Nordostindien: Wo die Flussgeister an der Insel nagen

23. November 2015, 10:00
1 Posting

Indigene leben seit Jahrhunderten auf der Flussinsel Majuli mit den Launen des Brahmaputra. Das veränderte Klima bringt neue Herausforderungen

Der Fluss hat den Weltrekord gefressen. Majuli war einst die größte Flussinsel der Welt. Doch der Brahmaputra holt sich mit zäher Ausdauer den 421 Quadratkilometer großen Landstreifen im Bundesstaat Assam. Der "Sohn des Brahma" ist mit einer Länge von 3100 Kilometern einer der längsten Flüsse der Welt und entspringt am Kailash im Himalaja. Bevor er Nordostindien erreicht, fließt er durch Tibet und Bangladesch. An den Ufern Majulis ist bis zum Horizont nur das trübe, blaugraue Wasser zu sehen. Die Wassermassen wirken wie ein Meer, riechen aber durch das Süßwasser anders.

foto: julia schilly
Die Fähre ist die wichtigste Verbindung zum Festland.

Die Insel können die etwa 140.000 Misings nur durch Fähren verlassen, in den Flutzeiten sind viele Menschen vom Festland abgeschnitten. Rund 1,3 Millionen Misings leben insgesamt in Nordostindien, sie werden auch Flussbewohner genannt. Der zweitgrößte Stamm Indigener in Indien kam vor 800 Jahren aus China nach Assam, um im fruchtbaren Gebiet rund um den Brahmaputra sesshaft zu werden. Das große Erdbeben von 1950 hat ihre Situation jedoch dramatisch verändert. Es kam zu einer massiven Veränderung des Geländes, hauptsächlich durch Erdrutsche.

Eine zweite Umstellung erleben die Misings gerade durch klimatische Veränderungen. Einerseits haben die Flüsse die Menschen von Majuli lange Zeit vor Aggressoren beschützt, andererseits wurden die Flüsse in den vergangenen Jahren selbst zu destruktiven Mächten. Die jährlichen, Monate andauernden Überflutungen sind die Misings gewohnt. Sie haben sich daran angepasst. Die Häuser stehen auf Stelzen, um den Fluten zu trotzen. Die Pfahlbauten werden aus Bambus und ohne Nägel gefertigt. In Assam gibt es viele Bambusarten, große, dicke, dünne, grüne, braune und ockerfarbene Bambusrohre säumen den Wegesrand. Jede Sorte hat ihre bestimmte Verwendung. In den trockeneren Monaten leben darunter schwarze Schweine, die alle Küchenabfälle fressen, die durch die Ritzen der Bambusbauten fallen.

foto: julia schilly
Die Bambushäuser werden ohne Nägel errichtet. Der Stelzenbau schützt vor Hochwasser.

Unberechenbares Wetter

Doch klimatische Extreme werden immer unvorhersehbarer: Regen bleibt aus, wenn er gebraucht wird. Überflutungen entstehen, wenn die Felder frisch bestellt wurden. 98 Prozent sind von der Landwirtschaft abhängig. Reis, Gemüse, Süßkartoffeln, Erdbeeren gedeihen im fruchtbaren Boden der Flussinsel. Doch die Misings sind immer länger obdach- und einkommenslos. Monatelang können die Häuser nur auf Booten verlassen werden.

Durch die immer längere Dauer der Überflutungen kommt es auch zu Hungersnöten. Der Schutz durch die Regierung bleibt aus. "Sie sind zu langsam. Sobald sie endlich zu bauen beginnen, kommt schon die nächste Flut", sagt Bolai Payeng. Der 38-Jährige ist einer der rund 200 Bewohner des Dorfs Dambokial, das an einem Zufluss des Brahmaputra liegt. Das Wasser ist noch kaum den Abwässern der Fabriken, Staukraftwerken oder Überfischung ausgeliefert. Riesige Fische ziehen die Männer aus dem Wasser. Während der Regenfälle, die rund vier Monate andauern, übernimmt aber das Wasser das Kommando und bestimmt den Tagesablauf.

foto: julia schilly
Bolai Payeng lebt mit und vom dem Fluss.

Bolai Payeng lebt seit seiner Geburt hier. Er nennt sich selbst "Besitzer des Flusses" und empfängt Besucher überschwänglich am dem Dorf gegenüberliegenden Ufer. Schnell schultert er sein Fahrrad und rudert die Besucher in einem schmalen Holzkanu über das Wasser. Der "Besitz" des Flusses ist jedoch weniger eine kapitalistische Ausformung denn eine Art der sozialen Absicherung. Alle acht Jahre wählen die Dorfbewohner den "Besitzer" neu, der Abgaben vom Fischfang erhält und den Transport mit einer Holzfähre über das Wasser übernehmen darf.

Bei dem Wahlmodus zeigt sich das egalitäre System dieser Indigenen. "Nicht der Reichste, sondern die ärmste Person, die das Geld am meisten braucht, wird gewählt", sagt der Vater von sechs Kindern. Das könne auch eine Frau sein, zum Beispiel eine Witwe, für die die Lebensbedingungen in dem Dorf ohne Elektrizität, und Licht in der Nacht, noch härter sind.

foto: apa/str
Der Brahmaputra hat bereits mit starker Verschmutzung zu kämpfen. An den Zuflüssen ist die Wasserqualität oft noch viel besser.

Die Misings sind bisher eine der wenigen ethnischen Gruppen in Nordostindien, die nicht zu den Waffen gegriffen haben, um für ihr eigenes autonomes Territorium zu kämpfen. Ohne Gewaltanwendungen haben sie es geschafft, ihr eigenes Territorium zugesprochen zu bekommen. Trotz dieser politischen Erfolge werden Misings nach wie vor gesellschaftlich kaum wahrgenommen und diskriminiert.

Das intensive Zusammenleben mit dem Fluss schlägt sich auch in Geschichten, Mythen und Liedern der Dorfbewohner nieder. "Im Fluss leben Geister", berichtet Payeng, und die anderen Männer nicken zustimmend. Das spüre man einfach: beim Schwimmen, beim Waschen oder beim Fischen. "Manchmal fühlen wir Angst, wenn wir im Wasser sind", schildert er. Diese bösen Seelen nennen sie "Jok". Um sie zu besänftigen, werden Tiere geopfert und dem Fluss überlassen. Die Menschen sehen sich selbst als Hindus, praktizieren aber noch einige animistische Rituale. Zu den Medizinmännern gehen sie heute nicht mehr, wenn sie sehr krank sind, sagt Payeng: "Dann gehen wir zum Arzt oder ins Spital."

foto: julia schilly
Das Zentrum der Familie ist auch bei den Misings die Küche.

Einnahmen durch Kultur

Das Institute for Culture and Rural Development, kurz I-Card, ist die erste NGO, die dieser indigenen Gruppe Unterstützung anbietet. Die Organisation eröffnet jungen Menschen Bildungsmöglichkeiten. Laut der österreichischen Dreikönigsaktion kann nur etwa ein Drittel der Männer lesen und schreiben. Bei Frauen liegt die Alphabetisierungsquote nur bei 15 Prozent. Wenn die Menschen durch Überflutungen ihre Einnahmequellen verlieren und in größere Städte migrieren, fristen sie ihr Leben als Tagelöhner und leben in Slums. Ihr Wissen sollen die jungen Leute, die am Projekt teilnehmen, im Dorf weitergeben. So entstanden in den vergangenen Jahren neue Einkommensmöglichkeiten. Das ist auch eine Absicherung gegen die klimatischen Veränderungen.

foto: julia schilly
Die Webstühle befinden sich oft unter den Häusern.

Denn das Kunsthandwerk der Misings ist gefragt: Die Frauen weben feine Muster, jeder Stamm hat seine eigenen traditionellen Formen. Oft wird eine diamantenförmige Raute in Variationen dargestellt. Die charakteristischen Farben sind Schwarz, Weiß und Rot, darin werden Farbakzente eingearbeitet. Die Frauen geben die Abläufe, in denen Fingerfertigkeit gefragt ist, weiter. Die Stoffe sind bereits international gefragt. (Julia Schilly aus Majuli, 23.11.2015)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Recherchereise wurde von der Dreikönigsaktion, Hilfswerk der Jungschar, unterstützt. Nordostindien ist Schwerpunktland der Spendenaktion.

Share if you care.