Veränderungskrise

Kolumne20. November 2015, 17:47
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Wir leben im Zeitalter sehr großer Veränderungen zum Schlechteren

Die heute über 40- und die über 50-Jährigen hatten eine gute Zeit. Sie wuchsen entweder in der Zeit des Nachkriegsbooms und/oder des ständig ausgeweiteten Sozialstaats auf. Die über 50-Jährigen mussten sich zwar noch vor dem Atomkrieg fürchten, aber es gab halbwegs die Sicherheit, dass die atomare Abschreckung funktionieren würde.

Die Jüngeren von heute leben sehr oft in prekären Jobverhältnissen, ein ächzender Umverteilungsstaat sorgt – noch – für passable Lebensverhältnisse, aber wer sich informiert, muss feststellen, dass ganze Jobkategorien verschwunden sind. Entweder überhaupt oder in Billiglohnländer.

Die existenzielle Bedrohung ist unmittelbarer. Heute ist man Ziel des Terrorismus, weil man in einer europäischen Stadt auf einer Café-Terrasse, in einem Fußballstadion oder einem Rockkonzert sitzt. Man ist Ziel, weil man so ist, wie man ist, nämlich ein Mitglied der westlichen Gesellschaft. Und die Attentäter sitzen in der Wohnung nebenan.

Wir leben offenbar im Zeitalter sehr großer Veränderungen zum Schlechteren. Die Krise der Arbeitswelt und des Sozialstaates. Der totalitäre Terrorismus. Er ist eine direkte Folge der Modernisierungskrise des Islam und des Scheiterns arabischer Staaten. Jugendliche ohne Zukunft (auch in Europa) erfüllt unbändige Wut über ihren Rückstand auf den Westen.

Der kriegerische Islam soll sie "befreien" – obwohl ein erstarrter, antifreiheitlicher Islam ein Hauptgrund für diese Rückständigkeit ist (der zweite: die zugleich tote und kleptokratische Hand der arabischen autoritären Regime).

Der Zerfall der muslimisch-arabischen Staatenwelt, der von Pakistan bis Nigeria reicht, löst gewaltige Flüchtlingsströme nach Europa aus. Das Problem des Westens, der Europäer wie der Amerikaner, ist es, dass sie diesen globalen Gezeitenwechsel noch nicht richtig erkennen.

In Europa behilft man sich mit Sofortmaßnahmen – schärferen Antiterrorgesetzen, Abkommen mit der Türkei zur Drosselung des Flüchtlingsstroms, immer neuen Geldspritzen durch die EZB -, aber eine überlegte, konzeptuelle Antwort auf die Veränderungskrise ist noch nicht gefunden. Oder nein: Rechte Parteien wie der Front National oder die FPÖ und rechte Regierungen in Osteuropa, zuerst Ungarn, jetzt Polen, glauben, die Lösung liege in einer Rückkehr zu einer nationalistisch-"christlichen" Ideologie.

Österreich ist ein Spezialfall, insofern, als es noch halbwegs gutgeht. Allerdings eher auf der Basis sehr hoher Umverteilung als sich erneuernder wirtschaftlicher und politischer Strukturen. Die Regierenden haben nicht einmal noch begriffen, dass eine Veränderungskrise im Gang ist.

Wie früher auch schon können aber diese Veränderungen bewältigt werden. Dafür gibt es keine Patentlösung, sondern nur viele Einzelmaßnahmen. Die jüngere Generation wird es relativ schwerer haben (obwohl ihr Wohlstandsniveau ungleich höher ist als jenes in den 1950er- und 1960er-Jahren). Unter den Jüngeren müssen sich aber jene politischen Eliten finden, die – im Unterschied zu vielen jetzigen Macht-und Funktionsinhabern – erkennen, was es geschlagen hat. (Hans Rauscher, 20.11.2015)

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