Stille Energierevolution in Mittelamerika

23. November 2015, 05:30
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Costa Rica war Vorreiter bei Strom aus Sonne, Wind und Wasser in Zentralamerika, Honduras, Nicaragua und andere Länder folgten

Tegucigalpa/Puebla – El Cruce bei Santa Ana liegt eine halbe Stunde außerhalb von Honduras' Hauptstadt auf 1400 Meter Höhe. Dort leben 250 Nachfahren der Lenca-Ureinwohner von Landwirtschaft und Viehzucht. Es ist frisch und windig. Deshalb wurde 2012 dort die größte Windkraftanlage Mittelamerikas eingeweiht – 54 Windräder mit einer Leistung von 120 Megawatt (MW).

Hersteller ist Globeleq Mesoamerica, eine Firma aus Costa Rica. Die Region hat sich in aller Stille zum Champion der nachhaltigen Energien gemausert: Honduras gewinnt rund 55 Prozent seiner Energie aus alternativen Quellen, Guatemala 60 Prozent, El Salvador 50 Prozent.

CO2-Neutralität als Ziel

Vorreiter war Costa Rica. Das entwickeltste Land der Region hat schon 2009 verkündet, bis zum Jahr 2021 CO2-neutral zu sein, also nicht mehr Treibhausgase in die Atmosphäre zu blasen, als die Natur aufnehmen kann. Obwohl das ehrgeizige Ziel vermutlich nicht erreicht wird, wurden in den vergangenen Jahren die Kapazitäten für Sonnen-, Wasser- und Windenergie, Biomasse und geothermische Anlagen ausgebaut.

Mittlerweile stammen 88 Prozent der Energie aus erneuerbaren Quellen, der Großteil aus Wasserkraftwerken. Heuer konnte nach Angaben des Elektrizitätsinstituts (ICE) 94 Tage lang der gesamte Energiebedarf des mittelamerikanischen Landes aus erneuerbaren Energien gedeckt werden. Darüber können sich auch die Verbraucher freuen: Die Tarife wurden im Schnitt um zwölf Prozent gesenkt.

Prädestiniert für Erneuerbare

"Wegen seines tropischen Klimas mit heftigen Regenfällen und starker Sonneneinstrahlung, die doppelt so hoch ist wie in Deutschland, ist Mittelamerika geradezu prädestiniert für erneuerbare Energien", sagt der Energieexperte Adam James von der Studiengruppe GTM Research. Er erwartet, dass in den kommenden fünf Jahren allein in der Photovoltaik zusätzliche 2300 MW installiert werden.

Auch eines der ärmsten Länder der Region, Nicaragua, setzt auf alternative Energien, die inzwischen 54 Prozent des Bedarfs decken. Ganz freiwillig war die Entwicklung allerdings nicht. Früher hing Mittelamerika am Erdöltropf und produzierte den Großteil seiner Energie in thermischen Heizkraftwerken, die mit Diesel arbeiteten. Die hohen Erdölpreise des vergangenen Jahrzehnts hätten die wirtschaftlich schwachen Länder in den Ruin getrieben und machten gleichzeitig den Umstieg auf erneuerbare Energien lukrativ.

El Niño bringt Dürre

Ganz ohne Wermutstropfen geht das allerdings nicht: Da die Wasserkraft den Löwenanteil trägt, ist das Modell anfällig. So sorgt das Klimaphänomen El Niño derzeit für eine anhaltende Dürre und beeinträchtigt die Leistung der Turbinen der Stauwerke. Und die Regierungen sind nicht gerade zimperlich bei der Installation der neuen Energieträger, deshalb wächst der Widerstand.

In El Cruce beispielsweise versprach die Baufirma den Bauern Straßen und Landtitel – und übte gleichzeitig Druck aus. "Mir haben sie gedroht, dass ich weggejagt werde, wenn ich nicht unterschreibe, weil ich ja keinen Landtitel habe", erzählt Lourdes Vásquez. Ihr Haus steht knapp 200 Meter von einem der Windräder entfernt. Nachts kann sie wegen des Knarzens oft nicht schlafen. Als die Windräder versenkt wurden, zitterte der Boden, und die Wände ihres Ziegel-Lehm-Hauses bröckelten. Die Bagger zerpflügten den frisch ausgesäten Acker ihrer Nachbarn, auf dem Fußballplatz der Gemeinde wurde die Umspannstation errichtet.

"Bekommen nur Brosamen"

Die umgerechnet 780 Euro Jahresmiete, die sie für die Verpachtung ihres Terrains bekommt, wiegen für die 41-Jährige die Nachteile nicht auf. "Wir bekommen nur Brosamen", schimpft sie. Nicht einmal der Strom sei billiger geworden, weder Arbeitsplätze noch Stipendien für die Jugendlichen gebe es. Die Firma erklärte, dafür sei der Staat zuständig. (Sandra Weiss, 23.11.2015)

  • Bauern und Windenergie, das ist auch in Honduras nicht immer eine friktionsfreie Kombo.
    reuters/jorge cabrera

    Bauern und Windenergie, das ist auch in Honduras nicht immer eine friktionsfreie Kombo.

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