Rebell der Nächstenliebe: Grazer Armenpfarrer Pucher geehrt

20. November 2015, 15:07
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Vinziwerke-Gründer Wolfgang Pucher erhielt das Silberne Ehrenzeichen der Republik

Graz – "Ich hasse diesen Satz", sagte Wolfgang Pucher, der Armenpfarrer von Graz, am Freitagvormittag inbrünstig. Der Satz, den er meinte: "Das geht nicht." Oft habe er ihn in den vergangenen Jahrzehnten gehört, akzeptiert habe er ihn nie. Am Freitag überreichte Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) Pucher das Silberne Ehrenzeichen der Republik Österreich für sein Engagement, das längst über die Grenzen der Stadt Graz und seiner Pfarre St. Vinzenz hinausreicht.

Alles begann mit dem Vinzibus, mit dem man 1991 Tee und Brote zu den Obdachlosen der Stadt brachte. In Graz schläft heute niemand mehr auf der Straße, doch Pucher will nicht ruhen, bis das in ganz Österreich so ist. Heute gibt es 38 Vinziwerke, Einrichtungen für obdachlose, alkoholkranke Männer und psychisch belastete Frauen, für Bettler und andere Menschen, die sonst nirgends unterkamen. Leicht war das alles nicht umzusetzen. "Die meisten mögen Widerspruch nicht, sondern gehen mit der Mehrheitsmeinung mit", sagt Pucher. Bei ihm ist das ganz anders.

Keine Angst vor Widerspruch

Bischof Wilhelm Krautwaschl zitierte bei der Feierstunde aus der ersten Predigt, die Pucher 1973 als Pfarrer hielt: "Ich werde für alle Menschen da sein, aber in erster Linie für die, die mich am meisten brauchen." Das hat Pucher dann auch gemacht. In Zahlen sieht das heute so aus: Rund 450 Personen finden täglich in einem der Vinziwerke in ganz Österreich Unterschlupf, rund 1.400 werden täglich mit Lebensmitteln versorgt. Rund 700 Mitarbeiter und Ehrenamtliche helfen bei der Umsetzung.

Der Bischof bemerkte, er würde sich die Vehemenz, mit der Pucher Dinge umsetze, die er sich in den Kopf gesetzt hat, "manchmal für die Kirche insgesamt wünschen".

Manchmal musste sich Pucher auch gegen Unmut in der eigenen Pfarrgemeinde behaupten. Etwa als er 101 bosnische Deserteure aus dem Jugoslawien-Krieg in Zelten auf dem Sportplatz der Pfarre unterbrachte oder als er den Kontakt mit den Bewohnern einer geächteten Grazer Siedlung aufnahm.

"Ab da habe ich mich alles getraut"

Selbst eine Unterschriftenliste an den damaligen Bischof Johann Weber gab es, deren Unterzeichner die Ablöse Puchers forderten. Weber verweigerte diese. "Die Gegner haben laut geschrien, und die anderen waren leise", erinnert sich der 76-jährige Pucher. Er habe sich dann in der Messe hingestellt und gefragt, ob man hinter ihm stehe oder nicht. "So einen Applaus wie damals habe ich noch nie bekommen, ab da habe ich mich alles getraut", grinst Pucher.

Bei den Politikern unter den Laudatoren hörte man neben Wertschätzung auch ein bisschen Furcht vor dem "Rebellen der Nächstenliebe" heraus, wie der Titel eines Buches von Pucher und Cornelia Krebs lautet. Hundstorfer stellte fest: "So nebenbei organisiert er dann noch Demos mit 1.000 Menschen", wobei der Minister auf eine Demo gegen das Bettelverbot anspielte. Hundstorfer lobte Pucher als einen, der mit seiner Hilfe für Menschen schon da sei, "wenn man selbst noch fünf Kilometer weiter hinten ist", und nutzte die Gelegenheit, um an das Mitgefühl der Österreicher für Flüchtlinge zu appellieren: "Niemand verlässt aus Jux und Tollerei sein Zuhause."

ÖVP-Gemeinderat Peter Piffl-Perčević bezeichnete Pucher als "Widerspruchsgeist. Er gibt Menschen Hoffnung, die die Hoffnung verloren hatten, doch die Hoffnung der Politik, dass er sich auch nur ein bisschen auf sie zubewegt, enttäuscht er planmäßig." Dafür gab es wieder starken Applaus für den Armenpfarrer. (Colette M. Schmidt, 20.11.2015)

  • Sozialminister Rudolf Hundstorfer (links), Armenpfarrer Wolfgang Pucher und der Bischof der Diözese Graz-Seckau, Wilhelm Krautwaschl, bei der Verleihung am Freitag.
    foto: gerd neuhold

    Sozialminister Rudolf Hundstorfer (links), Armenpfarrer Wolfgang Pucher und der Bischof der Diözese Graz-Seckau, Wilhelm Krautwaschl, bei der Verleihung am Freitag.

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