"Lehrer, die das nicht wollen, müssen sich versetzen lassen"

Interview23. November 2015, 05:30
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Bildungsministerin Heinisch-Hosek (SPÖ) und Staatssekretär Mahrer (ÖVP) über das Schlupfloch bei der Kindergartenpflicht und Nordkorea-Freunde

Im Rahmen der Bildungsreform sollen die Länder die Möglichkeit zur Schaffung von Modellregionen für eine gemeinsame Schule der Sechs- bis 14-Jährigen erhalten. Konkrete Modelle müssen vor Ort entwickelt werden, eines ist für Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) aber klar: "Wenn wir eine Modellregion definieren, dann müsste man auch die Bedingungen dieser Modellregion akzeptieren", sagt sie im STANDARD-Interview mit Staatssekretär Harald Mahrer (ÖVP).

Lehrerinnen und Lehrer, die bei einem solchen Gesamtschulmodell nicht mitmachen wollen, "müssen sich dann versetzen lassen", sagt Heinisch-Hosek. Für Eltern wiederum würde das aufgrund der freien Schulwahl in Österreich bedeuten, dass sie für ihr Kind eine andere Schule wählen.

Mahrer geht davon aus, dass die Länder für die gemeinsame Schule unterschiedliche "Wunschmodellkonzepte" vorlegen werden.

Mit Widerstand ist jedenfalls zu rechnen. Am Sonntag reagierten etwa aus Tirol der AHS-Landesschulsprecher, der Landeselternverband und die AHS-Lehrer "mit Entsetzen" auf die "Absicht, das Entscheidungsrecht der Schulpartner vor Ort bei der Umwandlung von Gymnasien in Gesamtschulen abzuschaffen".


STANDARD: Herr Staatssekretär, Sie haben bei der Präsentation der Bildungsreform gemeint, sie sei "fast geil". Was fehlt darin, damit sie für Sie so richtig geil geworden wäre?

Mahrer: Ich habe gesagt, ich finde es fast geil, dass wir es geschafft haben, dieses Elementarpädagogikpaket auf die Reise zu bekommen. Darüber habe ich mich wirklich ganz besonders gefreut, weil es das Paket mit der längsten Wirkung ist, wenn wir jetzt mit knapp vier Jahren mit Bildungskompass und dem verpflichtenden zweiten Kindergartenjahr anfangen.

foto: heribert corn
Das bildungspolitische Duo der rot-schwarzen Koalition: Ministerin Gabriele Heinisch-Hosek und Staatssekretär Harald Mahrer.

STANDARD: Im Reformpapier ist die Rede vom "zweiten verpflichtenden Kindergartenjahr für alle – mit Opt-out-Möglichkeit". Was jetzt – Pflicht oder nicht Pflicht?

Mahrer: Man kann jetzt auch schon für das erste verpflichtende Kindergartenjahr out-optieren. Es machen nur sehr wenige Leute.

Heinisch-Hosek: In ganz seltenen Fällen ist das schon jetzt möglich, wenn Kinder zum Beispiel besondere Behinderungen haben und häusliche Pflege notwendig ist oder wenn es besondere Umstände gibt, etwa wenn Bergbauernhöfe es nicht zulassen, dass Kinder in eine Einrichtung gehen.

Mahrer: Wir haben also schon jetzt beim Kindergartenbesuch im letzten Jahr vor der Schule im Schnitt eine Quote von fast 97 Prozent. Mir wäre es am allerliebsten, es würden alle hingehen, weil wir glauben, das ist mehr als eine Betreuungseinrichtung, das ist eine frühkindliche Bildungseinrichtung.

Heinisch-Hosek: Es geht um circa 4500 Kinder, und der Finanzminister macht auch, wenn ich so salopp sagen darf, ganz freundliche Nasenlöcher, dafür zu sorgen, dass das finanziert wird.

STANDARD: Es soll also gratis sein?

Heinisch-Hosek: Ich bin der Auffassung, das muss gratis sein, weil ich glaube, dass Erstbildungseinrichtungen frei zugänglich sein sollten. Es geht darum, diese 4500 Kinder, die noch nicht im System sind, zu erfassen, zu schauen, wie deren Entwicklungsstand ist, und den Kindern dann ein Portfolio mitzugeben, wie es schon jetzt die Fünfjährigen haben, das dann mit in die Volksschule wandert.

STANDARD: Der neue Bildungskompass soll ab 3,5 Jahren "Begabungen, Stärken, Schwächen, Talente des Kindes" erheben. Kann man das in dem Alter schon erkennen?

Mahrer: Die Idee ist, dass mit dreieinhalb Jahren die ersten Screenings und Checks anfangen. Es geht da nicht um einen Stichtag. Ein halbes Jahr vor Beginn des Kindergartens soll das passieren, nicht alles österreichweit innerhalb einer Woche. Die Entwicklungsstände der Kinder sind ja sehr unterschiedlich.Wir wollen früh mit dem Festhalten von Talenten und Begabungen beginnen und das konsequent weiterführen. Bis zum Talente-Check am Ende der Pflichtschule, den die Wirtschaftskammern mit den Ländern machen. Eine durchgehende Dokumentation, natürlich datengeschützt und nicht für jedermann einsehbar, für die Schülerinnen und Schüler selbst, für die Eltern, vor allem aber für die Pädagoginnen und Pädagogen.

Heinisch-Hosek: Wir haben ja schon seit vielen Jahren Bildungspläne von null bis sechs, wo man auch die Entwicklungsstände der Kinder dokumentieren könnte. Ich glaube, dass so eine Standortbestimmung nicht schlecht ist als Ausgangspunkt für die Entwicklung eines Kindes. Es geht darum, die Stärken eines Kindes zu suchen, um die zu verstärken, und vielleicht Schwächen etwa im motorischen Bereich zu bearbeiten. Wir werden die Entwicklungspsychologie sowie die Sonder- und Heilpädagogik heranziehen, um eine Standortbestimmung zu entwickeln. Das gehört klug und sanft mit den Eltern entwickelt, denn wer hört schon gerne "Ihr Kind kann dies oder jenes noch nicht"?

foto: heribert corn
"Die Autonomie ist eine neue Freiheit, die nicht mit Mangel zu tun hat, sondern mit Gestaltungsmöglichkeiten", sagt Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek.

STANDARD: Frau Ministerin, in den Ländern soll es Gesamtschulmodellregionen geben, aber begrenzt mit 15 Prozent der Schüler bzw. Schulstandorte. Was soll denn eine Gesamtschule für eine 15-Prozent-Gesamtheit bringen?

Heinisch-Hosek: Wir möchten, dass etwas, das die Länder definieren, erprobt werden kann. Wir haben jetzt einige wenige Beispiele und wollen sie gerne in einer gewissen Größe flächendeckend anbieten. Dabei wollten wir jedem Bundesland halbwegs gerecht werden. Das mag für ein Flächenbundesland oder für ein kleines Bundesland wie Wien, das aber sehr dicht bevölkert ist, sehr wenig erscheinen. Aber für Vorarlberg, das gerne das ganze Bundesland gehabt hätte, ist das vielleicht eine Möglichkeit, die beiden Modelle überhaupt zu vergleichen. Modelle soll man vergleichen können, daher haben wir uns auf diese 15 Prozent geeinigt. Was bedeuten kann, dass einige Schulstandorte nur mehr das Haus, die Hülle, darstellen, in das ein neues pädagogisches Konzept hineinwandert. Das würde bedeuten, dass es in einer definierten Region einen Automatismus gibt, dass Volksschulkinder gemeinsam weitergehen können und sich erst mit 14 entscheiden, welchen Weg sie weiter beschreiten.

STANDARD: Was heißt das für Eltern bzw. Lehrerinnen und Lehrer, die das keinesfalls wollen?

Heinisch-Hosek: Wir werden das natürlich mit den Lehrerinnen und Lehrern, sprich deren Vertretung, noch besprechen, aber wenn wir eine Modellregion definieren, dann müsste man auch die Bedingungen dieser Modellregion akzeptieren. Und wenn man das gar nicht kann, wäre es für mich mit Versetzung gelöst. Das heißt, Lehrerinnen und Lehrer, die das nicht wollen, müssen sich dann versetzen lassen. Und Eltern müssten, da wir freie Schulwahl haben, aus dieser Modellregion rausoptieren und eine andere Schule wählen. Es wird Richtlinien geben, die Länder werden Konzepte vorlegen, die der Bund genehmigt. Aber definieren muss man irgendwann etwas, sonst wird das nichts.

Mahrer: Wir haben da ein paar Fragen bewusst offengelassen, weil die Länder ihre Wunschmodellkonzepte entwickeln können sollen. Warum? Wir möchten analog zur Autonomie, die den Schulen erlaubt, dass sich unterschiedliche Schultypen inklusive elementarpädagogischer Einrichtungen zu Clustern mit unterschiedlicher inhaltlicher Ausrichtung zusammenschließen können, um zum Beispiel gemeinsam die schwierigen Schnittstellen Kindergarten/ Volksschule oder Volksschule/Sekundarstufe pädagogisch zu bearbeiten, dass ähnliche Konzepte auch für die Modellregionen vorgelegt werden. Vorarlberg probiert ja schon etwas, Wien plant auch, und ich gehe nicht davon aus, dass die Modelle gleich sein werden.

foto: heribert corn
"Das ist der Klassiker in Österreich: Wenn es mehr Freiheit gibt, kommt automatisch die Angst vor mehr Eigenverantwortung", findet Staatssekretär Harald Mahrer.

STANDARD: Herr Staatssekretär, Ihr Parteichef, Vizekanzler und Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner, hat gesagt, "besonders wichtig" sei gewesen, "die Bundesländer in die Verhandlungen einzubeziehen". Warum eigentlich?

Mahrer: Na ja, weil's eine Bund- Länder-Gruppe war, in der vier Landeshauptleute und vier Mitglieder der Bundesregierung vertreten waren, und das Schulwesen im Pflichtschulbereich eben Ländersache ist.

STANDARD: Aber herausgekommen ist wieder etwas, das großteils die alten föderalen Machtstrukturen im Schulbereich restauriert.

Mahrer: Ich sehe das anders und bin sehr zufrieden. Die Bildungsdirektionen sind eine neue Behörde in einer Sonderbehördenform, die es so in Österreich noch gar nicht gibt, mit einem Bundesbeamten an der Spitze, nicht einem Politiker. Dazu erstmalig in der Zweiten Republik die zentrale Abrechnung aller Lehrerinnen und Lehrer. Ich halte sehr viel von dieser Transparenz in der Abrechnung. Transparenz führt immer zu Effizienz und Sparsamkeit. Da werden sich mögliche Spaßettln aufhören.

Heinisch-Hosek: Ich freue mich auch über die Einsicht ins System.

Mahrer: Das ist nur recht und billig, denn am Ende des Tages geht's um das Geld der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler, die wollen, dass die Steuern bestmöglich für das eingesetzt werden, was im Klassenzimmer passiert.

Heinisch-Hosek: Mir war auch von vornherein klar, dass wir aufeinander werden zugehen müssen. Dass Strukturen, die seit den 1960er-Jahren gewachsen sind, zusammengeführt und effizienter, schlanker gestaltet werden, hätte ich mir vor ein paar Monaten nach Aussagen einiger Landespolitiker noch nicht erwartet. Und zum ersten Mal mit Einsicht in die Verrechnung und Stellenpläne, also wo welcher Lehrer sitzt – stellen Sie sich eine Firma vor, wo Gehälter gezahlt werden, und man weiß nicht, wo die Leute überhaupt sitzen, die diese Gehälter erhalten. Daher bin ich recht zufrieden.

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Beide – die rote Ministerin und der schwarze Staatssekretär – sind zufrieden mit dem, was in der Bund-Ländergruppe in Sachen Bildungsreform ausverhandelt wurde.

STANDARD: Ist eine "Autonomie" zur Umwandlung von bis zu fünf Prozent des pädagogischen Personals in Supportpersonal nicht zynisch? Motto: Opfere Lehrerinnen und Lehrer, kaufe Schulpsychologen, die der Staat nicht finanziert?

Heinisch-Hosek: Wenn wir jetzt den Schulen die Möglichkeit geben, ihre Gruppengrößen selbst festzulegen oder Jahrgänge zu mischen, heißt das nicht immer, dass ich automatisch Kindern Unterricht vorenthalte, sondern dass ich einfach meine pädagogischen Konzepte anders gestalte. Wenn ich nur die 50-Minuten-Einheit neu denke und mir neue Einheiten zusammensetze, erspare ich mir Zeit von Lehrerinnen und Lehrern für etwas anderes, ohne dass ich irgendwen nicht mehr beschäftige. Mit ein bisschen Fantasie geht das. Das ist eine neue Freiheit, die nicht mit Mangel zu tun hat, sondern mit Gestaltungsmöglichkeiten. Das finde ich großartig.

Mahrer: Ich sehe das auch so. Das ist ja der Klassiker in Österreich: Wenn es heißt, es gibt mehr Freiheit, kommt automatisch die Angst vor mehr Eigenverantwortung. Dann fürchtet man sich, dass man mehr selbst entscheiden und auch die Verantwortung dafür übernehmen muss. Siehe die Schreckgespenster unseres Nordkorea-Freundes ...

Heinisch-Hosek: Freund ist übertrieben ...

STANDARD: Sie meinen AHS-Lehrergewerkschaftschef Eckehard Quin, der meinte, mit den Gesamtschulmodellregionen ohne Vetorecht der Schulpartner wird eine "Schuldiktatur à la Nordkorea" eingeführt.

Mahrer: Wenn ich eine Veränderung haben will, dann muss ich die auch mitgestalten. Mitgestalten heißt auch, ein gewisses Wagnis einzugehen, ein Risiko auf sich zu nehmen, um etwas besser zu machen. Nicht immer zu sagen, es muss alles beim Alten bleiben, auch die Chancen und Potenziale zu sehen. Das ist eine riesige Chance, einen ersten Schritt Richtung Autonomie zu machen. Auch wenn das Zeit brauchen wird, das sehen wir bei den Universitäten. Da sind wir nach zwölf Jahren Autonomie zum Teil noch immer beim Lernen. Bei den Schulen wird es genauso sein. Man muss einmal wo anfangen und nicht ewig reden. (Lisa Nimmervoll, 23.11.2015)

ZU DEN PERSONEN

Gabriele Heinisch-Hosek (53) unterrichtete als Hauptschullehrerin Deutsch und Bildnerische Erziehung bzw. bis 2002 an der Schwerhörigenschule Wien. Von 2008 bis 2013 war die SPÖ-Frauenvorsitzende Ministerin für Frauen und öffentlichen Dienst, danach Ministerin für Bildung und Frauen.

Harald Mahrer (42) promovierte an der WU Wien in BWL, war dort von 1995 bis 1997 ÖH-Vorsitzender, gründete und leitete danach mehrere Beratungsunternehmen (legend Consulting, Pleon Publico, cumclave), seit 2014 Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft.

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