Wie aus Angst Hass wird

Kommentar20. November 2015, 19:37
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Das Flüchtlingsthema offenbart die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft

Wir bekommen jeden Tag Zuschriften mit der Forderung, endlich über diese Vorfälle zu berichten: "Diebstahl, Schlägerei, Vergewaltigung: Alltag in Wiens Erstaufnahmezentren" lautete der Titel eines Dossiers mit Behauptungen, die sich beim Nachrecherchieren als unwahr herausstellten. Sie würden stimmen, versichert die Absenderin: "Glauben Sie wirklich, dass dies alles erfunden ist? Sie wollen Beweise – Sie werden keine Beweise erhalten, weil sich niemand getraut, etwas zu sagen." Oder Fotos von völlig mit Menschen überfüllten Schiffen werden uns zugeschickt, die schon vor Wochen als Fälschung im Netz entlarvt worden sind.

Beliebt sind auch Warnungen vor Chemtrails und den USA, die hinter diesem koordinierten Flüchtlingsansturm stünden, um Europa zu schwächen. Diese Woche ging ein Brief ein, dem zufolge der Name Angela Merkel laut griechischer Numerologie 666 ergibt – ein Hinweis in der Offenbarung auf den Untergang Babylons.

Je länger der Flüchtlingsandrang andauert, desto emotionaler werden die Ausführungen. Aus vielen Zuschriften sprechen Angst und Verunsicherung, die nach den Terroranschlägen von Paris noch zugenommen haben. Geht man darauf ein, ist für viele schon beruhigend, dass irgendjemand antwortet, ihre Sorgen ernst nimmt. Aus manchen Zuschriften ist Misstrauen gegenüber Medien abzulesen. Es werde nicht berichtet, weil nicht berichtet werden dürfe, wird unterstellt. Oder Journalisten wollten dieses und jenes nicht wahrhaben. Die Lügenpresse-Vorwürfe aus Deutschland schwappen über.

In den 1970er-Jahren entwickelte die Kommunikationswissenschafterin Elisabeth Noelle-Neumann die Theorie der Schweigespirale. Demnach hängt die Bereitschaft vieler Menschen, sich zu ihrer Meinung zu bekennen, von der Einschätzung des Meinungsklimas ab. Widerspricht die eigene Meinung der als vorherrschend betrachteten Meinung, gibt es Hemmungen, sie zu äußern. Daraus hat sich 2015 die Aufregungsspirale entwickelt. Hemmungen gibt es nicht mehr. Soziale Medien wirken als Verstärker von Meinungen. Selbst abstruse Ansichten erfahren Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit. Aus Behauptungen werden durch referenzielle Selbstbestätigung rasch vermeintliche Gewissheiten, die Medien als Berichtspflicht auferlegt werden. Die Aufregungsspirale führt dazu, dass viele nur noch Meldungen lesen wollen, die ihre Meinungen bestätigen. Differenzierte Einschätzungen werden nicht wahrgenommen, divergierende Auffassungen abgelehnt.

Die Vorgänge in der Ukraine haben polarisiert, ebenso die Berichterstattung rund um Griechenland und den Euro. Aber erst die Flüchtlingsberichterstattung hat dazu geführt, dass die Angriffe persönlicher werden.

So schreibt ein Telekom-Manager unter vollem Namen: "Der Gutmenschen-Journalismus ist zum Kotzen", er habe Hoffnung auf eine bessere Zukunft, wenn "Frauen nichts mehr zu melden haben". Ein anderer schreibt: Wenn seine elfjährige Tochter demnächst von einem Asylwerber vergewaltigt werde, sei ich schuld. Ein anderer schickt eine für alle einsehbare Twittermeldung: "Ich weiß, meine Meinung ist nichts wert für sie weil ich ein Bimperl hab, dennoch: Drecks Fascho Fut, tritt endlich ab."

Aus solchen Zuschriften sprechen Ängste, aus denen Aggression und Hass geworden sind. Ihnen zu begegnen ist nicht nur Aufgabe der Medien. (Alexandra Föderl-Schmid, 20.11.2015)

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