elternhaus, wo ein Gaming-PC, drei Monitore und ein professionelles Studiomikrofon die Grundausstattung bilden. "Inklusive Kameras habe ich schon einen etwa fünfstelligen Betrag in die Ausrüstung investiert – aber Studio würde ich nicht dazu sagen."

"Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht. Ich habe mich so in der Welt gefunden", meint der junge Niederösterreicher. Youtube bezahlt seine Content-Ersteller mit Beteiligung an den Werbeeinnahmen, und die ganz großen Let’sPlay-Stars wie PewDiePie oder, im deutschen Sprachraum, Gronkh und Sarazar sind dank Zusehern in Millionenzahl tatsächliche Großverdiener am Games-Hype im Netz.

Kann man auch hierzulande davon leben? "Dass man mit diesen Werbeeinnahmen viel verdient, ist ein Mythos. Werbung auf Youtube wird ums 18-Fache schlechter bezahlt als jene im Fernsehen, und schwankt auch saisonal stark. Für 1000 Views gibt es einen, zwei Euro. Nur davon kann man auch in meiner Größe nicht leben", stellt Rafael klar. "Was aber noch dazukommt, sind bezahlte Kooperationen. Und seit kurzem biete ich ja auch Merchandise an – T-Shirts, Taschen -, aber das ist eher ein Taschengeld nebenbei. Natürlich fallen dann für mich als selbstständiger Einzelunternehmer auch noch Steuern und Sozialversicherungsbeiträge weg." Wie viel Rafael genau mit seiner Arbeit verdient, will er aber lieber nicht verraten.

Vertrauen verpflichtet

Der direkte Kontakt zu den Fans und Abonnenten spielt für Rafael wie für alle Youtube-Personalities eine große Rolle. "Ich lese wirklich jeden Kommentar und antworte auch." Und das nicht nur auf der Videoplattform, sondern auch in anderen sozialen Netzwerken, etwa auf Twitter oder beim Fragenportal ask.fm. Sagenhafte 20.000 Antworten hat Rafael auf seiner Seite dort seinen Fragestellern bereits gegeben. "Es macht einfach Spaß, mit der Community zu kommunizieren. Diese Kommunikation ist zwar aufwendig, aber sehr wichtig, und dank Smartphone kann ich eigentlich jederzeit mit meinen Fans in Kontakt treten."

Dass diese enge, fast intime Verbindung mit einer großen Zahl an meist jugendlichen Zusehern auch für Firmen interessant ist, hat in den letzten Jahren auch zunehmend ein Problem aufgeworfen: Wenn Werbekunden erfolgreiche Youtuber dafür bezahlen, gegenüber ihrem Publikum bestimmte Produkte zu bewerben, verschwimmt die Grenze zwischen Content und Werbung.

"Klar, man macht irgendwie auch PR oder Marketing. Aber eine Grauzone gibt es dabei eigentlich nicht: Wenn man für eine Empfehlung bezahlt wird, muss man das kennzeichnen – alles andere ist sogar gesetzwidrig. Ich persönlich gehe solche bezahlten Kooperationen nur mit Firmen ein, wenn ich selbst auch wirklich hinter dem Produkt stehen kann. Ich will meine Authentizität nicht verkaufen." Auch weitergehende Vereinbarungen, wie sie etwa Ubisoft vor einiger Zeit mit den deutschen Stars Gronkh und Sarazar abgeschlossen hat, sieht Rafael als unproblematisch an. Zum Start von "Far Cry 4" hatte der Spielekonzern letztes Jahr die Publikumslieblinge nach Nepal auf Reisen geschickt. "Solange für die Zuschauer ein cooles, unterhaltsames Produkt entsteht und es klar gekennzeichnet wird, ist das legitim."

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Venicraft gibt Autogramme auf der Game City.

Von Youtube ins Berufsleben

Schon längst kümmern sich spezialisierte Agenturen um die bestmögliche Vermarktung ihrer meist jungen Youtube-Stars; auch Rafael hat einen Vertrag mit Endemol Beyond abgeschlossen. Diese Agenturen kümmern sich um weitergehende Kooperationen oder verschaffen ihren Klienten Auftritte auf Messen. Aktuell hat Rafael sogar mit einem großen österreichischen Telekom-Unternehmen gemeinsam einen Werbespot für dessen Facebook-Auftritt gedreht – Geld war aber hier nicht die Hauptmotivation. "Ich hatte bei dem Spot alle Freiheiten, was Setting, Skript und Kamera betrifft, es gab nur ungefähre Richtlinien. Das war eine tolle Erfahrung für mich."

Wie geht es weiter? "Zuerst einmal kommt die Matura, danach möchte ich einmal ein Jahr lang versuchen, von meinen Videos zu leben", meint Rafael. "Ich lasse es auf mich zukommen, es verändert sich ja vieles rasant. Ein Jahr auf Youtube, das ist so viel wie sieben Jahre in der richtigen Arbeitswelt. Und wenn es einmal keinen Spaß mehr macht, mache ich etwas anderes. Das Netzwerken dürfte ja kein Problem sein." (Rainer Sigl, 23.11.2015)

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