Jihadismus: Auch in Wien gibt es Nährboden

20. November 2015, 18:21
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Gründe, sich als Migrant nicht gleichwertig zu fühlen, existieren in Österreich viele

Wien – Sie sind als Keimzellen des Terrors verrufen: Von Arbeitslosigkeit und Armut geplagte Stadtviertel wie Molenbeek in Brüssel oder die Pariser Banlieu Saint-Denis gelten als Sinnbilder gescheiterter Integration. Auch in Wien macht die Polizei spezielle Problemzonen aus – demnach treffen sich jihadistisch gesinnte Moslems besonders häufig in Kellermoscheen und Parks in den Bezirken Leopoldstadt (2.) und Brigittenau (20.). Fällt die Saat des Radikalismus auch hierzulande, im Ballungsraum Wien, auf fruchtbaren Untergrund?

Hohe Arbeitslosigkeit bei Zuwanderern

"Selbstverständlich gibt es einen Nährboden für Jihadismus", sagt der Pädagoge Moussa Al-Hassan Diaw, Mitbegründer des Netzwerkes für sozialen Zusammenhalt, das mit gefährdeten Jugendlichen gegen die Radikalisierung arbeitet. Bei allen biografischen Unterschieden gebe es dabei eine gemeinsame Voraussetzung: Es sei das Gefühl, in der Gesellschaft nicht angekommen zu sein, das junge Menschen im Extremfall in die radikalste – und damit attraktivste – Alternative zur westlichen Welt treibe.

Gründe, sich als junger Migrant nicht gleichwertig zu fühlen, gibt es auch in Österreich zur Genüge. Über die Ursachen kann man lange streiten, Fakt ist: In vielen sozialen Charts schneiden Zuwanderer schlechter ab als die alteingesessene Bevölkerung. Das beginnt am Arbeitsmarkt: Die Arbeitslosenquote unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist in Wien laut Arbeitsmarktservice seit 2011 von 16,7 auf 21,4 Prozent gestiegen und liegt mehr als doppelt so hoch wie bei jungen autochthonen Österreichern. In manchen Bezirken haben zwei Drittel aller jungen Jobsucher Migrationshintergrund – dementsprechend größer ist das Armutsrisiko.

Rückstand auf vielen Ebenen

Warum das so ist, offenbart ein Blick in die Bildungsstatistik. Jener Rückstand, den die erste Generation der Zuwanderer aus der Heimat mitgebracht hat, ist bei weitem ist nicht aufgeholt. Haben von den alteingesessenen Wienern 20 Prozent keinen höheren Abschluss als die Pflichtschule, so sind es bei den im Ausland Geborenen 40 Prozent – ein schweres Handicap am Arbeitsmarkt.

Auch in der jüngsten Generation klafft nach wie vor eine Kluft, wie Leistungstests zeigen. So erreichten etwa 37 Prozent der Wiener Schüler mit Migrationshintergrund in der achten Schulstufe zuletzt nicht die Bildungsstandards in Mathematik, in der Gruppe der Alteingesessenen beträgt der Misserfolgsanteil nur 16 Prozent. Die Quote der vorzeitigen Bildungsabbrecher ist bei den Migranten mit 29 Prozent fast doppelt so hoch wie bei den "Ur"-Wienern, und auch in den Sonderschulen, sagt Mario Steiner vom Institut für Höhere Studien, sind Zuwandererkids überrepräsentiert.

Bessere soziale Durchmischung

Vor voreiligen Parallelen sei dennoch gewarnt: Trotz aller Probleme seien die Bezirke in Wien sozial und ethnisch viel besser durchmischt als in Frankreich und Belgien, gibt Experte Diaw zu bedenken; und die Jugendarbeitslosigkeit liegt etwa in Molenbeek mit 40 Prozent immer noch weit über dem heimischen Wert.

Außerdem ist soziale Notlage nur eine mögliche Triebfeder für Radikalismus. Andere Entfremdungserlebnisse, wie etwa ein zerrüttetes Familienleben, können ebenso eine Rolle spielen, und unter Österreichs radikalen Islamisten ist augenscheinlich auch die Herkunft ein entscheidender Faktor. Die laut Polizei für Jihadismus anfälligsten Gruppen stammen aus von Kriegen zerrütteten Ländern, in denen islamistische Bewegungen Fuß gefasst haben: Tschetschenien und Bosnien-Herzegowina. (Gerald John, 20.11.2015)

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