Julya Rabinowich: Gedanken zum Religionsunterricht

20. November 2015, 17:47
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Von Verzweiflung gespeist

So inhomogen Jugendgruppen sind, eines verbindet allerdings einige von ihnen: Sie suchen nach neuen Eindrücken und neuen Heilsversprechen, die ersten Lieben, die ersten Ausgehversuche.

Man mag noch so cool tun, man sehnt sich dennoch nach Überlegungen und nach Antworten zum Sinn seines Daseins, zu dem großen Ganzen, auch wenn die Konsumwelle sich lautstark darüber hinwegwälzen möchte.

Man spürt die beginnende Bewusstwerdung seiner selbst und die Endlichkeit, die aber in dieser Phase noch verlockend, romantisch, sexy erscheint. Aber man begreift sie noch nicht in all ihrer Bedeutung. Jugendliche Todessehnsucht, vorhanden seit der Romantik bis jetzt.

Jetzt, da die islamistischen Anschläge häufiger werden, in der Muslime aber auch allgemein unter Generalverdacht geraten. In der junge Menschen bereit sind, sich der menschenverachtenden brutalen Organisation des IS anzuschließen – vielleicht aus der gleichen Todessehnsucht, der gleichen pervertierten Romantik. Wer den Wert des Lebens nicht kennt, der lässt sich leichter verführen. Wer das Gegenüber als fremd erlebt, entmenschlicht es schneller.

Wie kann man sie davon abhalten, in diese Paralleluniversen abzudriften? Vielleicht das Gemeinsame stärken, von Anfang an. Aber auch die Grenzen zeigen. Von Anfang an.

Ich erinnere mich an meine eigene Schulzeit, als die Kinder der verschiedensten Bekenntnisse in kleinen oder größeren Gruppen gesondert unterrichtet wurden. Und dann gab es noch die Kinder ohne Bekenntnis, die entweder Freistunde hatten oder freiwillig mitmachten.

Was mir aber allgemein weniger geeignet scheint, ist dieser getrennte, segregierende Religionsunterricht. Je abgeschotteter, desto ausgelieferter. Warum nicht ein gemeinsamer Unterricht, verpflichtend, mit Ethik und Philosophie verbunden, und zwar für alle? Nichts könnte die Gleichwertigkeit mehr unterstreichen. Und was wir in Zukunft dringend brauchen werden, ist die Annäherung und das gegenseitige Verständnis. Gerade jetzt und gerade hier. (Julya Rabinowich, 20.11.2015)

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