Höchste Terrorwarnstufe für Brüssel wird über Sonntag hinaus verlängert

22. November 2015, 18:47
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Schulen und Universitäten am Montag geschlossen – Metro fährt auch am Montag nicht – Suche nach mindestens zwei Verdächtigen – Veranstaltungen abgesagt, Kontrollen in Zügen

Brüssel – Die höchste Terrorwarnstufe für Brüssel wird verlängert. Die belgische Hauptstadt bleibt weiter auf der höchsten Terrorwarnstufe 4, der Rest des Landes auf Stufe 3. Das teilte der belgische Premierminister Charles Michel nach einer Sitzung des nationalen Sicherheitsrates am Sonntag mit. Schulen und Universitäten bleiben am Montag geschlossen. Auch die Metro wird am Montag nicht fahren. Eine Neubewertung der Situation wird es am Montag geben.

Auch am Sonntag stand das öffentliche Leben still

Die Behörden in Brüssel haben nach einer ruhigen Nacht auch am Sonntag vorerst die höchste Terrorwarnstufe beibehalten. Das öffentliche Leben stand damit, wie schon am Vortag, weitgehend still. Die U-Bahn blieb geschlossen, Veranstaltungen wurden abgesagt. Die Behörden bestätigten am Vormittag Medienberichte, wonach aktuell mindestens zwei mutmaßliche Terroristen gesucht werden. Sie könnten bewaffnet und zu Taten bereit sein, hieß es.

Auf Anweisung des Bürgermeisters hatten am Samstag bereits ab 18 Uhr Abends die meisten Restaurants und Bars in der Stadt geschlossen. Auf den sonst so belebten Straßen der belgischen Hauptstadt verblieben teils nur die zahlreichen Polizisten und Soldaten, auch wenn einzelne Bars "aus Widerstand" gegen den Terror trotzdem geöffnet hatten. Abseits von einem Fehlalarm in einem Hotel gab es über Nacht keine Meldungen über neue Polizeieinsätze.

U-Bahn ab Montag wohl wieder geöffnet

Laut einer Meldung der Zeitung "Le Soir" werden seit Sonntagfrüh in internationalen Zügen aus und nach Belgien "systematische Identitätskontrollen" durchgeführt. Dabei geht es nach den Worten des belgischen Innenministers Jan Jambon nicht nur um den flüchtigen mutmaßlichen Attentäter von Paris, Saleh Abdeslam, der offenbar im Stadtteil Laeken vermutet wird. "Die Gefahr ist größer als Abdeslam alleine" sagte er am Samstagabend dem Rundfunksender VRT.

Man suche nach mehreren Verdächtigen, deshalb habe man zu einer "eine derartigen Konzentration der Mittel" gegriffen. Auch der Bürgermeister der Brüsseler Gemeinde Schaerbeek, Bernard Clerfayt, sprach im belgischen Rundfunk BTBF von zwei Verdächtigen. Am späten Nachmittag wollte der nationale Sicherheitsrat erneut zusammentreten, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Noch vor dem Treffen kündigte Justizminister Koen Geens an, dass die U-Bahn am Montag voraussichtlich wieder den Betrieb aufnehmen werde. "Wir werden die Metro-Stationen bewachen", sagte Geens dem Sender VRT. "Wir werden weder Brüssel noch das übrige Land wirtschaftlich lahmlegen. Wir lassen uns nicht von Panik oder Angst leiten, aber wir brauchten Zeit, um alles zu organisieren."

"Ähnlicher Anschlag wie Paris"

Die höchste Terrorwarnstufe gilt in Brüssel seit Samstagfrüh. Es gebe konkrete Hinweise auf ein geplantes Attentat von Terroristen "mit Waffen und Sprengstoff", "ähnlich wie in Paris" hatte der belgische Premierminister Charles Michel am Samstag nach einer Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates die Maßnahme begründet. Es habe Hinweise auf Anschläge an mehreren Orten gegeben, etwa auf Einkaufszentren, den öffentlichen Nahverkehr oder Großereignisse, sagte Michel ohne Details zu nennen. Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg blieben deshalb auch die Synagogen der Stadt am Wochenende geschlossen, sagte Brüssels oberster Rabbiner Albert Gigi am Sonntag dem israelischen Armee-Rundfunk.

Der mutmaßliche Attentäter Saleh Abdeslam wurde weiterhin in Brüssel vermutet, wohin er sich nach den Pariser Attentaten laut Ermittlern abgesetzt hatte. Der US-TV-Sender ABC will von Bekannten Abdeslams erfahren haben, dass dieser angeblich darauf warte, nach Syrien zu fliehen. Er habe ihnen via Skype mitgeteilt, dass er sich weiter in Brüssel verstecke. Demnach fühlt sich Abdeslam nicht nur von der Polizei bedroht, sondern auch von Mitgliedern der Terrormiliz IS. Diese seien verärgert, weil er sich in Paris nicht, so wie angeblich vereinbart, ebenfalls in die Luft gesprengt habe, sondern nach dem Anschlag geflüchtet sei. Die Angaben wurden von Ermittlern nicht bestätigt, die Freunde Abdeslams von ABC nicht namentlich genannt.

"Lieber im Gefängnis als auf dem Friedhof"

Sein Bruder Mohamed A., der in der vergangenen Woche vorübergehend festgenommen, aber bald wieder freigelassen wurde, forderte Saleh Abdeslam am Sonntag erneut auf, sich den Behörden zu stellen. "Wir sagen ihm, dass wir ihn lieber im Gefängnis sehen würden, als auf dem Friedhof", sagte er dem TV-Sender RTBF. Dann könne er seiner Familie – und jenen der Opfer – die Antworten geben, auf die sie warteten.

Der Ministerpräsident der Region Brüssel, Rudi Vervoort, hatte am Samstagnachmittag verkündet die U-Bahn würde noch mindestens bis Sonntag 15.00 Uhr außer Betrieb sein. Danach solle die Sicherheitslage neu evaluiert werden. Der Bahnhof Brüssel-Schuman nahe EU-Kommissions- und Ratsgebäude wurde überhaupt geschlossen. An Bahnhöfen wurde verstärkt kontrolliert, Soldaten patrouillierten in der Stadt.

Auch Einkaufszentren geschlossen

Am Nachmittag schlossen auch alle großen Einkaufszentren der Stadt ihre Tore, dasselbe galt für das flämische Parlament sowie die flämische Universität UVB. Das nationale Krisenzentrum riet zudem allen Geschäften der Brüssler Innenstadt, am Samstagnachmittag die Rollläden herunterzulassen. Der belgische Fernsehsender "RTBF" berichtete, der Bürgermeister des Viertels Molenbeek, aus dem besonders viele extremistische Islamisten stammen, habe eine militärische Bewachung aller Supermärkte angeordnet.

Ebenfalls geschlossen blieb das Atomium, eines der bekanntesten Wahrzeichen der Stadt. Das Brüsseler Musikfestival Sound/Check, bei dem 130 Musiker in einer Konzerthalle in der Innenstadt auftreten sollten, wurde ebenso abgesagt wie ein Auftritt des Sängers Johnny Hallyday und zahlreiche andere Konzerte in der belgischen Hauptstadt.

Größere Plätze meiden

Bereits in der Nacht auf Sonntag hatte das nationale Krisenzentrum eine Reihe von "Empfehlungen" an die Brüssler Bevölkerung ausgesprochen. "Wir bitten darum, Plätze mit vielen Menschen in der Hauptstadtregion Brüssel zu meiden, also Konzerte, Großereignisse, Bahnhöfe, Flughäfen und den öffentlichen Personennahverkehr."

Die Terrorwarnstufe 4 gilt neben dem Großraum Brüssel auch im nördlich der Hauptstadt gelegenen Vilvorde. Im Rest Belgiens gilt weiter die Warnstufe 3, was einer "möglichen und wahrscheinlichen" Bedrohung entspricht. Es ist nicht das erste Mal, dass in Belgien die höchste Terrorstufe gilt. Nach Angaben von "RTBF" wurde sie zuletzt im Mai 2014 nach dem Attentat auf das jüdische Museum, bei dem ein Islamist vier Menschen erschoss, für jüdische Einrichtungen ausgerufen. (red, APA, Reuters, 22.11.2015)

Der islamistische Terror bedroht seit langem auch Belgien. Die Anzahl der nach Syrien und in den Irak gereisten Kämpfer ist gemessen an der Bevölkerungszahl so hoch, wie nirgends anders in Europa. Einige Vorfälle der vergangenen Monate:

21. August 2015: Ein marokkanischer Islamist steigt in Brüssel in den Thalys-Schnellzug nach Paris, eröffnet mit einem Sturmgewehr das Feuer und verletzt zwei Menschen schwer. Der Mann wird von Fahrgästen überwältigt und der Polizei übergeben.

11. Februar 2015: Der Gründer der belgischen Islamistenorganisation "Sharia4Belgium" wird in Antwerpen zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Laut Urteil predigt die Organisation den bewaffneten Kampf und möchte die Demokratie in Belgien durch einen islamischen Staat ersetzen.

15. Jänner 2015: Bei einer Anti-Terror-Aktion gegen heimgekehrte Syrien-Kämpfer im ostbelgischen Verviers unweit der deutschen Grenze erschießen Sicherheitskräfte zwei mutmaßliche Jihadisten.

7. Jänner 2015: Einer der Attentäter der Anschlagsserie in Paris unter anderem auf das Magazin "Charlie Hebdo" hatte Verbindungen nach Belgien. Ein Mann aus Charleroi hatte mit Amedy Coulibaly über den Kauf eines Autos und von Waffen verhandelt. Coulibaly hatte in einem koscheren Supermarkt Geiseln genommen und vier Menschen getötet.

24. Mai 2014: Bei einem Anschlag auf das Jüdische Museum in Brüssel sterben vier Menschen. Der französische Islamist Mehdi Nemmouche hatte mit einem Sturmgewehr um sich geschossen. Er wird eine Woche später in Marseille festgenommen und nach Belgien ausgeliefert.

19. Mai 2008: Marokkanische Sicherheitskräfte fassen elf mutmaßliche islamistische Terroristen. Sie sollen Anschläge auf EU-Einrichtungen und das Sheraton-Hotel in Brüssel geplant haben. Einer der festgenommenen Männer soll zeitweise in Brüssel gelebt haben.

  • Die Straßen der belgischen Hauptstadt waren auch am Sonntag weitgehend verwaist, ...
    foto: apa / epa / stephanie lecocq

    Die Straßen der belgischen Hauptstadt waren auch am Sonntag weitgehend verwaist, ...

  • ...einzig die zahlreichen Sicherheitskräfte waren präsent.
    foto: apa / epa / stephanie lecocq

    ...einzig die zahlreichen Sicherheitskräfte waren präsent.

  • Die belgischen Sicherheitskräfte wurden am Samstag in höchste Alarmbereitschaft versetzt
    foto: reuters

    Die belgischen Sicherheitskräfte wurden am Samstag in höchste Alarmbereitschaft versetzt

  • Vor dem Radisson Hotel im Zentrum Brüssels wurden Sicherheitskräfte postiert
    foto: reuters

    Vor dem Radisson Hotel im Zentrum Brüssels wurden Sicherheitskräfte postiert

  • Der U-Bahn-Verkehr wurde am Samstag komplett eingestellt
    foto: afp

    Der U-Bahn-Verkehr wurde am Samstag komplett eingestellt

  • "Die Bedrohung ist ausreichend, um auf Alarmstufe vier zu gehen. Wir müssen jetzt Maßnahmen ergreifen", sagte Innenminister Jan Jambon vor der Sitzung des Sicherheitsrates
    foto: apa

    "Die Bedrohung ist ausreichend, um auf Alarmstufe vier zu gehen. Wir müssen jetzt Maßnahmen ergreifen", sagte Innenminister Jan Jambon vor der Sitzung des Sicherheitsrates

  • Premier Michel sieht ein ähnliches Anschlagsrisiko wie in Paris gegeben
    foto: reuters

    Premier Michel sieht ein ähnliches Anschlagsrisiko wie in Paris gegeben

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