"Chodorkowski": Eine postsowjetische Königsoper

22. November 2015, 17:50
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"Chodorkowski" erzählt vom Machtkampf Putins mit dem russischen Oligarchen

Wien – Zwei widerstreitende Chöre stecken schon in der Ouvertüre das Spannungsfeld ab. "Freiheit!", jubeln die einen, "Sicherheit!", mahnen die anderen. Dieses wohl heikelste Begriffspaar politischer Philosophie, mit dem jedes staatliche Gemeinwesen auf seine Art kämpft, erhält in der neuen Produktion des Sirene-Operntheaters eine klare Personifikation.

Freiheit steht für Michail Chodorkowski, einen jener jungen Glücksritter, die im Nachfolgestaat der Sowjetunion mithilfe der korrupten Jelzin-Regierung im Banken- und Ölgeschäft zu sagenhaftem Reichtum kommen. Sicherheit schreibt sich im Russland der 90er ein anderer auf die Fahne: der Ex-KGB-Offizier Wladimir Putin. Der eine will Russland "zur größten Firma der Welt" machen, der andere ein Stück Sowjetunion in die neue Zeit hinüberretten. Aus dem Machtkampf der ehrgeizigen Männer wird Putin als Sieger hervorgehen. Vorerst, denn Chodorkowski ist eine Oper am Puls der Zeit.

Als Volltreffer erweist sich bei dieser rundum gelungenen Produktion schon der Spielort: Die Säulenhalle im Semperdepot ist in ihrer Mischung aus Industrieruine und klassizistischen Anklängen wie geschaffen. Denn Kristine Tornquist (Libretto und Regie) inszeniert den Machtkampf als postsowjetisches Königsdrama von klassischer Größe. 14 Sänger und Darsteller spielen sich durch die ganze Tiefe des Raums, dunkel im Hintergrund: das Rote Orchester, geleitet von Periklis Liakakis. Der Komponist vertont das Drama mit gespenstischer Zurückhaltung, schafft eine an- und abschwellende Drohkulisse, die sich jeder Harmonie verweigert.

Aktien zum Broteinwickeln

"Unser Kompass ist der Profit, unser Idol das Kapital, unser Ziel die Milliarde", tönt die neue Finanzoligarchie im gerade untergegangenen Sowjetreich. Doch auf den Geldregen folgt schon bald die Krise. Zu leiden haben Natascha und Iwan als personifizierte "kleine Leute". In naiver Euphorie haben sie nicht nur die Leninbüste im Wohnzimmer entzweigerissen (nun muss sie schleunigst repariert werden), auch die ausgegebenen Staatsaktien eignen sich plötzlich nur noch zum Einwickeln von Brot. "Früher war kein Geld auch kein Geld und blieb kein Geld", resignieren sie. Doch der starke Mann steht schon bereit: Putin, den Alexander Mayr gesanglich dünn und mit optischer Ähnlichkeit authentisch verkörpert. Er, der bekennt, lieber Regeln zu machen, als nach ihnen zu spielen, stellt für die Oligarchen seiner Ära nur eine einzige auf: "Finger weg von der Politik!" Als Chodorkowski (Clemens Kölbl) dieses Primat infrage stellt, fällt er in Ungnade, und Putin statuiert an ihm ein Exempel.

Chodorkowski ist eine bemerkenswert wohltuende Produktion, weil sie dem gegenwärtigen Hang zur Schwarz-Weiß-Malerei eine an Fakten orientierte Machtanalyse in sämtlichen Grautönen gegenüberstellt. Sie kritisiert das System Putin nicht plump und oberflächlich, sondern im Kontext seiner geschichtlichen Vorbedingungen. Alle, auch Chodorkowski, bleiben hier im Zwielicht. Kristine Tornquist zeichnet Putin als seltsam unnahbaren Rechtspopulisten, getrieben von der Angst, im postsowjetischen Machtgeflecht selbst nicht sicher zu sein. Jeder nur annähernd an Politik Interessierte sollte das gesehen haben. (Stefan Weiss, 22.11.2015)

Bis 26. 11.

  • Hier, im Schatten seiner Macht, resignieren Putins Bürger.
    foto: bardel/sirene-operntheater

    Hier, im Schatten seiner Macht, resignieren Putins Bürger.

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