Klaus Werner-Lobo: "Marketingabteilungen diktieren die Inhalte"

Interview20. November 2015, 15:38
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Der Ex-Grüne kritisiert die Entpolitisierung der Partei, die ein "postdemokratisches Projekt" geworden sei. Stefan Wallner und Dieter Brosz hätten zu viel Macht

STANDARD: Sie haben kürzlich die Parteimitgliedschaft bei den Grünen zurückgelegt. Gibt es ein bisschen Wehmut, wenn Sie daran denken, beim Bundeskongress am Wochenende nicht mehr dabei zu sein?

Klaus Werner-Lobo: Nein, gar nicht, im Gegenteil, ich habe mir diesen Termin extra im Kalender markiert, um mich daran zu erfreuen, dass ich da nicht hinmuss. Diese Parteigremientermine nicht mehr zu haben ist ein Gewinn an Lebensqualität.

STANDARD: Gab es einen letzten Ausschlag, die Partei zu verlassen?

Werner-Lobo: Ich bin der Partei vor fünf Jahren aus voller Überzeugung beigetreten, aber ich habe damals schon gewusst: Wenn mein Mandat endet, gehe ich raus, weil ich als Autor und Aktivist parteifrei sein will. Ich habe mich für die Zeit voll und ganz auf das konzentriert, aber mein politisches Leben ist ja länger als das bei den Grünen. Ich bin seit meinem elften Lebensjahr politisch aktiv.

STANDARD: Wie das?

Werner-Lobo: Nachdem ich in der Schule ein Deutschreferat gegen Zwentendorf gehalten habe, habe ich mich umweltpolitisch engagiert.

STANDARD: Sind die Grünen noch eine Umweltpartei?

Werner-Lobo: Die Grünen haben den Gründungsmythos der Umweltpartei. Doch in der Zwischenzeit haben die Sozialdemokraten die Sozialdemokratie aufgegeben. Die SPÖ kümmert sich nicht mehr um soziale Standards für alle oder um Menschenrechte, sie kämpft nicht mehr für Vermögenssteuern. Die Grünen haben diesen Platz zwangsläufig und erfolgreich eingenommen. Und es gibt einen logischen Zusammenhang zwischen ökologischer Zerstörung und sozialem Elend, das haben viele Grüne erkannt. Meine Kritik an Eva Glawischnig geht nicht dahin, dass sie nicht genug über Umweltschutz spricht, eher in die andere Richtung: Bei sozialen Themen merkt man, dass das nicht so aus dem Inneren kommt. Das hat möglicherweise etwas mit Herkunft zu tun. Vielleicht weiß sie nicht, wie sich das anfühlt, wenn der Kühlschrank nicht voll ist. Sie brennt für zwei Themen, für Umwelt- und Klimaschutz und für Frauenrechte, da ist sie auch super. Beim Flüchtlingsthema spürt man, dass sie gebrieft wurde, das kommt nicht aus ihr heraus.

STANDARD: Wären Sie noch Delegierter, würden Sie Glawischnig am Sonntag wählen?

Werner-Lobo: Ich wäre nicht überzeugt, sie könnte mich allenfalls durch eine Rede überzeugen. Tendenziell eher nicht. Die Grünen werden sich nicht ändern, wenn sie nicht das Personal ändern. Das große Problem heißt aber Stefan Wallner. Er beherrscht die Partei gemeinsam mit Dieter Brosz. Sie haben aus den Grünen ein postdemokratisches Projekt gemacht. Das Hauptaugenmerk liegt auf PR und Marketing. Da kommen Kommunikationsberater, die zuvor eine alte Marke wie Nivea mit positivem Image aufgeladen haben, und sagen: Immer, wenn man über das Produkt spricht, müssen drei Begriffe vorkommen. Ich kann mich jetzt nicht mehr erinnern, welche das waren … irgendwas mit Zuversicht und Humor. Da gibt es dann so einen Markenkanal, und außerhalb von dem solltest du nicht kommunizieren.

STANDARD: Und was soll der Markenkanal bewirken?

Werner-Lobo: So versucht man zum Beispiel gegen das Image als Verbotspartei anzukämpfen.

STANDARD: Was wäre die Alternative, wie könnte man ein schlechtes Image sonst loswerden?

Werner-Lobo: Man könnte hergehen und politisch argumentieren, authentisch argumentieren. Sagen, dass es selbstverständlich zum Schutz von Menschen und Umwelt in manchen Bereichen Verbote braucht. Aber dass es andererseits menschenfeindliche Verbote gibt, gegen die gerade die Grünen kämpfen: etwa gegen das Verbot gleichgeschlechtlicher Ehen oder das Arbeitsverbot für Asylwerber.

STANDARD: Was passiert nach dem Markenkanal?

Werner-Lobo: Die Marketingabteilungen diktieren politische Inhalte, und das politische Personal passt sich dem an. Es werden Listen erstellt, die vor allem aus Parteiangestellten bestehen. Ich habe diese Markenkanalsitzungen irgendwann zu schwänzen begonnen, weil sie mir auf den Arsch gegangen sind. Ich bin nicht dafür zu einer Partei gegangen, sondern wegen meiner Überzeugungen.

STANDARD: Sie sagen, die Grünen haben die Rolle der SPÖ erfolgreich eingenommen. Warum wählen dann Arbeiter beziehungsweise ehemalige SPÖ-Wähler die FPÖ und nicht die Grünen?

Werner-Lobo: Sie meinen jene Arbeiter, die wahlberechtigt sind! Der Großteil der Arbeiterklasse besteht heute aus Migranten. Für die kämpfen zum Beispiel nur die Grünen. Aber es ist ihnen nicht gelungen, das erfolgreich zu kommunizieren. Denn das würde heißen, man müsste Konflikte führen, sich auf die Seite der Ausgebeuteten stellen und einen Klassenkampf führen. Viele Grüne sind eh links, aber sie verstecken es. Das Image der Grünen ist das der Dachgeschoßbewohner, die sich aus schlechtem Gewissen ein bisserl für die Flüchtlinge engagieren.

STANDARD: Wo sind die großen linken Denker bei den Grünen?

Werner-Lobo: Im Parlament stimmen sie tatsächlich als einzige Partei links ab. Etwa bei der Steuerreform oder gegen die Verschärfung des Fremdenrechts. Aber statt das zu kommunizieren, machen sie völlig entpolitisierte Bussi-Bussi-Wahlkämpfe. Und dann kommt Peter Pilz und fordert linken Populismus. Aber es braucht keinen Linkspopulismus, es braucht das öffentliche Austragen von Verteilungskonflikten.

STANDARD: Damit kann man FPÖ-Wähler für sich gewinnen?

Werner-Lobo: Menschen, die spüren, dass die Grünen soziale Konflikte für sie austragen, würden sie auch wählen. Leute, die einfach nur perspektivenlos sind, aber nicht rassistisch, Leute, die Angst haben, dass es ihnen oder ihren Kindern einmal schlechter gehen wird, da gibt es eine große Masse. Die würden in Deutschland vielleicht die Linke wählen – oder in der Steiermark vielleicht die KPÖ.

STANDARD: Wird sich nach dem Bundeskongress etwas ändern?

Werner-Lobo: Es wird sich gar nichts ändern, null. Vielleicht sagen sie: Wir machen keine Spaßpolitik mehr, und vielleicht druckt man tatsächlich auf eines von drei Plakaten etwas Politisches. Aber die Kritiker sind in der Minderheit. Die Basis glaubt, sie ist links, aber wählt dann Leute, denen es vor allem um Macht geht. (Colette M. Schmidt, 20.11.2015)

Klaus Werner-Lobo (geb. 1967) studierte in Wien Umweltbiologie, Romanistik und Germanistik. Von 2010 bis 2015 war er Gemeinderat und Landtagsabgeordneter für die Wiener Grünen. Vor wenigen Tagen verließ er die Partei. Werner-Lobo ist gemeinsam mit Hans Weiss Autor des "Schwarzbuchs Markenfirmen".

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Eva Glawischnig: "Ich halte nichts von einem linken Populismus"

  • Hat die Grünen aufgegeben: Klaus Werner-Lobo.
    foto: heribert corn

    Hat die Grünen aufgegeben: Klaus Werner-Lobo.

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