Nestroy: Armut, bleiche Mutter des Tourette-Syndroms

22. November 2015, 17:44
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Mit allerlei Brachialitäten mogelt sich Regisseurin Susanne Lietzow im Wiener Volkstheater um Nestroy herum: "Zu ebener Erde und erster Stock" zündet nicht, trotz scharfer Coupletzeilen von Hans Rauscher

Wien – Nur die Laterne links vorne leuchtet für alle gleich. Sonst trennt ein unsichtbarer Balken die Menschen in der Beletage von den Hungerleidern im Erdgeschoß. Johann Nestroys Posse Zu ebener Erde und erster Stock (1835) wird selten gespielt. Allzu schematisch scheint ihr Aufbau. Oben bläht sich Herr Goldfuchs und schlägt sich mit seiner Sippe den Wanst voll. Unten, beim "Fetzentandler" Schlucker, erzeugt drückende Armut ein Klima von Rohheit und Pfiffigkeit. Irgendwann verkehren sich die Verhältnisse. Am Lauf der Welt ändert das wenig.

Im Wiener Volkstheater hat man den Problemstoff an Regisseurin Susanne Lietzow weitergereicht. Das Glück, nach Wiener Maßstäben ein Vogerl, ist hier ein Mannsbild. "Fortuna" (Kaspar Locher) betritt als Zirkuskünstler den Schauplatz. Er ist ein prächtiger Faun im Goldfrack.

Als Figur ist der Glücksgott eine Hinzudichtung Lietzows. Aus ihrer Erfindung geht wenig hervor. Nestroy hätte sich das Wirken einer solchen Instanz vielleicht verbeten. Bei ihm ist "Glück" ein Synonym für den Zufall. Armut erzeugt ein Klima der Gemeinheit. Sie hilft moralisch nicht weiter. Auch die Ärmsten sind zu schlimmen Bosheiten fähig.

Präzisionsinstrument Sprache

Nestroy konnte die Verhältnisse aufzeigen, weil er sie beim Wort nahm. Lietzow dagegen glaubt, die Verhältnisse gröber machen zu müssen, als sie sind. Sie glaubt Nestroy kein einziges Wort. Bei ihr sagt die zähe, dauerschwangere Schluckerin (Steffi Krautz) zu ebener Erde den entlarvenden Satz: "Jetzt red' ich auch schon so g'schissen daher!" Falsch: Nestroys Sprache ist kein Naturdünger, sondern ein Präzisionsinstrument. Man muss sie nur zu gebrauchen verstehen.

Vieles stimmt nicht in Lietzows Inszenierung. Die Behausung von Schluckers ist ein rabenschwarzes Loch mit Deckenschräge (Bühne: Aurel Lenfert). Durch einen Schacht rieseln die Küchenabfälle den Proleten vor die Füße. Besucher wie der Zinsherr (Lukas Holzhausen) dürfen sich von den Lendensprössen des spindeldürren Tandlers (Günter Franzmeier) ein tief empfundenes "Oaschloch" an den Kopf werfen lassen. Armut schändet nicht. Sie erzeugt bloß das Tourette-Syndrom.

Mit anderen meint es das Schicksal besser. Johann (Sebastian Pass) ist Kammerdiener bei Goldfuchs. Er betrügt seinen einfältigen Brotherrn (Stefan Suske) nach Strich und Faden. Die weißen Handschuhe streift er über wie ein Anatom. Seine Durchtriebenheit reicht so weit, dass er schon heute genießt, was ihm die Laune des Schicksals erst morgen zutragen wird.

Unser aller Wutbürger

So eingekniffen und versäuert sehen künftige Machthaber aus. Das dazugehörige Coupletlied hat Standard-Kolumnist Hans Rauscher geschrieben. Johann ist der Wutbürger unserer Tage. An den langen Verszeilen verschluckt er sich fast, doch spuckt er sie schließlich wie giftige Kröten aus: "Es liegt was in der Luft, ich kann's richtig spüren, / Das Volk beginnt die Geduld zu verlieren." Kein Wunder also, dass sich in dieser Tirade "Gemeindebau" auf die Farbe "Blau" reimt. Aus diesem (problematisierten) Geist des Aufruhrs hätte sich etwas entwickeln lassen.

Lietzow hat sich für andere Schwerpunktsetzungen entschieden. Zu ebener Erde, rechter Hand, spielt ein Musiktrio misstönenden Kammer-Indiepop. Die heitere Liebesintrige sollte die Handlung eigentlich in Schwung halten. Parterrekind Adolf (Christoph Rothenbuchner) schmachtet die schöne Emilie (Nadine Quittner) aus dem ersten Stock an. Unten ist das polnische Putzmädchen (Claudia Kottal) dem Tandler-Schwager Damian (Thomas Frank) versprochen. Der garstige Johann oben würde gerne nach unten lieben. Sie alle kommunizieren bei Nestroy in Briefform. Leider erhält niemand die ihm zugedachte Post. Die Absichten verkehren sich. Die Sprache entlarvt die niedrige Gesinnung derer, die sie im Mund führen.

Kollabierender Ständer

Hier glaubt leider niemand mehr ans Wort, zu ebener Erde nicht und auch nicht im ersten Stock. Ist die Familie Schlucker endlich einmal fein essen gegangen, erbricht sich die Sippe quer über den Fußboden. Gerät Adolf in Liebeswallung, so kollabiert unter seinen Händen der Wäscheständer. Ist Nestroys Witz beim Teufel, wird alles brachial.

So verhungert die "Lokalposse". Herr Goldfuchs macht Bankrott und tauscht mit Schluckers die Wohnung. Wer nicht rechtzeitig eine Grippemaske trägt, stirbt elendiglich an Keuchhusten. Die Reichen bleiben reich, die Armen müssen sterben. Recht armselig war der Beifall für eine dann doch gescheiterte Aufführung. (Ronald Pohl, 22.11.2015)

  • Ebene Erde und erster Stock beim Mädchen-Begutachten im Wiener Volkstheater: Oben buhlt Damian (Thomas Frank) um Fanny (Katharina Klar), unten Johann (Sebsatian Pass) um Salerl (Claudia Kottal).
    foto: neubauer/apa

    Ebene Erde und erster Stock beim Mädchen-Begutachten im Wiener Volkstheater: Oben buhlt Damian (Thomas Frank) um Fanny (Katharina Klar), unten Johann (Sebsatian Pass) um Salerl (Claudia Kottal).

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