Brüssel: 16 Festnahmen am Sonntagabend – Gesuchter Abdeslam nicht darunter

23. November 2015, 00:56
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Höchste Terrorwarnstufe bleibt aufrecht – Schulen und Universitäten bleiben am Montag geschlossen – Auch Metro fährt nicht

Brüssel – In Brüssel hat die Polizei am Sonntagabend mehrere Anti-Terror-Einsätze durchgeführt. Wie der Staatsanwalt bei einer Pressekonfernz nach dem Ende der Aktion berichtete, wurden 19 Durchsuchungen durchgeführt, es gab 16 Festnahmen und ein Mann wurde bei einem Schusswechsel verletzt. Der im Zusammenhang mit den Anschlägen in Paris gesuchte S. Abdeslam ist nicht unter den Verhafteten.

Höchste Terrorwarnstufe bleibt aufrecht

Die höchste Terrorwarnstufe für Brüssel wird verlängert. Die belgische Hauptstadt bleibt weiter auf der höchsten Terrorwarnstufe 4, der Rest des Landes auf Stufe 3. Das teilte der belgische Premierminister Charles Michel nach einer Sitzung des nationalen Sicherheitsrates am Sonntag mit. Schulen und Universitäten bleiben am Montag geschlossen. Auch die Metro wird am Montag nicht fahren. Eine Neubewertung der Situation wird es am Montag geben.

Geisterstadt Brüssel

Am Wochenende vor Adventbeginn startet das Weihnachtsgeschäft in Brüssel traditionell durch. So sollte das auch am Samstag sein, trotz Schneegrieselns. Die Kaufhäuser im Zentrum der Hauptstadt haben in den Wochen vor Weihnachten auch an Sonntagen geöffnet. In den Fußgängerzonen rund um den berühmten Grand Place vor dem Rathaus, wo sich Shopper und Touristen normalerweise zu einem dichten Strom von Menschen bündeln, standen die Verkaufshütten bereit.

So etwa auch bei der nahen Börse, an der vorbei der Verkehr normalerweise vierspurig über den Boulevard Anspach rollt.

Aber seit Samstagmorgen ist in Brüssel nichts mehr normal.

Am Nachmittag war es in den Fußgängerzonen still. Nur wenige Menschen huschten durch die Straßen. Über den Anspach patrouillierten Polizisten neben Soldaten in Kampfmontur. Panzer fuhren durch die Stadt. Nach und nach machten die Geschäfte dicht.

Der U-Bahn-Verkehr wurde eingestellt, Museen, der Bahnhof Luxembourg beim EU-Parlament blieben zu, ebenso die großen Kinos. In der Nacht zuvor hatte das Krisenzentrum der Regierung (OCAM), in dem alle Sicherheitsdienste gebündelt sind, Alarm geschlagen. Die Warnstufe wurde von drei auf vier angehoben: höchste Gefahr eines "unmittelbar bevorstehenden" Anschlags.

Terroralarm ist für die Belgier, wo seit Jahren immer wieder islamistische Zellen ausgehoben werden, an sich nicht überraschend. Aber diesmal scheint alles anders zu sein, wie aus Erklärungen von Premierminister Charles Michel und seines Innenministers hervorging: Es gebe konkrete, präzise Hinweise, dass Anschläge wie in Paris bevorstünden, "an mehreren Stellen der Stadt gleichzeitig".

Einem der Attentäter von Paris, Saleh Abdeslam, dessen Bruder sich beim Anschlag selbst in die Luft gesprengt hatte, war die Flucht gelungen. Er kehrte offenbar nach Brüssel zurück, chauffiert von zwei Freunden. Die beiden wurden gefasst. Einer sagte bei Verhören aus, dass der flüchtige Abdeslam "sehr wütend gewesen" sei und dass er möglicherweise noch immer seine Sprengstoffweste trage. Gleichzeitig hatte die Polizei entdeckt, dass die Brüsseler Wohnung einer in Paris bei einer Razzia getöteten mutmaßlichen Terroristin "gesäubert" worden war. Sie war die Cousine des Drahtziehers Abdelhamid Abaaoud. Schlussfolgerung der Fahnder: Es müsse noch mehr Leute geben, die einen Anschlag ausführen könnten. Der Bürgermeister von Schaerbeek bestätigte das öffentlich.

Die Behörden verlängerten am Sonntag den Ausnahmezustand. Fast wirkt Brüssel wie die Kulisse eines Films. Keiner kann sich der Jagd nach den Terroristen entziehen. Es ist wie im berühmten Film von Fritz Lang, M – eine Stadt sucht einen Mörder. Es gibt tausende Hinweise an die Polizei, viele Fehlalarme.

Franzosen für Überwachung

Indes werden die Ermittlungen in Frankreich von der Mehrheit der Bevölkerung begrüßt – ebenso die Verlängerung des Ausnahmezustandes auf drei Monate. Maßnahmen wie Hausarrest für Gefährder, die Intensivierung von Grenzkontrollen, die Verstärkung der Exekutive und die Idee einer "Nationalgarde" werden laut Umfrageinstitut Ifop mit Werten zwischen 86 und 95 Prozent gebilligt.

Etwas unklar erschien die Lage in Deutschland. Wie die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung unter Berufung auf Sicherheitskreise berichtete, sei das Fußballspiel Deutschland gegen Niederlande in Hannover tatsächlich gefährdet gewesen. Fünf Terroristen hätten präzise Sprengstoffanschläge geplant, drei davon im Stadion. Das Kommando könne immer noch zuschlagen. Genau das Gegenteil berichtete das ZDF: Bisher gebe es keine Hinweise auf die Existenz einer Terrorzelle. (Thomas Mayer, 22.11.2015)

  • Manche Touristen sind von den Antiterrormaßnahmen nicht sonderlich beeindruckt,...
    foto: afp photo / john thys

    Manche Touristen sind von den Antiterrormaßnahmen nicht sonderlich beeindruckt,...

  • ...doch gleich nebenan sichern Soldaten die sonst sehr geschäftige Rue Neuve in Brüssel.
    foto: apa/lecocq

    ...doch gleich nebenan sichern Soldaten die sonst sehr geschäftige Rue Neuve in Brüssel.

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