Kartografie des Überlebens

22. November 2015, 15:06
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Meinrad Hofer versucht die in seiner Serie "Witness" die Lebensumstände österreichischer Juden, die zwischen 1938 und 1945 ihre Heimat verließen und in die USA auswanderten, zu eruieren

So 'objektiv' wie möglich, geradeheraus und zugleich mit äußerster Achtsamkeit" porträtierte Meinrad Hofer seine Modelle. Hofer, den es nach Absolvierung der Photography and Audio-Visual Media School in Wien nach New York zog, wo er u. a. mit Steven Klein und Craig McDean arbeitete, versucht in seiner Serie Witness die Lebensumstände und die Erlebnisse österreichischer Juden, die zwischen 1938 und 1945 unter dem Druck der Nazis ihre Heimat verließen und in die USA auswanderten, zu eruieren. Seine Porträts legen ein unwiderlegliches bildliches Zeugnis von ihrem Leben ab – von dem, was sie verloren hatten, aber auch von dem, was sie sich im Exil aufgebaut hatten.

Fotografisch erschafft Hofer eine Kartografie ihrer einzigartigen Erfahrungen. "Karten jedoch verbergen die 'Wahrheit' eines Orts in dem Maß, in dem sie seine Topografie enthüllen, und so eignet diesen Gesichtern die eindringliche Schönheit dessen, was an ihnen wortlos und unerkennbar bleiben muss."

Die Porträts sind somit unzerstörbare Memorabilia der Persönlichkeiten und ihrer Geschichte, "bevor sie für immer verstummen werden". Martin Karplus, Anitta R. Fox, Edith Harnik, Bruno Goldstein, Otto Kernberg, Kurt Sonnenfeld, Lisl Steiner, Eric Pleskow oder Hans Weiss sind nur einige der Porträtierten.

Portraits von Charakterköpfen

Den kargen, ja spartanischen Fotoporträts beigefügt sind persönliche Erinnerungen an die Zeit der Verfolgung, der Verluste und des Neubeginns in den USA. Luzid und entlarvend der Umgang nach dem Krieg bis heute. Das Gros der Erzählungen der Zeitzeugen beginnt mit der Kindheit, mündet bald in den Wirren der untergehenden Ersten Republik und deren Auflösung durch den "Anschluss" Österreichs an Hitlerdeutschland.

Goldschmiedin Trudy Jeremias erinnert sich, neben der Deportation des Vaters nach Dachau, vor allem an die Sommerfrischen in Aussee. Auch Edith Harnik zog es später, in den 1970/80er-Jahren immer wieder ins Salzkammergut. Interessant die Antwort eines Einheimischen damals auf die Frage, wieso so viele "Refugee-Juden" in den Kurhotels seien: "Ja, im Sommer sind wir keine Antisemiten." Eric Pleskow, 14-facher Oscarpreisträger und Viennale-Präsident, beschreibt Österreich vor 1938 als "country in a kind of dark cloud". Gustav Papanek, Harvard-Professor, Wirtschaftswissenschafter, war, wie sicher viele, überrascht über die "Klassifizierung als Jude". Sein Selbstbild war "Wiener, Österreicher, Sozialdemokrat und Fußballfan". Erschreckend die Details der Verfolgung, Demütigung, Bedrohung, die Tode. Versöhnlich aber sind die meisten mit der Jetztzeit. Fotokünstlerin Lisl Steiner fasst es so zusammen: "Ich liebe Wien, ich komme immer wieder zurück."

Besonders einprägsam sind die Porträts der Charakterköpfe. Zusammen mit den Worten sind sie eindringliche Dokumente wider das Vergessen. Und wie die Aktualität beweist: Wehret den Anfängen! (Gregor Auenhammer, 23.11.2015)

Meinrad Hofer, "Witness. Realities of forced emigration 1938-1945". € 34,90 / 144 Seiten. Kehrer-Verlag, Heidelberg/Berlin 2015

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