Christian Konrad: Ohne Krawatte und mit vielen Einblicken

21. November 2015, 12:00
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Flüchtlingskoordinator Christian Konrad über die Kindheit im Weinviertel, schlaflose Nächte und volle Adressbücher

Ob er sich wirklich eine Krawatte umbinden müsse, war die erste Frage, die Christian Konrad beim Ankommen in der Siemens City stellte. Die Academy of Life hatte dieses Mal den Flüchtlingskoordinator der Bundesregierung und ehemaligen Raiffeisen-Generalanwalt eingeladen, um in bewährter Weise zu fragen: "Wie haben Sie das gemacht, Herr Konrad?" Moderatorin Barbara Rett spannte den Bogen von der Kindheit bis zu den Anfängen bei Raiffeisen, wollte über Niederlagen, Freund- und Feindschaften, Antrieb und die aktuelle Flüchtlingssituation Konrads Einschätzungen hören.

Anhauchen, bitte

Dabei ging es streckenweise amüsant zu – der Gesprächspartner ohne Krawatte ist immer für einen guten Spruch zu haben. So erfuhren die Zuhörerinnen und Zuhörer vom Weinbauer Onkel Franz, der selbst sein bester Kunde war, und dem Anhauch-Test bei der Mutter Konrad, um zu prüfen, ob der Bub nicht geraucht hat. Man glaubt Konrad, wenn er von sich sagt, dass er Menschen einfach mag. Ohne diese Eigenschaft wäre seine Karriere ganz anders verlaufen, sagt er.

Ein bescheidener Beginn

Ihren Anfang nahm diese am Schalter der Raiffeisenlandes-bank Niederösterreich-Wien. Konrad war gerade in den letzten Zügen des Jus-Studiums, aber schon verheiratet. "Ich wusste, dass ich wirklich ins Berufsleben einsteigen musste, ich habe ja gern und lange genug studiert", erinnert er sich. Das war 1969. Der Einstieg war aber nicht leicht: "Ich hatte von nichts eine Ahnung, konnte nicht einmal Maschine schreiben." Mit seinem Schmäh konnte er die Kunden allerdings über die anfängliche Langsamkeit hinwegtrösten. "Wissen S' gnä' Frau, ich bin ein Protektionskind", brachte er eine Kundin zum Lachen.

Er kehrt nach zweijähriger Tätigkeit bei der Niederösterreichischen Landwirtschaftskammer 1972 als Assistent des Generaldirektors zu Raiffeisen zurück. "Ich kannte Raiffeisen von der Pike auf. Das hat mir in dieser Funktion geholfen. Ich verstand die Anliegen der unterschiedlichsten Positionen und war deswegen oft der erste Ansprechpartner." In den Jahren danach wird er Hauptabteilungsleiter, Geschäftsleiter und schließlich 1990 in die Funktion des Obmanns gewählt. Vier Jahre später wird er Generalanwalt des Österreichischen Raiffeisenverbandes und 2001 Obmann der Raiffeisen-Holding NÖ-Wien und Aufsichtsratsvorsitzender der Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien AG.

Klare Worte

Für Konrad liegt die Basis seines beruflichen Erfolges im Zwischenmenschlichen, man erlebt ihn an diesem Abend als unkompliziert und hemdsärmelig. Dass er ein "gut gefülltes Adressbuch" hatte, war mit ausschlaggebend für seine neue Position als Koordinator. Aber auch das jahrelange Engagement bei mehreren karitativen Projekten spielt natürlich eine Rolle.

Über den Umgang mit Flüchtlingen findet Konrad klare Worte. Seit Jahren spricht er sich dafür aus, die Ankommenden als Chance und nicht als Krise zu sehen und bei der Integration gute Arbeit zu leisten. "In diesen Menschen liegt viel Potenzial, aber natürlich auch Sprengkraft, wenn sie nicht gut betreut werden." Der erste Schritt sei dabei das Dach über dem Kopf, denn "wer will schon einen Deutschkurs, wenn er friert." Auch wenn nicht sofort Ergebnisse erkennbar seien, müsse man für gelungene Eingliederung sorgen. "Sonst haben wir in sieben, acht Jahren Probleme."

Woher die Kraft kommt

Die Entscheidung, nach drei Jahren in der Pension einen so stressigen Job anzunehmen, habe er relativ schnell getroffen, "wie bei fast allen Entscheidungen, die ich treffe." Kraft ziehe Konrad aus ermutigenden Beispielen von Mitmenschen. "Ich schlafe zwar schlechter als während der letzten drei Jahre, stehe aber viel lieber auf."

Während er sich früher – trotz einiger Anwerbungsversuche – nicht vorstellen konnte, in die Politik zu gehen, hat er heute täglich mit Politikern und ihren Entscheidungen zu tun. Geholfen habe ihm dabei das Älterwerden. "Ich kann mit Kompromissen besser umgehen, stehe dann halt da und nicke." Sich selbst sieht er vor allem als Koordinator und nicht als Kommentator der Politik. Zwar hat er klare Meinungen – "Von einem Zaun halte ich überhaupt nichts" -, konzentriert sich aber lieber auf die Quartiersuche. Allerdings sagt er auch, dass er konsequent den Hut zieht, wenn er mit einer politischen Entscheidung gar nicht leben könnte.

Wie Konrad streitet

Man nimmt Konrad diese Geradlinigkeit ab. Auch mit Kritik gehe er direkt und sofort um. "Nicht abwarten und von hintenherum, sondern kerzengerade" spreche er Konflikte an. "Ich suche keinen Streit. Gehe ihm aber auch nicht aus dem Weg."

Über sich als "Machtmenschen", wie Konrad oft charakterisiert wird, will er nicht gerne sprechen. Barbara Rett versucht es trotzdem: "Wie viel Macht braucht Führung?" Klare Antwort: "Gar keine. Denn sonst regiere die Angst." Nur einmal habe er einen Mitarbeiter "zammputzt" und sich danach fürchterlich darüber geärgert. "Als Chef ist das die schlechteste Reaktion." Auch wenn Konrad das Attribut "mächtig" leid ist, muss man ihm zumindest Einflussbewusstsein nachsagen. Denn aus den vielen Anekdoten, die er bei der Academy of Life von sich preisgibt, erfährt man auch: Diesem Menschen wurde nicht oft ein Anliegen abgeschlagen.

Die ständige Suche

Deutlich wird aber auch, dass neben diesem Einflussbewusstsein eine große Portion Understatement mitschwingt. Konrad ist gerne und oft unter Leuten, lasse keine Gelegenheit aus, Quartiere aufzutreiben. Auch bei Siemens-Chef Wolfgang Hesoun habe er es probiert. "Da werden wir schon was finden", zwinkert der dem Manager in der ersten Reihe zu. (21.11.2015)

  • Durch die unterschiedlichen Positionen bei Raiffeisen habe er nicht nur über das Unternehmen, sondern auch über die föderale österreichische Struktur viel gelernt, sagt Christian Konrad. "Entscheidungen zu treffen hat zwar lange gedauert, aber sie haben gehalten. In der Politik ist das nicht der Fall."
    foto: hendrich

    Durch die unterschiedlichen Positionen bei Raiffeisen habe er nicht nur über das Unternehmen, sondern auch über die föderale österreichische Struktur viel gelernt, sagt Christian Konrad. "Entscheidungen zu treffen hat zwar lange gedauert, aber sie haben gehalten. In der Politik ist das nicht der Fall."

  • Führung brauche gar keine Macht. Nur einmal habe er einen Mitarbeiter "zammputzt" und sich danach fürchterlich darüber geärgert, sagt Konrad über Führung.

    Führung brauche gar keine Macht. Nur einmal habe er einen Mitarbeiter "zammputzt" und sich danach fürchterlich darüber geärgert, sagt Konrad über Führung.

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