Neun Festnahmen bei mehreren Razzien in Brüssel

19. November 2015, 19:22
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Weitere Verdächtige im Zusammenhang mit Pariser Anschlägen in Gewahrsam – Mutmaßlicher Drahtzieher Abaaoud tot

Brüssel/Paris – Bei erneuten Razzien in Brüssel sind am Donnerstag neun Verdächtige im Zusammenhang mit den Pariser Anschlägen festgenommen worden. Sieben Festnahmen stünden in direkter Verbindung mit dem Selbstmordattentat des Franzosen Bilal H., erklärte die belgische Staatsanwaltschaft. Die anderen beiden Festgenommenen würden ebenfalls verdächtigt, in die Anschlagsserie verwickelt gewesen zu sein.

Der mutmaßliche Drahtzieher der Terroranschläge von Paris, der 28-jährige belgische Islamist Abdelhamid Abaaoud, wurde bei der dramatischen Polizeiaktion am Mittwoch in Saint-Denis bei Paris getötet, wie die französische Staatsanwaltschaft mit Verweis auf einen Abgleich von Fingerabdrücken am Donnerstag mitteilte. Am Mittwoch war Abaaouds Schicksal zunächst noch unklar geblieben. Acht Menschen wurden bei dem siebenstündigen Einsatz nördlich von Paris festgenommen. Zwei Terrorverdächtige starben, neben Abaaoud wahrscheinlich eine Frau, die sich in die Luft sprengte. Abaaoud war das Ziel des Einsatzes. Am Donnerstag versuchten Experten immer noch zu bestimmen, ob es nicht noch einen dritten Toten bei der Razzia in Saint-Denis gab. Die Nachrichtenagentur Reuters erfuhr aus Polizeikreisen, dass die dort ausgehobene Gruppe einen Anschlag auf den Finanzbezirk La Defense geplant hatte.

Frankreichs Premierminister Manuel Valls sagte am Donnerstag in der Nationalversammlung: "Wir wissen heute, dass Abaaoud, das Gehirn dieser Anschläge – eines der Gehirne, denn wir müssen besonders vorsichtig sein und kennen die Bedrohungen – sich unter den Toten befand." Die Abgeordneten reagierten mit Applaus. Die Ermittler prüfen laut Valls zunächst noch, ob sich Abaaoud selbst in die Luft sprengte. Damit wird von den mutmaßlichen Paris-Attentätern noch der Franzose Salah Abdeslam gesucht.

Abaaoud habe "eine entscheidende Rolle" bei den Anschlägen gespielt, sagte der französische Innenminister Bernard Cazeneuve. Von ihren europäischen Partnern bekamen Frankreichs Behörden laut dem Minister keine Hinweise, dass Abaaoud auf dem Weg nach Frankreich gewesen sein könnte. Die Ermittlungen würden auch "die genaue Beteiligung" Abaaouds klären. "Sie wird uns auch erlauben, den Weg dieses Terroristen aus Molenbeek in Belgien zu rekonstruieren."

Der Islamist sei möglicherweise in vier weitere teils vereitelte Anschläge seit dem Frühjahr verwickelt gewesen. Dazu gehöre der verhinderte Anschlag im Thalys-Schnellzug zwischen Brüssel und Paris im August. Abaaoud sei 2014 von Belgien nach Syrien gereist. Dort wurde er zuletzt auch vermutet.

Bilal H. war einer der Selbstmordattentäter von Paris, die bei ihren koordinierten Anschlägen am Freitag vergangener Woche 129 Menschen getötet hatten. Nähere Angaben dazu, wie lang die neun nun in Brüssel festgenommenen Verdächtigen festgehalten werden sollen, wollte die belgische Staatsanwaltschaft am Freitag bekannt geben.

Bei ihren Razzien in der Region Brüssel konzentrierten sich die Ermittler am Vormittag auf den berüchtigten Stadtteil Molenbeek. Dort hatte auch Abaaoud früher gelebt. Die Durchsuchungen fanden nach Angaben der Staatsanwaltschaft "in H. direktem Umfeld" aus Familie und Freunden statt. Der französische Staatsbürger lebte zuletzt in Belgien. Er soll auch in der Vergangenheit in Syrien gewesen sein.

In Molenbeek gab es in den vergangenen Tagen bereits mehrere Polizeieinsätze im Zusammenhang mit den Pariser Attentaten. Eine Razzia zur Festnahme des mutmaßlichen Jihadisten Salah Abedeslam verlief am Montag aber erfolglos. Unter den weiteren Orten der Durchsuchungen vom Donnerstag waren der Staatsanwaltschaft zufolge auch die gutbürgerlichen Viertel Uccle und Laeken sowie das Zentrum der belgischen Hauptstadt.

Belgien war nach den Anschlägen in Paris in die Schlagzeilen geraten, weil mehrere Attentäter und flüchtige Verdächtige aus Brüssel stammten oder Verbindungen dorthin unterhielten. In französischen Medien waren Geheimdienstkreise mit dem Satz zitiert worden: "Die Belgier bringen es einfach nicht." Es gab daher auch Spannungen zwischen Paris und Brüssel. Regierungschef Charles Michel wies die gegen die belgischen Sicherheitsbehörden erhobenen Vorwürfe am Donnerstag zurück. "Ich akzeptiere die Kritik nicht, die auf eine Verunglimpfung unserer Sicherheitsdienste zielt", sagte Michel im belgischen Parlament. "Gestern, in Saint-Denis, ist ein Attentat insbesondere dank der von den belgischen Teams bereitgestellten Informationen verhindert worden", sagte der Regierungschef mit Blick auf den Polizeieinsatz, bei dem am Mittwoch Abaaoud getötet wurde.

Michel kündigte außerdem eine Verstärkung des Kampfes gegen den Terrorismus an: "Wir werden die Feinde der Freiheit bekämpfen, wobei wir den Rechtsstaat beachten." Man werde schärfer gegen Hassprediger vorgehen und die Befugnisse der Polizei erweitern.

Abaaoud war Cazeneuve zufolge wohl für vier von insgesamt sechs geplante Anschlägen in Frankreich seit dem Frühling verantwortlich. Auch für das geplante Attentat auf zwei Kirchen in Villejuif im Süden von Paris sei er mitverantwortlich. In den Reihen der Extremistenmiliz "Islamischer Staat" (IS), die sich zu den Anschlägen in Paris bekannte, gehörte Abaaoud zu den prominenten europäischen Islamisten. In dem englischsprachigen IS-Online-Magazin "Dabiq" gab er damit an, wie er europäische Grenzen überquert habe, um Anschläge zu verüben.

Dass Abaaoud offenbar unbemerkt nach Frankreich eingereist war, hat eine Diskussion über die Arbeit der Geheimdienste ausgelöst. Ursprünglich war davon ausgegangen worden, dass er sich in Syrien aufhielt. "Das ist ein schwerwiegendes Versagen", erklärte der Experte Roland Jaquard vom International Observatory for Terrorism. Cazeneuve erklärte, seine Regierung sei nicht von anderen europäischen Staaten über Abaaouds Aufenthalt in Frankreich informiert worden. Möglicherweise sei der Islamist über diese Länder eingereist. "Erst am 16. November, nach den Pariser Angriffen, signalisierte uns ein nicht-europäischer Nachrichtendienst, dass ihm sein Aufenthalt in Griechenland bekannt sei." Das griechische Innenministerium erklärte, es habe keine Hinweise darauf, dass sich Abaaoud jemals in Griechenland aufgehalten habe.

Die deutsche Bundespolizei kontrollierte den Belgier bereits am 20. Jänner 2014 am Flughafen Köln/Bonn, wie ein Sprecher der Deutschen Presse-Agentur sagte. Das war, bevor er nach Syrien gereist sein soll. Belgien habe Abaaoud damals zur Kontrolle im Schengener Informationssystem (SIS) ausgeschrieben. Das bedeutet, es war nicht vorgesehen, den Mann aufzuhalten oder festzunehmen. "Spiegel Online" berichtete, der Mann habe von Köln/Bonn aus nach Istanbul fliegen wollen und den Beamten erzählt, er wolle dort Freunde und Verwandte besuchen. Das Portal meldete unter Berufung auf Sicherheitskreise, Abaaoud habe sich auch 2007 bereits einmal in Köln aufgehalten. (APA, 19.11.2015)

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