Grippeimpfung: "Nicht perfekt, aber sie wirkt"

23. November 2015, 09:08
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Beständige Mutationen und die Impfmüdigkeit der Österreicher erschweren einen wirksamen Schutz für alle – Experten rechnen heuer aber mit einer guten Wirkung

Alle Jahre wieder stellt sich die Frage: Grippeimpfung, ja oder nein? Wie die Grippesaison verlaufen wird, lasst sich nicht vorhersagen, auch weil sie stark mit dem Verlauf des Winters zusammenhängt.

Dass es einige Risikogruppen gibt, die sich unbedingt impfen lassen sollten – vor allem Ältere, Schwangere und chronisch Kranke – und dass die Impfung, obwohl nicht immer absolut wirksam, die Zahl der Erkrankungen deutlich vermindern kann, steht außer Frage, wenn es nach Ursula Wiedermann-Schmidt, Leiterin des Instituts für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der Medizinischen Universität Wien geht.

Unberechenbarer Verlauf

Bei den derzeitigen milden Temperaturen denkt kaum noch jemand an die Grippe. Doch sie wird wohl noch kommen. Auch der letzte recht milde Winter ging mit einer richtigen Grippesaison einher, die zwar spät begann, aber mit mehr als 2.500 laborbestätigten Influenza-Infektionen keine von den schwächeren war. "Wir können leider nicht vorhersehen, ob und wie sich eine Grippewelle entwickelt. Das hängt von vielen Faktoren ab, nicht zuletzt auch vom Verlauf des Winters", sagt Wiedermann-Schmidt.

Im letzten Jahr startete die Grippewelle relativ spät und war auch vergleichsweise kurz. Dennoch verlief sie nicht ganz harmlos. Das Problem: Das H3N2-Virus ist noch während der Saison mutiert, sodass die Impfung nur sehr eingeschränkten Schutz bot. Der Impfstoff für die Saison 2015/2016 verfügt jedoch auch über diesen mutierten Virenstamm, weswegen viele Experten, auch Wiedermann-Schmidt, für diesen Winter von einer höheren Wirksamkeit ausgehen.

Schutzwirkung vorhanden

"Die Schutzwirkung der Grippeimpfung ist, verglichen mit anderen Impfstoffen, zwar relativ gering", räumt Wiedermann-Schmidt ein. "Dennoch kann mehr als die Hälfte der Fälle verhindert werden." So wirkt der Impfschutz bei 60 Prozent der 18- bis 65-Jährigen, wie Studien zeigen. Erst ab einem Alter von 70 Jahren sinkt er auf unter 50 Prozent.

Bei Kindern zwischen zwei und 18 Jahren beträgt der Schutz sogar mehr als 80 Prozent – allerdings wurde dies einer Impfstoff-Kombination in Form eines Nasensprays erreicht, der in Europa nicht für Erwachsene zugelassen ist. Für alle Erwachsenen bietet aber der Totimpfstoff aus der Spritze den besseren Schutz.

Falsche Vorstellungen

Dass Österreich in Sachen Durchimpfungsrate in der EU immer noch eines der Schlusslichter ist, sei laut Wiedermann-Schmidt auf falsche Vorstellungen zurückzuführen: "Die Leute haben falsche Erwartungen, was sie sich von der Impfung erwarten können – und was nicht."

Was viele nicht wissen: Grippale Infekte, übertragen etwa von Rhino- oder Coronaviren, werden durch die Impfung nicht verhindert. Wer sich trotz aufrechten Influenza-Schutzes eine harmlose Erkältung einfängt, glaubt fälschlicherweise, dass die Impfung ohnehin nicht wirkt – und lässt sich künftig wahrscheinlich nicht mehr impfen.

Dabei ist die "echte Grippe" oder Influenza in ihrer Ausprägung wesentlich unangenehmer und gefährlicher als gewöhnliche Erkältungen, die in der Regel nach einer Woche wieder abgeheilt sind: Symptome der Influenza sind hohes Fieber über 40 Grad, extreme Abgeschlagenheit, trockener Husten (im Gegensatz zum sonst oft schleimigen), starke Kopf- und Gliederschmerzen. Das gefährliche: Die Influenza kann mit Lungenentzündungen einhergehen, die vor allem für betagte Patienten oft tödlich enden.

Funktion als Herdenschutz

Bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen hingegen verläuft die Influenza meist harmlos. Was übersehen wird: Die Betroffenen können sie trotzdem weitergegeben. Besonders Kinder erwiesen sich in Studien als wahre "Virenschleudern", so die Expertin. Und während die Jungen meist noch gut damit klarkommen, stellen sie für ältere und Risikopatienten, vor allem jene mit chronischen Erkrankungen von Herz, Lunge, Nieren und Stoffwechsel, aber etwa auch stark Übergewichtigen, eine Gefahr dar.

Deshalb sei der Herdenschutz besonders wichtig: Wenn weite Teile der Bevölkerung (und nicht nur sechs Prozent wie in Österreich), also auch Kinder, geimpft sind, werden auch alle anderen viel seltener krank. Davon profitieren neben den Nicht-Geimpften vor allem auch Ältere ab etwa 60 Jahren, bei denen die Impfung nur deutlich schlechter wirkt.

Jährliches Impfen

Unangenehm, aber für wirksamen Schutz nötig, sind tatsächlich jährliche Impfungen. Zwar verfügt der Körper über ein immunologisches Gedächtnis, das einmal mit einem Erreger konfrontiert, diesen langfristig besser abwehren kann. Dennoch handelt es sich bei der Grippeimpfung um einen Impfstoff, der nur ein Jahr lang optimal wirkt, weil sich das Virus verändert und im nächsten Jahr der Schutz nicht mehr ausreichend wirksam gegen die zirkulierenden Influenzastämme sein kann.

Lediglich bei älteren Personen wird mitunter auf Impfstoffe mit beigefügten Adjuvantien zurückgegriffen, die den Schutz verstärken können. Allein schon aufgrund der immer wieder auftretenden Mutationen empfehle sich aber eine jährliche Auffrischung, so Wiedermann-Schmidt. Auch deshalb, weil die Impfung "extrem gut verträglich" ist, nennenswerte Nebenwirkungen gebe es nicht.

Insgesamt spreche also nichts gegen die Immunisierung: "Man muss zugeben: Der Impfstoff ist nicht immer optimal auf die Erreger abgestimmt, kann auch nicht jede Infektion verhindern. Dennoch: Im Großen und Ganzen wirkt die Impfung. Sie verhindert die Influenza oder vermindert zumindest ihren Verlauf", sagt Wiedermann-Schmidt. Und verweist auf die USA und Skandinavien, wo aufgrund einer Durchimpfungsrate von 70 Prozent die Zahl der Infektionen um mehr als 40 Prozent zurückgegangen ist. (Florian Bayer, 23.11.2015)

  • Die Grippeimpfung wirkt – wenn sie auch nicht jede Influenza-Infektion verhindern kann, so kann sie meist ihren Verlauf vermindern.
    foto: apa/dpa/lukas schulze

    Die Grippeimpfung wirkt – wenn sie auch nicht jede Influenza-Infektion verhindern kann, so kann sie meist ihren Verlauf vermindern.

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