Gary Shteyngart: "Nur 29 Likes für mein letztes Foto"

Interview22. November 2015, 15:00
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"Und 100 sollten es schon werden", sagt der New Yorker Autor mit Blick auf sein Smartphone im Interview über sein neues Buch "Kleiner Versager"

STANDARD: Herr Shteyngart, wir treffen uns während Ihrer Lesereise durch Deutschland. Wie erfolgreich war denn Ihr Aufruf, dass die Leute ihre Dackel zu den Veranstaltungen mitbringen sollten?

Shteyngart: Nicht so erfolgreich. Ich habe keinen einzigen getroffen. Vielleicht gibt es ein Dackelverbot in Literaturhäusern?

STANDARD: Vielleicht liegt es daran, dass Sie Ihren eigenen auch daheim gelassen haben.

Shteyngart: Felix ist kein großer Reisender. Neuerdings hat er auch ein Rückenleiden.

STANDARD: Er begleitet Sie also nur in New York?

Shteyngart: Manchmal. Er hat einmal im Strand, der berühmten Buchhandlung in Manhattan, mit mir gelesen. Damals standen mehr Leute bei ihm an als bei mir. Ein Autogramm aus seiner Pfote gilt offensichtlich als wertvoller. Das sagt etwas über die literarische Öffentlichkeit von heute aus.

STANDARD: Ihr neues Buch "Kleiner Versager" handelt von Ihnen selbst.

Shteyngart: Es sind Memoiren. Da muss man wahrhaftig sein, alle Fakten werden vom Verlag überprüft. Da kommen allerlei Dinge heraus, die ich nicht vermutet hätte, schließlich war ich seit meiner späteren Jugend häufig nicht ganz bei mir. Zum Beispiel meinte ich mich zu erinnern, dass wir einmal einen Zug gekidnappt hätten.

STANDARD: Klingt wie eine Szene aus "The Taking of Pelham 123".

Shteyngart: Eben. Das war der Film. Wir haben ihn gesehen, als wir high waren, und ich dachte, wir hätten das wirklich getan. Viele Jahre wusste ich nicht, was wirklich war und was nicht.

STANDARD: An die Kindheit können Sie sich hingegen genau erinnern, wie aus dem Buch deutlich wird.

Shteyngart: Bis zu meinem ersten richtigen Drink und meinem ersten Joint ist alles da. Und zwar auf eine andere Weise, als das heute geschieht. Ich habe ja inzwischen einen Sohn, der ist zwei Jahre alt, und bei dem wird jedes Mal mit dem Telefon dokumentiert, wenn er auf die Toilette geht. Damals musste man sich sehr genau überlegen, was man fotografierte, dafür war das Gedächtnis schärfer.

STANDARD: Könnte das damit zu tun haben, dass Sie eine leidensreiche Kindheit hatten, geprägt durch Asthma und Fehlbehandlungen.

Shteyngart: Das kann gut sein. Bis heute habe ich Schmerzen. Schlagen Sie eine beliebige Seite in einem Lexikon der Krankheiten auf – ich habe sie! Ich hoffe aber, dass ich noch 20, 30 Jahre leben kann. Damit würde ich die durchschnittliche russische Lebenserwartung von 53 Jahren ziemlich übertreffen.

STANDARD: Sie sind also doch kein Hypochonder, sondern da liegt tatsächlich allerhand an?

Shteyngart: Absolut. Ich habe einen Concierge-Doctor, wie man das in New York nennt, der beschäftigt sich nicht zehn Minuten mit mir, sondern viele Stunden.

STANDARD: Der wohnt aber nicht bei Ihnen im Haushalt?

Shteyngart: Nein, ich bin ja nicht Michael Jackson. Das wäre die nächste Möglichkeit.

STANDARD: Ihre Familie stammt aus den Gegenden Europas, die Timothy Snyder als "Bloodlands" bezeichnet hat. Ukraine, Weißrussland. Ihren Großeltern und Eltern wurde von der Geschichte vieles verwehrt. Erst Sie können sich so verwirklichen, wie es Ihnen entspricht. Haben Sie Schuldgefühle?

Shteyngart: Nach 15 Jahren Psychoanalyse habe ich keine Schuldgefühle mehr. Aber natürlich ist es so, dass meine Großeltern schon vor der Shoah Pogrome erlebt haben, mein Großvater wurde auf eine Weise getötet, die an ein Drive-by-Shooting in L.A. erinnert. Mein Vater konnte nicht Opernsänger werden, wovon er träumte, sondern musste aus der Sowjetunion nach Amerika auswandern. Meine schlimmste Erinnerung ist die Hebräische Schule. Das ist harmlos. Wir bekommen eben alle unsere Karten zugespielt.

STANDARD: Sie beschreiben in "Kleiner Versager" sehr schön, wie Sie aus den allgegenwärtigen Parolen einen frühen Sinn für Literatur entwickeln. Es gab aber auch Bücher in Leningrad.

Shteyngart: Man hat diese Parolen gegessen wie Brot. Die Menschen wollen nun einmal glauben, dass sie zu etwas Großem gehören. Was die Bücher angeht, lasen wir damals weit über unserem Niveau. Das wichtigste Buch für mich war Nils Holgersson. Es gab aber auch eine Ausgabe von Tom Sawyer mit einem Vorwort von Stalin oder einem seiner Lakaien.

STANDARD: Sie schreiben im Bett, habe ich gelesen, da gibt es ein berühmtes, französisches Vorbild, auf das ich in "Kleiner Versager" die eine oder andere Anspielung sehen würde. Der Kollege hatte auch Asthma.

Shteyngart: Ich will mich nicht mit Proust vergleichen, aber am Ende einer Dinnerparty in Paris neulich haben wir uns alle Schnurrbärte angemalt.

STANDARD: dann Fotos davon getwittert?

Shteyngart: Natürlich.

STANDARD: Wie kam es zur Idee, in den Buchtrailern dieses Alter Ego zu spielen? Einen illiteraten Nerd, der kaum gesellschaftsfähig ist?

Shteyngart: Literatur ist heute so eine prätentiöse Sache, lauter kluge Leute, da kann man ja gleich Akademiker werden. Jeder möchte Autor werden, in Brooklyn oder in Portland leben. Niemand möchte Leser werden. Es hat einfach Spaß gemacht, sich da mitten reinzustellen und zu sagen: "Ich kann nicht lesen."

STANDARD: Die Buchtrailer sind heute schon kleine Filme.

Shteyngart: Wir haben diesen Trend begonnen. Ich spiele die Hauptrolle, und ich suche die Besetzung zusammen. In einem Film bin ich mit James Franco verheiratet, das ist der mit den rosa Bademänteln, in einem anderen jage ich mit Paul Giamatti Cougars ...

STANDARD: In einem ist Jonathan Franzen als Analytiker zu sehen.

Shteyngart: Eine Traumrolle für ihn, nicht wahr?

STANDARD: Die Filme sind so lustig, dass sie fast in Serie gehen könnten. Ich denke an eine Sitcom im New Yorker Literaturbetrieb.

Shteyngart: Wir sitzen auch schon daran. Aus Kleiner Versager soll etwas entwickelt werden, und an Super Sad True Love Story arbeite ich mit Ben Stiller. Fernsehen ist jetzt der Goldstandard.

STANDARD: Können Sie eine Serie empfehlen?

Shteyngart: Transparent mit Jeffrey Tambor in der Hauptrolle. Mort Pfeffermann, ein Mann in fortgeschrittenem Alter, erklärt sich zur Frau. Tambor ist ein großartiger Schauspieler. Transparent erzählt viel darüber, was es heute in Amerika heißt, jüdisch zu sein.

STANDARD: Was heißt es für Sie? Sie erzählen, dass Ihr Vater nichts auf Israel kommen lassen wollte.

Shteyngart: Wenn ich in Jerusalem vor der Klagemauer stehe, tut sich bei mir nichts. Dabei bekommt man sogar Broschüren, die einem sagen, wie man sich fühlen soll. Ich könnte da nicht einmal mit meiner Frau hingehen, die müsste in einen eigens abgesperrten Bereich. Ich bin niemand, der Boykotte unterstützt, aber eine Regierung wie die von Netanjahu, der lieber eine rassistische Rede hält, als eine Wahlniederlage zu riskieren, kann man nicht unterstützen. Immer wieder treffe ich Leute, die erzählen: Ich war gerade in Israel, es war wundervoll. Ich sage dann: Macht doch die Augen auf.

STANDARD: Ihr Sohn ist noch klein. Wird er eine Bar-Mizwa haben?

Shteyngart: Meine Frau ist nominell christlich, er wird wahrscheinlich Atheist wie sein Vater werden, aber in New York gehört es einfach dazu, dass man das ganze Schmorgasbord von kulturellen Ritualen nicht auslässt.

STANDARD: Schließt sich mit "Kleiner Versager" nun ein Kapitel in Ihrem Schreiberleben?

Shteyngart: Alle Projekte waren bisher autobiografisch geprägt, insofern ist da was dran. Jetzt kann ich ein richtiges Buch schreiben.

STANDARD: Den vielbeschworenen "großen amerikanischen Roman"?

Shteyngart: Nein, an den Blödsinn glaub ich nicht. Wenn, dann den großen globalen Roman. Peking, Bangkok, Mumbai werden Schauplätze sein. Und Tschernobyl.

STANDARD: Und die sozialen Medien vermutlich.

Shteyngart: Wie könnte ich anders? Mein Thema ist die Gegenwart, ohne das iPhone gibt es keine reale Welt für die eine Milliarde Menschen, die sich eins leisten kann. Wer sitzt heute noch in einem Auto, ohne die Nachrichten zu checken? Es gilt, den Rhythmus von heute zu erfassen. (schaut zwischendurch schnell auf sein Telefon) Sieh an, nur 29 Likes für mein letztes Foto. 100 sollten es schon werden.

STANDARD: Welche Vorteile, außer Twitter und Instagram, hat die digitale Revolution für Sie noch?

Shteyngart: Ich bin ein schrecklicher Fahrer, also ich bin ein Kandidat für ein selbstfahrendes Auto. Ich habe jetzt schon ein Modell, das mir eine Kaffeetasse anzeigt, wenn ich zu erratisch fahre. (Bert Rebhandl, Album, 22.11.2015)

Gary Shteyngart, geb. 1972 in Leningrad, ist US-Autor russischer Herkunft. Er lebt in NYC. Gerade erschien "Kleiner Versager" (Rowohlt-Verlag, 2015).

  • Gary Shteyngart: "Literatur ist heute so eine prätentiöse Sache,  lauter kluge Leute, da kann man ja gleich Akademiker werden."
    foto: picturedesk

    Gary Shteyngart: "Literatur ist heute so eine prätentiöse Sache, lauter kluge Leute, da kann man ja gleich Akademiker werden."

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