"Wir wollen auf Urlaub fliegen, und wir wollen ins Stadion"

Interview20. November 2015, 10:26
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Heinz Palme ist Vizegeneraldirektor des katarischen Unternehmens ICSS, dessen Ziel es ist, Sportevents sicher zu machen. Er sieht das Stadion als "sichersten Ort", Fans sollten sich aber an Restriktionen gewöhnen

STANDARD: Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Sicherheitsfragen bei großen Sportereignissen. Was werden die Folgen aus den Pariser Attentaten sein?

Palme: Bei großen Sportevents hat die Sicherheit wahrscheinlich seit dem Attentat auf die Olympischen Spiele in München 1972 oberste Priorität. Große Sportevents sind prinzipiell sehr sicher. Bei Olympischen Spielen, bei einer Fußball-WM oder -EM, bei einem Champions-League-Finale sind die Standards besonders hoch. Aber natürlich muss man sie immer wieder überprüfen, verändern, anpassen.

STANDARD: Wenige Tage nach Paris wurde in Hannover das Länderspiel Deutschland gegen die Niederlande abgesagt. Wird es künftig oft zu Absagen kommen?

Palme: Das glaube ich nicht. Aber die Kontrollen werden verschärft werden. Besucher vor allem großer Veranstaltungen, bei denen das Risiko höher ist, werden künftig noch früher dort sein müssen, weil die Kontrollen mehr Zeit beanspruchen werden.

STANDARD: Wird das nicht viele Zuseher abschrecken? Bleiben die Menschen dann nicht lieber daheim und sehen fern?

Palme: Die Menschen gewöhnen sich an Vieles. Denken Sie an die Sicherheitsgurte in den Autos. Als die Gurte seinerzeit vorgeschrieben wurden – was war das nicht für ein Aufschrei von wegen Einschränkung der persönlichen Freiheit. Heute ist es ganz normal sich anzuschnallen, und es sind mehr Autos unterwegs als je zuvor. Oder denken Sie an die Flughäfen. Da nimmt jeder in Kauf, dass er kontrolliert wird. Ohne Kontrolle kann man nicht auf Urlaub fliegen. Ohne Kontrolle wird man vielleicht nicht mehr zu großen Sportevents kommen. Wir wollen aber auf Urlaub fliegen, und wir wollen ins Stadion.

STANDARD: Die Notwendigkeit der Absage in Hannover wurde hernach von vielen Seiten stark in Zweifel gezogen. Hat man mit der Absage überreagiert?

Palme: Das denke ich nicht. Und die Absage eines Fußballspiels, bitte schön, ist ja auch nicht dramatisch. Dramatisch wird es, wenn es Tote und Verletzte gibt. Alles andere ist eine Frage des Managements, vielleicht eine Frage von finanziellen Schäden, mehr aber auch schon nicht.

STANDARD: Die Attentäter in Paris haben ein Ziel, nämlich ins Stadion zu gelangen, nicht erreicht. Hat dieser Aspekt etwas gewissermaßen Beruhigendes?

Palme: Das Stadion ist bei einem großen Spiel der wahrscheinlich sicherste Ort. Gefährdeter sind wohl Public-Viewing-Bereiche. Da gibt es viele Sicherheitsbedenken, da rückt man aber vom eigentlichen Sportereignis schon wieder recht weit ab.

STANDARD: Und für Terroristen ist das eigentliche Sportereignis insofern besonders interessant, als es live übertragen wird?

Palme: Das liegt auf der Hand. Je größer eine Veranstaltung, umso größer das Risiko. Aber umso mehr ist auch budgetär für die Sicherheit vorgesehen. Da ergibt das eine das andere.

STANDARD: In Deutschland wie in Österreich wird nun auch über Gefährdung von Kulturevents bis hin zu Adventmärkten diskutiert. Ad-ventmärkte werden aber nicht live im Fernsehen übertragen.

Palme: Beim Thema Sicherheit geht es immer auch darum, eine Balance zu finden. Bei einem WM-Finale, das weltweite Aufmerksamkeit erzielt, wird man alles, was man kann, für die Sicherheit tun. Nicht nur bei den Adventmärkten, sondern auch bei normalen Fußballspielen, in der deutschen Bundesliga, in der englischen Premier League oder bei einem Wiener Derby, hat der Sicherheitsaufwand irgendwann seine Grenzen erreicht. Und ein gewisses Restrisiko wird es immer geben. Die totale Absicherung ist nicht möglich.

STANDARD: Sie sind beim International Centre for Sports Security, kurz ICSS, Stellvertreter des deutschen Generaldirektors Helmut Spahn. Dieser hat kürzlich die Franzosen harsch kritisiert.

Palme: Es war zu erfahren, dass es beim Spiel gegen Deutschland im Stade de France die Durchsagen nur auf Französisch gab. Das sollte wirklich nicht sein, da müssen die Franzosen natürlich nachbessern. Aber auch die Uefa als Veranstalter der Europameisterschaft 2016 in Frankreich muss jetzt alles überprüfen, alles neu durchdenken.

STANDARD: Ist Ihre Firma, das ICSS, in die Vorbereitungen auf die EM 2016 in Frankreich involviert?

Palme: Bis dato haben wir mit der EM nicht zu tun. Aber wir stehen mit der Uefa in permanentem Kontakt. Wenn Bedarf gesehen wird, sind wir gerne bereit.

STANDARD: Bei den Olympischen Spielen 1996 wurden durch eine Bombe eines christlich-fundamentalistischen Attentäters im Olympia-Park von Atlanta zwei Menschen getötet und mehr als hundert Menschen verletzt. Dieser Anschlag liegt einerseits erst zwanzig Jahre zurück, andererseits?

Palme: Andererseits sind zwanzig Jahre eine kleine Ewigkeit. Alleine, was sich in dieser Zeit technologisch getan hat, ist enorm. Es gibt Smartphones, es gibt Social Media, es gibt eine ganz andere Art zu kommunizieren. Das eröffnet der angreifenden, aber auch der abwehrenden Seite viele neue Möglichkeiten. (Fritz Neumann, 20.11.2015)

Heinz Palme (57) war von 1977 bis 2000 im ÖFB tätig (Leiter der Jugendabteilung, Pressechef, Teammanager, Organisator der Trainerausbildung, EM-Bewerbungsleiter). Bei der WM 2006 war der Steirer Chefkoordinator des OK, Projektmanagementleiter und Protokollchef, bei der Heim-EM 2008 Chefkoordinator der Bundesregierung und Geschäftsführer von "2008 – Österreich am Ball". Der Deutsche Helmut Spahn lotste ihn 2011 nach Katar zum ICSS (International Centre for Sports Security), das siebzig Mitarbeiter aus zwanzig Ländern hat. Es hatte bei der Fußball-WM 2014 in Brasilien beratende Funktion, berät die Marathons in London, Boston (seit dem Anschlag 2014) und Wien sowie Russlands Fußballliga.

  • Palme: "Die Absage eines Fußballspiels ist ja nicht dramatisch. Dramatisch wird es, wenn es Tote und Verletzte gibt."
    foto: leadership4_palme

    Palme: "Die Absage eines Fußballspiels ist ja nicht dramatisch. Dramatisch wird es, wenn es Tote und Verletzte gibt."

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