Wutausbrüchen bei Kindern empathisch begegnen

Kolumne29. November 2015, 17:00
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Wenn es bei Kleinigkeiten tobt, sollte man statt Konsequenz das Kind sein lassen, wie es ist

Frage

Wir sind eine vierköpfige Familie mit zwei Mädchen von sechs und acht Jahren. Mein Mann und ich arbeiten Vollzeit, die Mädchen haben ein paar Nachmittagsaktivitäten. Unsere Freizeit verbringen wir gerne miteinander in der Natur. In unserem Haus leben wir eine offene Kommunikation, es ist uns wichtig, Gefühle und Gedanken zum Ausdruck zu bringen, auch mit körperlicher Nähe wie Umarmungen. Sowohl bei den Kindern als auch bei den Erwachsenen.

Unsere kleinere Tochter ist jeden Tag eine liebenswerte Herausforderung. Sie ist im Grunde sehr offen, großzügig und herzlich. Aber auch wütend und weinerlich. Meistens wendet Sie sich damit zu Hause gegen uns, auch ein paar enge Freunde sind davon betroffen. Sie kann sich wegen der seltsamsten Dinge aufregen. Oft, wenn es ums Anziehen geht: Der Pullover ist schmutzig, der Gummi in der Unterhose ist locker, die Hose hat sie gestern schon getragen, der Rock ist zu kurz et cetera. Um damit etwas besser umgehen zu können, hatten wir eine Zeitlang die Vereinbarung, dass sie sich am Abend schon ihre Anziehsachen aussucht.

Sie wird auch wütend, wenn etwas nicht so läuft, wie sie es sich vorstellt hat oder wie es geplant war. Ich habe irgendwie ein Gefühl, als ob sie ein Kontrollbedürfnis hätte. Mit zwei bis drei Jahren hatte sie eine Beißphase ihrer Schwester gegenüber. Heute kommen verbale Attacken. Sie hat keine "böse" Sprache, sie klagt auch niemanden an, sondern sie hat diesen weinerlichen oder lauten und wütenden Ton in ihrer Stimme.

Wir finden, dass sie in vielen Situationen überreagiert. Wenn sie laut wird, hört es sich so an, als ob sie sich schwer verletzt hätte. Es stellt sich allerdings heraus, dass es dann doch nur etwas Klebriges am Pullover ist. Es scheint mir so, als würde sie zuerst alle Register ziehen, um danach festzustellen, dass es keinen wirklichen Grund dafür gab.

Wir erleben also täglich beide Extreme, einerseits dieses Jammern und andererseits ihr Bedürfnis nach liebevollen Umarmungen. Die Art, wie wir bisher damit umgegangen sind, reicht von lauten verbalen Rückmeldungen (wir wissen, dass das nicht gut ist) bis zu ruhigen Unterhaltungen mit Erklärungen und "vernünftigem Reden". Früher gab es auch Strafen wie kein Fernsehen für eine Woche.

Wir haben also keine Ahnung, wie wir ihr begegnen sollen oder wie wir diese Situationen verhindern können. Sie ist ja auch dieses freundliche Kind mit so vielen weisen Gedanken, der großen Lust am Spielen und einer großzügigen Fürsorge. Was sind Ihre Gedanken zu unserer Situation, und wie könnten wir unserer Tochter – und auch uns – helfen?

Antwort

Lassen Sie mich damit beginnen, dass ich schon viele Familien mit ähnlichen Erfahrungen getroffen habe. Insbesondere mit einer niedrigen Frustrationsgrenze und einer Tendenz, die Frustration verbal auszudrücken. Diese Familien sagen oft, dass sie immer schon so gewesen sind, und können sich auch an ihre eigenen Eltern mit ähnlichen Aussagen erinnern.

Es gibt es zwei Gedanken, die ich ihnen mitgeben möchte: Ihre Tochter ist, wer sie ist, und sie kann die äußeren Faktoren bis zu dem Tag nicht verändern, an dem sie bereit ist, ihre Art zu ändern. Verwenden Sie deshalb so wenig Energie und Aufmerksamkeit wie möglich auf ihre Tendenz, zu dramatisieren und die "Prinzessin auf der Erbse" zu sein.

Ihre Tochter kann nicht dazu erzogen werden, ihre Art zu ändern – auch nicht mit sogenannten Methoden der Konsequenz. Diese sind nur ein freundlicher Ausdruck für problematische Methoden. Der Grund für das Verhalten Ihrer Tochter ist, dass die Erwachsenen wütend und irritiert sind, und deshalb gibt es auch mehr Konflikte mit den Eltern als zum Beispiel mit der älteren Schwester.

Fernsehverbot ist eine Strafe. Es mag sein, dass jemand das als unproblematisch verteidigt. Doch jemanden dafür zu bestrafen, wie er ist, kann kaum ein guter Weg in die Zukunft sein. Natürlich kann es für eine kurze Zeit funktionieren, bevor die Erwachsenen neue und härtere Strafen finden müssen.

Es ist nichts daran verkehrt, manchmal wütend und frustriert zu sein – auch wenn Rettung in Sicht ist und diese gespürt und gehört wird. Es braucht lediglich eine Sprache, die persönlich und nicht beleidigend ist.

Sie schreiben "als ob Sie ein Kontrollbedürfnis hätte". Lassen Sie uns annehmen, dass das stimmt. Oberflächlich interpretiert sieht es so aus, als ob sie die Macht um der Macht willen haben möchte – ähnlich erleben viele Männer ihre Frauen. Wenn wir allerdings ein wenig tiefer blicken, so ist es logisch, dass es Menschen, die nach Kontrolle streben – ähnlich wie Ihre Tochter –, schwerfällt, mit Unerwartetem umzugehen. Sie verlieren ihren Halt und ihre Sicherheit, wenn sie sich in solch einer Situation befinden. Versuchen Sie Ihre Tochter aus einer anderen Perspektive zu betrachten und achten sie dabei auf Seiten an ihr, die bislang noch nicht so sehr im Fokus standen. Im Moment habe ich den Eindruck, dass das Bild von ihr nur schwarz-weiß ist.

Das bringt mich zurück zu meiner ersten Beobachtung: Ihre Tochter ist, wie sie ist, egal ob ihre Eltern entscheiden, dass eine ihrer Seiten unerwünscht ist. Nur wenn sie sich selbst gänzlich gesehen und wertgeschätzt fühlt, wird sie sich vielleicht ändern. Die Botschaft an sie sollte in etwa so lauten: "Ich weiß, dass in dir Chaos ausbricht in so einer Situation, und es tut mir leid für dich. Ich bin dabei manchmal sehr genervt und wünsche mir, dass ich eine andere Art finde, wie ich mit deiner Enttäuschung und deinem Rückschlag umgehen kann. Komm her, lass dich umarmen und sag mir, was du willst. Dann überlege ich, ob es möglich ist."

Ein letzter Punkt zur Reflexion: Jede Familie hat ihre individuelle Anzahl von Frustrationsmomenten und Konflikten. In Ihrer Familie wurde diesen bisher mit Intelligenz, Klarheit und Humor begegnet, oder? Kann es vielleicht sein, dass Ihre jüngste Tochter der Job zuteilwurde, für das Irrationale, Unangebrachte und den Widerspruch verantwortlich zu sein? (Jesper Juul, 29.11.2015)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und Europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen über Erziehung, Partnerschaft und Familienleben.

  • Das Kind auf keinen Fall für seine Art bestrafen, rät Jesper Juul.
    foto: apa/helmut fohringer

    Das Kind auf keinen Fall für seine Art bestrafen, rät Jesper Juul.

  • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.

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