Fast 800 Hausdurchsuchungen in einer Woche

20. November 2015, 12:31
10 Postings

Frankreichs Exekutive erhält Fahndungsintensität aufrecht – Nervosität in Europa

Paris – Eine Woche nach den Terroranschlägen von Paris gedachten am Freitag zahlreiche Franzosen der mindestens 130 Toten. Auch in den Moscheen im ganzen Land verlasen Imame eine vom französischen Rat der Muslime CFCM verfasste Predigt, in der zum Verzicht auf Gewalt aufgerufen wurde. "Wir bekräftigen unsere volle Unterstützung für die Werte der Republik", heißt es weiter. Eine Kundgebung vor der Großen Moschee in Paris wurde aus Sicherheitsgründen abgesagt.

Aus Ermittlerkreisen wurden neue Details zur Fahndung nach Abdelhamid Abaaoud bekannt. Der mutmaßliche Terrordrahtzieher sei am Dienstag beobachtet worden, wie er von seiner Cousine Hasna A. in die am Mittwoch gestürmte Wohnung geführt wurde. Neben A., die sich in die Luft gesprengt hatte, sei in der Wohnung eine weitere Leiche gefunden worden, hieß es. Deren Identität war vorerst ungeklärt.

Abaaoud könnte laut neuen Erkenntnissen auch unmittelbar in die Anschläge vom vergangenen Freitag involviert gewesen sein. Bei der Auswertung von Überwachungsbildern der Tatnacht wollen ihn Ermittler in einer Metro-Station entdeckt haben. In der Nähe dieser Station wurde am Montag ein Auto gefunden, das jene Attentäter genützt haben sollen, die in der Innenstadt dutzende Menschen erschossen. Zeugen sahen dort drei Terroristen, bisher waren nur zwei bekannt.

Unklare Reiserouten

Weiter völlig unklar war, wie Abaaoud, der eigentlich in Syrien vermutet wurde, unerkannt nach Frankreich reisen konnte (siehe Seite 11). Aus Athen heißt es, es gebe keinerlei Belege dafür, dass er, als Flüchtling getarnt, durch Griechenland gereist sein könnte.

Weiter gesucht wurde am Freitag der mutmaßliche Attentäter Saleh Abdeslam, der ebenfalls in die Innenstadtschießereien verwickelt gewesen sein soll. Er war in der Tatnacht bei der Flucht nach Belgien kontrolliert worden, durfte aber weiterreisen. Mittlerweile wird in Spanien und den Niederlanden nach ihm gesucht.

Insgesamt haben die französischen Behörden in der vergangenen Woche 793 Hausdurchsuchungen durchgeführt. Diese sind wegen des geltenden Ausnahmezustandes auch ohne richterliche Genehmigung erlaubt. 164 Menschen wurden unter Hausarrest gestellt und 107 weitere vorläufig festgenommen. Zudem wurden 174 Waffen beschlagnahmt, dar über hinaus Gelder unklarer Herkunft in Höhe von 250.000 Euro. Viele der Festnahmen und Waffenfunde stehen allerdings nicht mit den Anschlägen von Freitag in Zusammenhang.

Zur Sicherheit in Frankreich sollen auch 1500 zusätzliche Soldaten beitragen, die seit Freitag auf den Straßen stationiert sind. Sie ergänzen die schon bisher aktiven 4900 Militärs.

Die Nervosität war wegen Hinweisen auf Anschlagspläne auch in anderen europäischen Staaten groß. In Rom und Mailand wurde Freitagfrüh vorübergehend die U-Bahn gesperrt, in beiden Fällen handelte es sich um Fehlalarm. In Schweden war schon Donnerstagabend ein gesuchter mutmaßlicher Islamist in einer Flüchtlingsunterkunft verhaftet worden.

Frankreich drang am Freitag dar auf, möglichst schnell eine UN-Resolution zum Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) zu verabschieden. Zuletzt hatte es sich an russischen Forderungen gespießt, wonach die Regierungen der betroffenen Staaten – Irak und Syrien – in die Planung von Luftschlägen einbezogen werden sollten. Die USA und Großbritannien lehnen dies mit Blick auf das Assad-Regime ab. Russland unterstützt es hingegen; seit Ende September auch mit Militärschlägen. Dabei wurden laut Aktivisten bisher 1300 Menschen getötet. Die Agentur Ria Nowosti zitierte Freitag Moskaus Verteidigungsminister Sergei Schoigu mit den Worten, es seien bei einem Angriff mit einem Marschflugkörper über 600 Kämpfer getötet worden. (mesc, ab, red, 20.11.2015)

  • Am Donnerstag wurden Arbeiten zur Sicherung der zerstörten Wohnung durchgeführt, am Freitag wurde der Fund einer weiteren Frauenleiche gemeldet.
    foto: ap/ena

    Am Donnerstag wurden Arbeiten zur Sicherung der zerstörten Wohnung durchgeführt, am Freitag wurde der Fund einer weiteren Frauenleiche gemeldet.

Share if you care.