Hauptsache Ruhe im Bau

20. November 2015, 17:43
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Luchse mit Nachwuchs nehmen geringes Nahrungsangebot in Kauf

Wien – Während Luchse in Deutschland, der Schweiz und Österreich das ganze Jahr über streng geschützt sind, dürfen sie in einigen skandinavischen und baltischen Staaten zumindest saisonal gejagt werden. Aber nicht nur dort ist der Mensch der größte Feind des Eurasischen Luchses: Wilderei und Kollisionen mit Autos setzen der Art in fast allen Ländern Europas zu, in denen die Raubtiere noch oder wieder vorkommen.

Wie sich die Bedrohung durch Mensch und Straßenverkehr auf das Verhalten weiblicher Luchse mit Neugeborenen auswirkt, hat nun eine Gruppe von Wissenschaftern in Norwegen untersucht. Ergebnis: Luchsweibchen wählen den Standort für den Bau, in dem sie ihre Jungen zur Welt bringen und in deren ersten Lebenswochen verstecken, gezielt so, dass menschliche Siedlungen und öffentliche Straßen möglichst weit entfernt sind. Dafür nehmen sie auch ein deutlich geringeres Nahrungsangebot in Kauf ("Journal of Zoology", Band 297, S. 87-98, 2015).

Die von den Luchsinnen gewählten Habitate rund um den Bau wiesen im Untersuchungsgebiet im Durchschnitt rund 30 Prozent weniger Rehbestand auf. Rehe machen in fast allen Verbreitungsgebieten, so auch in Norwegen, rund 80 Prozent der Nahrung eines Europäischen Luchses aus – jener Unterart des Eurasischen Luchses, die in Westeuropa, Skandinavien und Nordosteuropa heimisch ist.

Das Forscherteam um John Linnell vom Norwegischen Institut für Naturforschung in Trondheim hatte für seine Studie im Süden und Norden Norwegens die Streifgebiete besenderter Luchse ermittelt und die Baue von Muttertieren ausfindig gemacht. Das gesammelte Datenmaterial wurde anschließend mit Daten über die geografische Lage menschlicher Siedlungen sowie öffentlicher und privater Straßen wie auch mit vorhandenen Werten zur Populationsdichte von Rehen im Untersuchungsgebiet abgeglichen.

Störungen vermeiden

Luchsweibchen wählten laut der Studie für ihre Jungen im Wald regelmäßig Verstecke, die auf zerklüftetem und für Menschen nur sehr schwer zugänglichem Terrain liegen. Eine solche Lage des Baus, heißt es in der Studie, reduziere "Störungen und damit auch das Sterberisiko". Dieses Vermeidungsverhalten ist schon länger auch von Braunbären, Wölfen und Vielfraßen bekannt, jenen Raubtieren aus der Familie der Marder, die in Alaska, Sibirien und eben auch in Skandinavien auftreten.

Öffentliche Straßen in der Umgebung mieden die Muttertiere bei der Wahl der Wurfhöhle konsequent. Luchse ohne Nachwuchs akzeptierten die Nähe von Menschen viel eher, wenn das Nahrungsangebot stimmte.

In Südnorwegen, fanden die Forscher heraus, hielten sich die Muttertiere in Gegenden auf, in denen statistisch nur 2,4 Menschen je Quadratkilometer leben. Bei Luchsen ohne Junge betrug dieser Wert dagegen 12,7. Ein recht markanter Unterschied.

Der Zahlenvergleich zwischen dem kaum besiedelten Norden Norwegens und dem dichter besiedelten Süden zeigt auch: Je dichter der Luchs-Lebensraum von Menschen besiedelt ist, desto menschenscheuer verhalten sich die Muttertiere. Ein weiterer Befund: Luchse ohne Nachwuchs wählten – anders als Artgenossinnen mit Jungen – auch Habitate, die weniger wild und zerklüftet sind.

Luchsweibchen suchen sich ähnlich wie Dachse, Füchse, Bären oder Raubkatzen wie Tiger und Geparden vor der Geburt Wurfhöhlen, graben diese aber nicht selbst. "Für das Überleben der Jungen sind sichere und gut getarnte Baue Voraussetzung", schreiben die Forscher. Vor allem dienen sie den zwei bis vier Jungen als Schutz vor Fressfeinden und vor den Unbilden der Witterung.

Insbesondere in den sechs bis acht Wochen, wenn die Jungen nur von Muttermilch leben, muss die Luchsin bei der Jagd sehr erfolgreich sein, um genügend Milch produzieren zu können. Dabei muss sie aber in der Nähe des Baus bleiben.

Die Forscher fragten sich, wie die Mutter unter diesen Bedingungen in einem Habitat mit geringer Rehdichte überhaupt genug Beute schlagen kann. Die Erklärung sehen sie in der enormen Effizienz, mit der Luchse jagen. Die Tiere ruhen im Normalfall untertags im Bau, in der Dämmerung oder nachts suchen sie als Einzeljäger ihre Beute.

Die Hälfte überlebt

Immerhin: Etwa die Hälfte der neugeborenen Raubkatzen übersteht die ersten zwölf Lebensmonate. Die andere Hälfte fällt Auszehrung, Krankheiten, diversen Fressfeinden oder indirekt wieder einmal dem Menschen zum Opfer, wenn das Muttertier durch Wilderei oder Straßenverkehr getötet wird.

In Norwegen ist illegale Jagd laut der Studie der Trondheimer Wissenschafter Haupttodesursache von Luchsen. Der dortige Bestand wird auf rund 600 Tiere geschätzt. Europaweit gibt es vom Eurasischen Luchs laut der Naturschutzorganisation WWF nur noch 9000 bis 10.000 Tiere, verteilt auf mehrere Unterarten wie eben den Europäischen Luchs und den Karpatenluchs. (Kai Althoetmar, 21.11.2015)

  • Der Eurasische Luchs: Muttertiere sind hocheffiziente Jägerinnen und meiden die Nähe von Menschen.
    foto: ap/probst

    Der Eurasische Luchs: Muttertiere sind hocheffiziente Jägerinnen und meiden die Nähe von Menschen.

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