Benitez nach Real-Demontage angeschlagen

22. November 2015, 15:09
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Spaniens Presse wittert nach 0:4 gegen Barcelona bereits das Aus für den Trainer – Fans fordern Rücktritt von Präsident Perez

Madrid – Nach der vom Erzrivalen FC Barcelona erteilten Lehrstunde mussten die Spieler von Real Madrid auch den Unmut der eigenen Fans ertragen. Mit wehenden Taschentüchern verabschiedeten die erzürnten Anhänger am Samstag ihre Stars in die Katakomben des Estadio Santiago Bernabeu, das erniedrigende 0:4 (0:2) im 231. Duell mit den Katalanen hinterließ deutliche Spuren. Und auch der Präsident Perez blieb nicht ungeschoren: "Florentino, dimisión", schallte es von den Rängen. Um die Rufe zu übertönen, ließ Real nach dem Abpfiff über die Lautsprecheranlage die Vereinshymne abspielen.

"Es schmerzt", sagte Trainer Rafa Benitez. "Zu verlieren schmerzt immer. Aber auf diese Art und Weise zu verlieren, tut noch viel mehr weh." Der Spanier, erst seit Sommer im Amt, steht nun noch mehr unter Druck, als bisher schon. Das Sportblatt "Marca" schrieb am Sonntag bereits das nahe Ende seiner Ära herbei. "Das Urteil über Benitez ist gefällt", hieß es. "Die Frage ist nur, ob der Trainer jetzt bald oder erst zum Ende der Saison entlassen wird." , schrieb die "Marca" weiter.

Praktisch ohne Gegenwehr hatte sich Benitez' Mannschaft ihrem Schicksal ergeben. Dabei hatte der Fußballlehrer, dem bisher eine übertriebene Defensivtaktik vorgehalten worden war, im Clasico mit in Ronaldo, Gareth Bale, Karim Benzema und James Rodriguez gleich vier Angreifer aufgeboten. Die Abkehr vom eigenen Konzept ging allerdings vollständig nach hinten los.

Nach einer Bilderbuch-Kombination über 40 Stationen, an der alle Barca-Feldspieler beteiligt waren, brachte Luis Surez die Katalanen schon nach zehn Minuten in Führung. Andres Iniesta, der Kapitän des Gegners, wurde vom Madrider Publikum gar mit Ovationen bedacht. Der wie in seinen besten Zeiten auftrumpfende Regisseur hatte nach einem Fersler von Neymar in der 53. Minute einen spektakulären Treffer zum 3:0 erzielt. Um sechs Punkte hat sich Barcelona nun bereits von den Hauptstädtern abgesetzt.

"Weltkulturerbe" Iniesta

Während die Zuschauer im Bernabeu die eigene Mannschaft mit Missfallenskundebungen bedachte, erntete Andres Iniesta, der Kapitän des Gegners, Ovationen. Der Barca-Regisseur hatte nach einem Fersler von Neymar in der 53. Minute einen spektakulären Treffer zum 3:0 erzielt, der zugleich eine Vorentscheidung bedeutete. "Iniesta gehört zum Weltkulturerbe", frohlockte Trainer Luis Enrique.

Zuletzt hatte es vor zehn Jahren im Bernabeu Beifall für einen Spieler der Blau-Roten gegeben. Der Applaus galt damals dem Brasilianer Ronaldinho, der Barca zu einem 3:0-Sieg geführt hatte. In jener Partie im November 2005 bestritt Lionel Messi mit 18 Jahren seinen ersten Clasico. Der Argentinier feierte am Samstagabend nach einer knapp zweimonatigen Verletzungspause sein Comeback. Er wurde in der 56. Minute eingewechselt, als das Spiel praktisch entschieden war.

Erklärungen

Luka Modric, noch einer der Besten im Real-Trikot, ging mit seinen Teamkameraden hart ins Gericht. "Wir haben nicht als Mannschaft gespielt, und das war nicht das erste Mal", beklagte der Kroate. Benitez, der zu Saisonbeginn den entlassenen Carlo Ancelotti abgelöst hatte, räumte Fehler ein, sah sich aber nicht als der Alleinschuldige. "Wir wollten Barca in der eigenen Hälfte unter Druck setzen, aber das haben die Spieler nicht immer getan."

Immerhin bekam der Trainer Unterstützung von Spielerseite. "Wir haben vollstes Vertrauen in ihn", sagte Abwehrspieler Marcelo: "Wir stehen erst am Anfang des Projektes, es stehen noch viele Spiele an." Ob das die Klubgewaltigen auch so sehen, bleibt abzuwarten. (red/sid/APA, 22.11. 2015)

  • Für das Team von Real-Trainer Rafael Benitez ging im 231. Clasico alles daneben.
    foto: ap/de olza

    Für das Team von Real-Trainer Rafael Benitez ging im 231. Clasico alles daneben.

  • Präsident Florentino Perez (neben Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy) musste sich Rücktrittsforderungen von den billigeren Plätzen anhören.
    foto: ap/de olza

    Präsident Florentino Perez (neben Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy) musste sich Rücktrittsforderungen von den billigeren Plätzen anhören.

  • So sieht ein Weltkulturerbe auch aus: Andres Iniesta.
    foto: apa/epa/marcou

    So sieht ein Weltkulturerbe auch aus: Andres Iniesta.

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