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Analyse22. November 2015, 10:20

Als am vergangenen Freitag Explosionen im Pariser Stade de France während des Spiels Frankreich gegen Deutschland zu hören waren, sprengten sich gerade drei Selbstmordattentäter in unmittelbarer Nähe in die Luft. Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier dachte, im Publikum sitzend, zuerst, es seien Feuerwerkskörper gewesen.

Stattdessen war es der Beginn der wohl schlimmsten Terrorserie der vergangenen Jahrzehnte in Frankreich – und der zweite Anschlag in und auf Paris im Jahr 2015. 130 Menschen starben an mehreren Tatorten, die meisten im Musikklub Bataclan. Es war ein Angriff auf die freie, offene Gesellschaft der westlichen Welt und ihren Lebensstil, der es erlaubt, am Freitagabend gut gelaunt ein Rockkonzert zu besuchen. Oder mit Freunden Wein in einem Café zu trinken. Oder mit 80.000 anderen Fans Fußball zu schauen.

Als am Sonntag das Gerücht von neuerlichen Schüssen im Pariser Viertel Marais die Runde machte, kam es an der Place de la République zu einer Massenpanik. Minutenlang wurden Tweets über einen vermeintlichen Anschlag abgesetzt; die Polizei duckte sich hinter Mauern, und die Pariser, die Kerzen in der Mitte des Platzes entzünden wollten, stürmten in die Nacht. Es war eine Falschmeldung, die jedoch zeigt, wie sehr die Anschläge Paris verunsichert haben. Auch als am Dienstagabend das Länderspiel Niederlande gegen Deutschland in Hannover wegen "konkreter Gefährdung" abgesagt wurde, aber im Anschluss weder Festnahmen noch Sprengstofffunde folgten, zeigte sich, dass die Angst überhandgenommen hat.

foto: afp photo / bertrand guay
Eine Folge des Ausnahmezustands in Frankreich war die stete Präsenz von Soldaten im öffentlichen Raum – hier auf den Pariser Champs-Elysees am Donnerstag.

Musiker, die ihre Konzerte absagen; Politiker, die offen von Krieg im eigenen Land sprechen; Luftangriffe auf das IS-Gebiet in Syrien; Verhaftungen in Frankreich, Belgien und Deutschland; Verschärfung von Gesetzen und Ausnahmezustand. Die Diskussionen um Terrorbekämpfung und Flüchtlingskrise vermischen sich. Jene, die vor dem IS und dem Assad-Regime geflüchtet sind, werden mit dem islamistischen Terror direkt in Verbindung gebracht. Um all das kreist ein verunsichertes Land, ein verunsicherter Kontinent auf dem Weg in eine verunsicherte Gesellschaft.

"Wir müssen für die Freiheit planen und nicht für die Sicherheit, wenn auch vielleicht aus keinem anderen Grund als dem, dass nur die Freiheit die Sicherheit sichern kann", schreibt der Philosoph Karl Popper in dem Buch "Offene Gesellschaft".

Überwachung gegen Angst

In den vergangenen Jahren wurde die Freiheit reduziert, die Überwachung im Internet weltweit ausgebaut. Und nach jeder neuen Erschütterung wurde die Freiheit durch neue Bestimmungen infrage gestellt. Nur: Was bringt die Überwachung? Es gibt keine verlässliche Methode, technisch zwischen Terroristen, konspirativ wirkenden Gruppen oder bloß scherzenden Jugendlichen zu unterscheiden. Und selbst wenn nur eine von 1.000 überwachten Personen als möglicher Terrorist fehlidentifiziert wird, gäbe es dadurch in Österreich allein 8.500 Personen, die genauer beobachtet werden müssten. Nicht nur, dass eine Erfüllung dieser Forderung reine Symptombekämpfung wäre: Sie würde den Ermittlungsbehörden mehr Arbeit als Nutzen bringen. Doch es scheint ohnehin viel mehr darum zu gehen, ein vermeintliches Mittel gegen die Angst der Menschen präsentieren und ihnen ein Gefühl der Sicherheit geben zu können.

Denn die kollektive Angst ist das Ziel des islamistischen Terrorismus: Es geht darum, "die Herzen der Feinde zu terrorisieren", erklärt der Terrorismusforscher und Politologe Asiem El Difraoui im Gespräch mit dem STANDARD. "Die wollen uns natürlich verängstigen und unsere Gesellschaften spalten." Es ist schwer, sich davon im Alltag nicht beeinflussen zu lassen, doch genau das ist laut El Difraoui die effektivste Lösung: "Wir dürfen uns nicht polarisieren oder von der Angst lähmen lassen."

Die Angst ist aber nicht erst seit diesem Freitag, den 13., in den Fokus gerückt. Seit Monaten bestimmt sie politische und gesellschaftliche Diskussionen. Flüchtlinge ziehen über Griechenland in die Europäische Union, und ihr Schicksal beschäftigt den Kontinent. Angst motiviert und begleitet ihre Flucht. Die Menschen suchen Schutz vor dem Krieg, ihr Weg nach Europa ist von angstvollen Situationen gepflastert, sie haben Angst vor einer unsicheren Zukunft. Und in den Ankunftsländern erwarten sie Menschen, die wiederum Angst vor gesellschaftlichen Problemen und wirtschaftlichem Abstieg haben.

foto: apa/epa/djordje savic
Flüchtlinge an der mazedonisch-serbischen Grenze Mitte November.

Angstfaktor Flüchtlinge

Mit der Zeit verschob sich, was in der Flüchtlingskrise zunächst Angst erzeugte. Vor wenigen Monaten, als das Erstaufnahmezentrum in Traiskirchen erstmals völlig überfüllt war, lautete die Frage: Ist es menschlich vertretbar, Flüchtlinge in Österreich in Zelten unterzubringen? Heute wirkt diese Frage von der Realität entrückt, Flüchtlingszelte werden auch im Winter Alltag sein. Aus diffuser Angst, die durch das Errichten der Zelte ausgelöst wurde, ist Normalität geworden.

Im politischen Prozess beschreibt die Linguistin Ruth Wodak in "Politics of Fear" dieses Phänomen: Das, was einst als extrem empfunden wurde und Ängste bedient hat (etwa die Zelte als Symbol für Überforderung durch Flüchtlinge), sei nun auch im politischen Mainstream angekommen.

Zuletzt war diese Grenzverschiebung bei der Debatte um die Errichtung von Grenzzäunen zu bemerken. Tagelang stritt die Regierung um Semantisches: Zaun, "technische Sperre" oder (Copyright Bundeskanzler Werner Faymann) "Türen mit Seitenteilen". Die Flüchtlinge sollen durch diese Maßnahmen Richtung Grenzübergang Spielfeld geleitet, der Bevölkerung aber auch ein Sicherheitsgefühl vermittelt werden.

foto: christian fischer
Bereits bestehende Barrieren in Spielfeld werden nun durch eine Absperrung erweitert, über deren konkrete Bezeichnung tagelang gestritten wurde.

Angst sei unser Schutzmechanismus, sagt Borwin Bandelow, Professor für Psychologie an der Universität Göttingen. "Menschen haben ein gewisses Angstlevel und sind über Kulturgrenzen hinweg gleichbleibend ängstlich, auch unabhängig vom tatsächlichen Gefährdungspotenzial. Sie gewöhnen sich an Angstzustände." Gewissen Ängsten ist aber mit rationalen Argumenten nicht beizukommen. In unserem Gehirn gebe es, so Bandelow, ein vernünftiges, intelligentes Zentrum und ein animalisches Angstzentrum. Letzteres – Bandelow nennt es "Ministerium für absurde Angst" – ist sehr einfach gestrickt und holt Urängste hervor. "Das Ministerium für absurde Angst ist nicht Ansprechpartner für intellektuelle Gespräche." Das einfache Angstsystem handle intelligenzunabhängig. In Deutschland gebe es zum Beispiel keine giftigen Spinnen mehr, dennoch sei Spinnenphobie dort weitverbreitet.

Diese irrationale Angst ist fest im Menschen verankert. Xenophobie habe sich ebenfalls in diesem einfachen Angstsystem gehalten. Bandelow: "Teilweise ist das eine Urangst. Menschen haben sich vor tausenden Jahren in Stämmen organisiert. Diese Stämme haben einander wegen knapper Nahrungsmittelressourcen bekämpft. Es war damals ein Überlebensvorteil, jemanden anderen zu erschlagen." Fremdenhass fuße zwar auf scheinbar realen Ängsten vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, höheren Mieten oder Kriminalität, sei aber mit rationalen Argumenten oft nicht zu besiegen.

Die Angst-Politik

Politisch gesehen prägt die Angst das Handeln der Akteure. Das ist nicht erst seit den Anschlägen von Paris so. Politiker wiegen oft mit der Apothekerwaage ab, wie diese oder jene Aktion beim Wahlvolk ankommen könnte.

Rechtspopulisten wie Heinz-Christian Strache, Geert Wilders in den Niederlanden oder die Organisatoren der Pegida-Demonstrationen in Deutschland setzen auf das Verstärken der Angst. Angstbilder werden bewusst aufgebaut, geschürt und Zweifel verstärkt, Halb- und Unwahrheiten transportiert. Einen konstruktiven Lösungsansatz zu haben, ist nicht entscheidend, wenn der Angst-Trigger einmal getätigt ist. Die Angstmacher sehen in den Anschlägen von Paris eine Bestätigung ihrer Politik. Menschen wählen sie auch wegen der Schreckensszenarien, weil "ihre" Ängste artikuliert werden.

foto: apa/epa/georg hochmuth
Rechtspopulisten wie Geert Wilders (links) oder Heinz-Christian Strache (rechts) setzen auf das Verstärken der Angst.

Terror in Europa ist kein Phänomen der letzten Jahre. Schon seit den 1970er- und 1980er-Jahren war der Terror der IRA in Großbritannien, der ETA im Baskenland oder von Extremisten in ganz Europa prägend. Die Motivation der damaligen Terroristen und Attentäter war eine andere als heute – die kollektive Angst vor ihnen ist die gleiche geblieben.

In den vergangenen Jahren ging die Zahl der Opfer durch separatistische Anschläge zurück. Religiöser Fundamentalismus nahm zu. Religion spielt aber nicht nur im Islamismus eine Rolle, sondern auch im Umgang mit Ängsten. Eines der Heilsversprechen des Christentums ist, dass Gott den Menschen ihre Furcht abnimmt. "Fürchtet euch nicht", ist einer der zentralen Sätze des Neuen Testaments. Man tauschte Glauben gegen Angst. Stand früher die Angst vor Strafe im Jenseits im Mittelpunkt menschlichen Handelns, versucht man heute freilich, dem Tod aus dem Weg zu gehen. Die Angst vor dem Tod ist lebensimmanent geworden, weil der Tod für immer weniger Menschen als Erlösung infrage kommt und der Glaube an den Schutz auf Erden abnimmt. Andere Religionen zeigen ähnliche Muster.

In den Pariser Straßencafés wird die Angst noch lange zu Gast sein. Erst nach und nach werden im Bataclan wieder Bands auftreten. Bei der Fußballeuropameisterschaft in Frankreich im kommenden Jahr wird die Angst präsent sein.

Viele sagen und schreiben dieser Tage, was Europa jetzt brauche, sei ein Mehr an offener Gesellschaft. Alles andere wäre Kapitulation. Oder wie ein Vater seinem nach den Anschlägen verängstigten Sohn im TV-Magazin "Le Petit Journal" erklärte: "Die haben vielleicht Waffen, aber wir haben Blumen." (Sebastian Pumberger, Noura Maan, 21.11.2015)

Titelbild: AP / Christoph Ena