Klimawandel im Mekongdelta: Apokalypse in der Reisschüssel

25. November 2015, 09:00
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Die Nahrungssicherheit von Millionen von Menschen ist nicht mehr gewährleistet

Gedankenverloren blickt Domaden auf eines seiner Reisfelder. Statt satten grünen Pflanzen stecken vertrocknete Halme in staubigem Boden. Der Mann spricht leise: "Der Regen ist unzuverlässig geworden, die Winde sind stark, die Temperaturen immer höher". Das ist eine tödliche Kombination für eine Pflanze, die darauf angewiesen ist, im Wasser zu wachsen. Etwa drei Stunden von der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh entfernt besitzt Domadens Familie 2,6 Hektar Land. Die trockenen Flächen werden größer. Er sei Reisfarmer, sagt der schmächtig gebaute Mann, "seit meiner Geburt". Doch so etwas hat der 58-Jährige noch nicht erlebt. Er hat Angst, Angst um seine Zukunft, Angst um seine Familie.

Angst ist in Kambodscha ein ständiger Begleiter. Bis in die Neunzigerjahre tobten auch in Domadens Dorf die blutrünstigen Roten Khmer. Die Menschen starben wie Fliegen; drei Millionen in ganz Kambodscha. Heute haben es die Bewohner mit einem noch mächtigeren Gegner zu tun. Wie die marxistischen Massenmörder von damals kennt er keine Gnade. In vielen Teilen des Mekongbeckens in Kambodscha und Vietnam geht es ums Überleben.

foto: reuters/kham
Reis ist mit Abstand das wichtigste Agrarprodukt im Mekongdelta im Südwesten von Vietnam. Das Getreide ernährt Millionen von Menschen.

Schlagader des Reisanbaus

150 Millionen Hektar Reisfelder gibt es auf der Welt, ein großer Teil davon im Ufergebiet und Delta dieses fast 4500 Kilometer langen Flusses. Wie eine gigantische Schlagader zieht sich der Mekong vom Hochland von Tibet durch China, Laos, Thailand, Kambodscha und Vietnam, pumpt Wasser und Leben in tausende Dörfer und Städte. Der Fluss ist eine Nahrungs- und Einkommensquelle. Reis ist mit Abstand das wichtigste Agrarprodukt. Das Getreide aus dem Mekongdelta und anderen Gebieten ernährt Millionen, seit Jahrhunderten.

Reis ist weltweit eines der wichtigsten Nahrungsmittel überhaupt. Laut Prognosen der Vereinten Nationen wird die Nachfrage von heute 439 auf 555 Millionen Tonnen im Jahr 2035 steigen. Das größte Wachstum wird mit 67 Prozent in Asien erwartet, aber auch in Afrika und in Amerika werde die Lust auf das Getreide zunehmen. Doch Experten warnen: Die dazu notwendige Ausweitung der globalen Anbauflächen um bis zu 1,5 Prozent pro Jahr ist nicht nur ein hohes Ziel, es wird kaum zu erreichen sein. Im Gegenteil: Die Reisfelder in den wichtisten Anbaugebieten Südostasiens schrumpfen.

foto: apa
Der globale Anstieg der Durchschnittstemperatur ist auch im Mekongdelta zu spüren. Reis zeigt wenig Widerstand gegen Klimaumbrüche.

75 Prozent des Reises in Thailand, Kambodscha und Vietnam wird auf Feldern produziert, die nach der traditionellen Überflutungsmethode bewirtschaftet werden. Der Klimawandel hat in Südostasien bereits dramatische Auswirkungen auf diese Anbaumethode. Ein Mangel an Regen, gefolgt von flutartigen und zerstörerischen Niederschlägen, aber auch häufigere Wirbelstürme, führen zum Verlust von Agrarland. Die größte Gefahr für die Reisfelder ist jedoch der globale Temperaturanstieg: Die Durchschnittstemperaturen im Großgebiet des Mekongs sind in den letzten 50 Jahren um zwischen 0,5 und 1,5 Grad gestiegen – Tendenz steigend. Nicht nur Reis, auch andere wichtige Bodenfrüchte zeigen dafür wenig Toleranz.

Eine weitere Folge des Klimawandels: der steigende Meeresspiegel. Zwischen einem und bis zu fünf Millimeter pro Jahr, rechnet die vietnamesische Klimabehörde vor. Meerwasser frisst sich in die Süßwassersysteme im Mekongdelta. Salz findet sich bereits 60 Kilometer landeinwärts im Wasser. Laut WWF könnte die Versalzung von Reisfeldern in diesem Gebiet, wo Vietnam fast 50 Prozent seines Reises produziert, bis Ende des Jahrhunderts die Hälfte des Agrarlandes zerstören. Im vergangenen Jahr verlor Vietnam 60 Quadratkilometer Boden ans Meer.

Staudämme verschärfen Krise

Es gibt jedoch noch eine Gefahr für das wirtschaftliche Überleben am Mekong: Staudämme entlang des Flusses. Laut der Organisation International Rivers (IR) hat China bisher sechs "Megastaudämme" gebaut, weitere 14 seien geplant. Führend im Blockieren und Umleiten des Flusses über Turbinen ist Laos. Vientiane hat klargemacht, das Land wolle die "Batterie Asiens" werden, der führende Exporteur billigen Stroms in die wachstumshungrigen Nachbarländer, allem voran nach China. Ein wesentlicher Teil des Kapitals für insgesamt neun Dämme – und meist auch Baumaterial und Arbeitskräfte – stammen denn auch aus Peking. Doch auch die Nachbarn Kambodscha, Thailand und Vietnam sind gierig nach billiger Wasserkraft und wollen Dämme bauen – obwohl sie schon heute deren Opfer sind.

foto: urs wälterlin
75 Prozent des Reises in Thailand, Kambodscha und Vietnam wird produziert. Falls es hier zu Ernteausfällen kommt, wären Millionen von Menschen betroffen.

Wachstum auf Gedeih und Verderb, fürchten Kritiker wie der Umweltmanagementexperte Jeremy Carew-Reid. Denn die Verlangsamung der Wassergeschwindigkeit und die Blockierung von Flussschlamm haben katastrophale Konsequenzen für die Ökosysteme im und entlang des Flusses. Das Mekongdelta gilt als eines der reichsten Fischgebiete der Welt. Doch die nährstoffreichen Sedimente, die im Vermehrungszyklus der Fische eine existenzielle Rolle spielen, werden durch die Dämme blockiert. "Wenn man mal elf Dämme hat, bleibt nicht mehr viel übrig, was es bis zum Ende des Flusses schafft", meint Carew-Reid. Auch die Migration der Fische wird unterbrochen.

Die Folgen für die Ernährungssicherheit sind erheblich. Berufsfischer klagen schon heute über reduzierte oder ausbleibende Fänge. Viele mussten ihr Handwerk aufgeben. Hunderttausenden von Menschen fehlt damit nicht nur das Einkommen – nicht zuletzt aus dem Export von Fisch – sondern die wichtigste Quelle von Eiweiß. Forscher warnen schon vor sozialen Unruhen, Migrationsbewegungen und einem Eskalationspotenzial hinsichtlich Konflikten zwischen den Ländern. Die überregionale Mekong River Commission, eine Körperschaft, die Lösungen für die nachhaltige Nutzung des Flusses finden sollte, ist jedoch laut Kritikern von Eigeninteressen der Länder blockiert.

foto: urs wälterlin
Auch der Bau von Dämmen zerstört fruchtbaren Boden.

Höherer Preis für Qualität

Domaden macht das Beste aus seiner Situation. Mit Unterstützung der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit hat er die Produktion erhöht und die Qualität seines Reises verbessert. Heute verkauft er ihn ohne Zwischenhändler an Dritte-Welt-Läden in Europa, zu einem höheren Preis. Sein Nischenprodukt ist bio. Nichts freue ihn mehr als der Verzicht auf chemische Schädlingsbekämpfung: "Sie hat nicht nur die Umwelt, sondern auch mich krank gemacht." (Urs Wälterlin in Phnom Penh, 25.11.2015)

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