Allein der "Sprache der Übersetzung" verpflichtet

Kommentar der anderen20. November 2015, 17:08
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Angesichts der zeitgenössischen Krise einer kulturell definierten nationalen Identität ist es die Aufgabe der Theater, ihre Arbeit in den Dienst der Werte der Europäischen Charta zu stellen, meint die Direktorin des Burgtheaters in Wien

Als Direktorin des österreichischen Nationaltheaters hat man mich eingeladen, einige Worte zur Idee und zur Geschichte des Nationaltheaters in Europa und ganz speziell zum Wiener Burgtheater zu sagen. Das ist leichter gesagt, als getan, ist doch der Begriff des Nationaltheaters von jeher ein wandelbarer. Und kein Nationaltheater ist wie das andere.

Zunächst muss man festhalten, dass der Nationaltheater-Begriff ein kulturpolitischer und damit auch ein ideologischer Begriff ist, der in bestimmten Zeiten und Ländern immer wieder anders besetzt wurde. Das Burgtheater wurde mit dem kaiserlichen Dekret vom 23. März 1776 als das Theater nächst der Burg und als das Teutsche National Theater gegründet.

Damit war in erster Linie die Entscheidung für die sprachliche Ausrichtung der Bühne gefallen. Der Gründung gingen zahlreiche Sprachkonflikte zwischen italienischer Commedia dell’arte, deutschsprachigem Schauspiel, italienischer Oper und französischsprachigem Spektakel voraus. Es war also eine Entscheidung für die Sprache, die deutsche Sprache – und keineswegs für eine ohnehin nicht existierende homogene deutschsprachige Nation.

In der Zeit seiner Gründung war das Burgtheater ein Theater im großen Völkerreich der Habsburger, zu dem auch das heutige Polen mit Galizien gehörte. Das Kaiserreich war naturgemäß autokratisch, zugleich war es aber auch übernational. Die "Nationalitätenfrage" stellte sich nicht. Die Bewohner dieser Doppelmonarchie waren Untertanen, keine Staatsbürger. Doch die Sprachenvielfalt war ähnlich babylonisch wie heute im EU-Parlament – und führte ebenso immer wieder zu Missverständnissen.

Der vom äußersten Rand des Reiches stammende, mit Polnisch und Jiddisch und Deutsch aufgewachsene Joseph Roth erzählt in seinem Roman "Die Kapuzinergruft" leicht ironisch von der "bunten Heiterkeit der Hauptstadt" Wien, dem "Zentrum der Monarchie als Heimat der Grazie, des Frohsinns und der Genialität", einer Weltstadt der Jahrhundertwende, die sich von der "tragischen Liebe" der Kronländer nährt. Es sind die Steuern der Slowenen, der Galizier, der Bosnier und vieler anderer, die "die stolzen Häuser am Ring", die Universität und nicht zuletzt das Burgtheater erst möglich machen.

Als der Kaiser seine Untertanen in den Krieg schickte, richtete er seine berühmten Worte nicht an sein Volk. Sondern an seine "Völker".

Es gibt vielerlei Theorien, was genau letztlich zum Ausbruch dieses Ersten Weltkriegs führte. Aber ohne Zweifel war der Wunsch nach nationaler Selbstbestimmung mancher dieser "Völker" ein Brandbeschleuniger.

Hören wir noch einmal den bis zu seinem Tod im Pariser Exil 1939 sich immer mehr der untergegangenen k.u.k.-Utopie hingebenden Joseph Roth: "Alle Leute bekannten sich – ob sie wollten oder so tun mussten, als wollten sie – zu irgendeiner der vielen Nationen, die es auf dem Gebiete der Monarchie gab. Man hatte im neunzehnten Jahrhundert bekanntlich entdeckt, dass jedes Individuum einer bestimmten Nation oder Rasse angehören müsse …

Und all die Menschen, die niemals etwas anderes gewesen waren als Österreicher, in Tarnopol, in Sarajevo, in Wien, in Brünn, in Prag, in Czernowitz, in Ödenburg, in Troppau, niemals etwas anderes als Österreicher: Sie begannen nun, der "Forderung der Zeit" gehorchend, sich zur polnischen, tschechischen, ukrainischen, deutschen, rumänischen, slowenischen, kroatischen "Nation" zu bekennen. Der Raum Europas ist bis heute nicht gezähmt, wie der hellsichtige, hier in Warschau geborene Autor Andrzej Stasiuk bemerkt. Als die Donaumonarchie Geschichte war, musste die Europakarte neu gezeichnet werden. Und bis heute wird sie regelmäßig neu gezeichnet.

Doch die eigentliche, singuläre Zäsur war Jahre später der Nationalsozialismus und der durch das Deutsche Reich entfesselte Zweite Weltkrieg. Seitdem ist das Adjektiv "national" in der deutschen Sprache völlig zu Recht dauerhaft beschädigt. Gerade auch unter Künstlern und Theatermachern setzte in der Nachkriegszeit ein fundamentales Misstrauen gegen die nationale Ideologie und die von ihr kontaminierten Begriffe ein.

Das im Krieg erheblich beschädigte Burgtheater war nun gleichwohl das Nationaltheater der Republik Österreich, schon aufgrund seiner Größe, Ausstattung und Tradition. Im Laufe der Geschichte dieses Hauses lassen sich in verschiedenen Phasen verschiedene Facetten von Nationalmythen ausmachen. Vor allem in der Ersten Republik kam es zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Mythos Burgtheater — auch als Symptom des Phantomschmerzes, den die untergegangene Habsburgermonarchie hinterlassen hatte. Man stilisierte das Burgtheater zum kulturellen Heiligtum der österreichischen Nation, zum Symbol des österreichischen Wesens schlechthin. Ein Weltreich war verschwunden. Doch das Burgtheater war noch da.

Nach 1945 wurde in einer Präambel festgehalten, dass das Burgtheater der nationalen und der internationalen Literatur verpflichtet sei – was uns immerhin einigen Spielraum lässt. Im öffentlichen Diskurs der Zweiten Republik fand sich die ganze Bandbreite nationaler Kulturmythen versammelt, die sich sogar um das Spezifikum der Bühnensprache, dem bis heute sagenumwobenen "Burgtheaterdeutsch" rankten. Von Anfang an war das Ziel, diese Mythen in ihrer Funktion als Stifter nationaler Identität gleichsam unversehrt wieder einzusetzen. In der Nachkriegszeit ging es um Restauration, um die Wieder-Etablierung eines traditionellen Kunst- und Kulturbegriffs, der seit dem "Anschluss" an Nazi-Deutschland beschädigt war. Die manipulative Anbindung der nationalen Ideologie an eine bedeutende Kulturinstitution wurde, wie auch anderswo, von der politischen Praxis instrumentalisiert.

Vor fast genau 60 Jahren, am 14. Oktober 1955, wurde das im Zweiten Weltkrieg beschädigte und zu Beginn der 1950er-Jahre restaurierte Burgtheater glanzvoll wiedereröffnet. Im Jahr 2005 feierten wir den 50. Jahrestag. Bei einem Festakt hielt Navid Kermani eine Rede mit dem Titel "Nach Europa". Darin schilderte er seine Reise zu den Menschen, die nichts mehr besitzen, alles aufgegeben haben und vor den Toren Europas darauf warten, auf ihren Sehnsuchtskontinent zu gelangen, wo sie sich ein Leben in Frieden, Sicherheit und Würde erhoffen.

Er erinnerte auch daran, wie viele Menschen während der NS-Diktatur aus Europa über Nordafrika fliehen mussten und dort auf eine Weiterreise warteten. Für viele bedeutete die Flucht den letzten Ausweg.

Angesichts der dramatischen Zuspitzung der Flüchtlings- und Asylsituation in Europa, beeindruckender Hilfsbereitschaft der Bevölkerung auf der einen und gefährlicher Hetze auf der anderen Seite, verzichteten wir auf einen Festakt und stellten stattdessen den 11. Oktober ganz ins Zeichen der Solidarität. Wir wollten deutlich zeigen, dass wir von der Begegnung mit anderen Kulturen profitieren. Gemeinsam mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern und dem Ensemble richteten wir einen Appell an die "europäische Humanität" (Stefan Zweig) und spendeten den Erlös zugunsten der Flüchtlingshilfe der Caritas.

Wir wollten deutlich machen, dass Österreich, dass jedes Land von der Begegnung mit anderen Kulturen profitiert. Wir wollten uns klar positionieren – gegen rechtspopulistische Gruppierungen, die es nur zu gut verstehen, die Ängste und Unsicherheiten der Menschen zu kanalisieren und sie für ihre fragwürdigen eigenen Interessen zu gewinnen.

"Der Erfolg im Kampf gegen den Rechtspopulismus fällt deshalb schwer, weil wir kulturelle Veränderungen erleben, die viele Menschen überfordern und die darauf hinauslaufen, Abschied zu nehmen von den alten, aus dem 19. Jahrhundert stammenden Nationalkonzepten, von jenen Phantasmen und Träumen von einer einheitlichen Gesellschaft, einer Heimat, in der schon ein Fremder zu viel ist." (Müller-Funk) Das Burgtheater heißt das Fremde willkommen. Es braucht die Impulse internationaler Künstlerinnen und Künstler. Es ist niemals einheitlich. Aber es bleibt eine Heimat für die großen Texte der Weltliteratur. Und für die Theaterstücke von morgen.

2015 scheint Europa mehr und mehr davon entfernt, ein sicherer Hort humanitärer Werte zu sein. Die Flüchtlingskatastrophe dividiert den Kontinent auseinander, statt Solidarität regieren Abschottung und Nationalismen, die sich durch die Verknüpfung der ethnischen Zugehörigkeit mit der Sprache und der Religion auszeichnen.

Diese nationale Vereinzelung bringt uns nicht weiter. Im Gegenteil. Die Theater wissen das: An den meisten europäischen Bühnen kann man Stücke von Molière und Shakespeare, von Ibsen und Goethe, von Tschechow und Gombrowicz sehen. Meist in der jeweiligen Landessprache, mitunter aus einer speziellen lokalen Perspektive heraus interpretiert.

Aber die Texte, die Dramen, die Geschichten sind universell. Alle Kulturinstitute sind aufgerufen, die zeitgenössische Krise einer kulturell definierten nationalen Identität in der Arbeit zu thematisieren und Offenheit und Pluralismus im Denken zu signalisieren. Sie sind verpflichtet aufzuzeigen, welche Verantwortung und Chancen den neuen Migrationsbewegungen erwachsen. Die unverbrüchlichen Werte der Charta der Europäischen Union gilt es zu beleben.

Im heutigen Europa muss es in erster Linie um die gemeinsame Zukunft gehen. Ein Nationaltheater im 20. Jahrhundert sollte der Sprache der klassischen- und der Gegenwartsdichter oder – wie Umberto Eco es formulierte – ausschließlich der "Sprache der Übersetzung" verpflichtet sein. Ein Nationaltheater heute sollte eine freie "Republik der Künstler" sein, in der visionäre Utopien entwickelt und wichtige, mutige, verwegene Fragen an die Gesellschaft gestellt werden. (Karin Bergmann, 20.11.2015)

Karin Bergmann (62), seit 2014 Direktorin des Burgtheaters, sprach zum 250-Jahr-Jubiläum des polnischen Nationaltheaters Teatr Narodowy.

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