"Goldene Zeiten": Blick in die habsburgische Buchtruhe

20. November 2015, 18:31
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Im Prunksaal der Nationalbibliothek brechen "Goldene Zeiten" für die Buchkunst zwischen Mittelalter und Renaissance an. Die Schau zeugt von einem radikalen technischen wie auch geistigen Umbruch in der Schriftkultur jener Zeit

Wien – Maximilian sitzt oben auf seinem Thron, am Fußende der Stufen unter ihm kniet einer. Die Szene zeigt die Planung zu seinem Triumphzug und Maximilian I. hat sie und sich auf Papier festhalten lassen. Genau wie Visualisierungen des Zugs selbst. Maximilian hatte Glück, zu seiner Zeit geboren worden zu sein, denn nicht lange vorher hätte es die Mittel, seiner Bibliophilie nachzugehen, zum Teil noch nicht gegeben.

Es ist ein Blick in die Büchertruhen der Habsburger, den die Österreichische Nationalbibliothek seit Freitag mit der Schau Goldene Zeiten gewährt. Rund 80 Belege aus der Zeit des Umbruchs vom Mittelalter zur Neuzeit hat man ausgewählt, um einen radikalen Wandel zu illustrieren: Im 14. Jahrhundert begann das Buch nämlich, sich über die Klostermauern, die es bisher beherbergt hatten, hinaus zu verbreiten.

Auch Adelshöfe und städtische Bildungszentren legten nun als Ausdruck einer sich verfeinernden Kultur Büchersammlungen an. Prächtige Repräsentationsobjekte sowie intimere zur privaten Nutzung, etwa individualisierte Gebetbücher, entstanden in immer größerer Zahl und neuerdings auch auf Deutsch. Später wurde das noch befeuert von den neuen Möglichkeiten des Druckens, die die mühsame Herstellung durch händische Schreibarbeit zunehmend ablösten.

Gründungscodex der ÖNB

Noch ungerührt davon macht den Anfang der Prachtstücke im hauseigenen Prunksaal allerdings das der Schau ihren Namen gebende Evangeliar des Johannes von Troppau: Ganz in Gold verfasst und gebunden ist dieses Werk von 1368 eines der ältesten in der ehemals habsburgischen Sammlung und damit quasi der Gründungscodex der ÖNB. Man hatte erkannt, dass neben Prachbauten auch Schriften den eigenen Machtanspruch demonstrieren.

In neue Dimensionen der Buchkultur stieß deshalb Kaiser Friedrich III. vor, dessen Leben beinah das ganze 15. Jahrhundert währte und dessen Buchaufträge alles Bisherige an Zahl wie auch Opulenz übertrafen. Mit dem sagenumwobenen "AEIOU" ließ er sein Bucheigentum markieren, doch sorgte er sich ebenso um seine Vorgänger und Nachfolger. Die Goldene Bulle des König Wenzel etwa holte er nach Wien, heute steht diese Abschrift des Gesetzestextes des Heiligen Römischen Reiches auf der UNESCO-Liste des Weltdokumentenerbes und ist zum ersten Mal seit langem wieder öffentlich zu sehen.

Sehnsucht nach dem Lehrbuch

Für Sohn Maximilian I., der ihm 1508 auf den Kaiserthron folgte, ließ er hingegen pädagogisch ausgefuchste Lehrbücher anfertigen: "Drolerien", heitere Zeichnungen am Rand, sollten den jungen Prinzen zum Blick hinein verleiten. Oft benutzt worden dürften sie, ihrem Erhaltungszustand nach zwar trotzdem nicht sein, doch tatsächlich soll jener eine später durchaus sehnsuchtsvolle Beziehung zu seinem Donat, einem in der Ausstellung gezeigten Grammatiklehrbuch, aufgebaut haben.

Auch für andere Bücher, wie eingangs angerissen, entwickelte Maximilian eine Leidenschaft. Zuträglich war es ihm da nur, dass sich während seiner Herrschaft mit neuen Herstellungstechniken und Papier als Unterlage ganz neue Genres abseits des Repräsentativen und Erbaulichen entwickelten. Dass nun nicht mehr die Pracht des Pergaments zählte, sondern die papierene Wiedergabe inhaltlicher und thematischer Opulenz, erlaubte es Maximilian, auch profanere Wünsche umzusetzen.

Bebilderte Inventare hatten es ihm besonders angetan, von Burgen und Zeughäusern ließ er sie anfertigen. Folterwerkzeuge und Waffen leuchten heute noch (allzu freundlich) bunt aus diesen Kostbarkeiten, zu deren Bebilderung er die größten Künstler seiner Zeit verpflichtete. Aufträge für Holzschnitte zu den 120 Buchprojekten, die er im Lauf seines Lebens in Angriff nahm und zuweilen soweit selbst betreute, dass sie niemals fertiggestellt wurden, erhielten neben Albrecht Dürer auch Lucas Cranach und Albrecht Altdorfer.

Neue Technik, neuer Geist

Doch gibt es noch einen anderen Grund für die Produktion solch profaner Schriften als den technischen: den (beginnenden) Humanismus. Fürstenspiegel etwa entstanden in seiner Folge als Wiederbelebung einer antiken Tradition, in der Lebensbeschreibungen früherer Herrscher den aktuellen als Anschauung dienen sollten. Zu den göttlichen Lebensweisungen (Gebetbücher, Psalter) traten damit weltliche. Und neben sie auch allerlei Stammbäume und autobiographische Werke wie Theuerdank und Weißkunig.

Bemerkenswert an Maximilians Sammlung, der seinen Sitz in Innsbruck bezog, ist zudem eine offenbare Verschiebung der Produktionsstätten im späten 15. Jahrhundert von Wien in den süddeutschen Raum. Mit dem rheinischen Drucker Johannes Winterburger, der 1492 nach Wien zog, sollte dazu wieder eine Gegenbewegung einsetzen. Sein Wiener Heiltumsbuch von 1502, das u. a. die früheste Darstellung des Stephansdoms enthält, zeugt eindrücklich davon. Es muss nicht alles Gold sein, was strahlt, das beweisen die 16 Themen-Schaukästen. (Michael Wurmitzer, 20.11.2015)

  • 1368 geschaffen ist das "Evangeliar des Johannes von Troppau" quasi der Gründungscodex der ÖNB
    foto: önb

    1368 geschaffen ist das "Evangeliar des Johannes von Troppau" quasi der Gründungscodex der ÖNB

  • Das "Abecedarium" von Maximilian I. In späteren Jahren soll er eine durchaus sehnsüchtige Beziehung zu einem Grammatiklehrbuch aus Jugendtagen gehabt haben.
    foto: österreichische nationalbibliothek

    Das "Abecedarium" von Maximilian I. In späteren Jahren soll er eine durchaus sehnsüchtige Beziehung zu einem Grammatiklehrbuch aus Jugendtagen gehabt haben.

  • Der "Donat", das Grammatiklehrbuch von Maximilian I., nach dem er sich später manchmal sehnte. "Drolerien" schmücken es.
    foto: önb

    Der "Donat", das Grammatiklehrbuch von Maximilian I., nach dem er sich später manchmal sehnte. "Drolerien" schmücken es.

  • Das "Wiener Heiltumsbuch" (1502) von Johannes Winterburger zeigt die älteste Abbildung des Wiener Stephansdoms.
    foto: önb

    Das "Wiener Heiltumsbuch" (1502) von Johannes Winterburger zeigt die älteste Abbildung des Wiener Stephansdoms.

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