"Leider kann man nicht auf den Schalter drücken"

Interview19. November 2015, 19:08
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Vienna-Capitals-Coach Jim Boni beklagt das Verletzungspech und Formprobleme bei den Wienern, er hadert mit dem teilweise grenzwertigen Spielplan und fernbleibenden Zuschauern

Zur Halbzeit des 44 Runden umfassenden Grunddurchgangs der Erste-Bank-Eishockey-Liga sprach der Coach der Vienna Capitals mit dem STANDARD über die bisher nicht nach Wunsch verlaufene Saison und nennt die Gründe. Was die EBEL der großen KHL voraushat, was er von Villach-Trainer Greg Holst hält, was er über den dichten Spielplan denkt und warum der Heimvorteil in Wien nicht sticht, erklärt er im Interview.

STANDARD: Als Sie 2003/04 zu den Caps kamen, konnte in der darauffolgenden Saison der Meistertitel gefeiert werden. Ist der Titel auch heuer ein realistisches Ziel?

Jim Boni: (lacht) Das ist eine einfache Frage, die aktuell schwierig zu beantworten ist, weil die Meisterschaft erst Ende März, Anfang April entschieden wird. Wir haben eine Chance, sind sicherlich einer von sechs oder sieben Titelkandidaten.

STANDARD: Das Potenzial dazu ist vorhanden?

Boni: Auf alle Fälle, klar! Natürlich hängt das von vielen Sachen ab, von Verletzungen zum Beispiel.

STANDARD: Womit wir gleich beim nächsten Thema wären. Bei den Caps gab es heuer immer wieder einige Verletzte, aktuell fehlen "nur" Tyler Cuma, Sven Klimbacher und Dominic Hackl. Inwieweit hat sich das ausgewirkt?

Boni: Wir hatten eine schwierige Zeit. Nicht nur, dass die Verletzten fehlen, die anderen müssen dann nämlich Überstunden machen. Das kostet Kraft und macht natürlich auch mental müde. Wir haben immer noch Probleme mit Verletzungen. Ich hoffe, dass es bald vorbei ist. Dazu braucht es auch etwas Glück. Wenn das aber so weitergeht, wird es schwer.

STANDARD: Der Grunddurchgang umfasst 44 Runden. Mit Champions Hockey League, Länderspielen und Playoff kommen etliche Spiele hinzu. Ist das nicht zu viel für die Physis der Spieler?

Boni: Das würde ich nicht sagen. Wenn die Mannschaft gesund ist, wir mit vier Linien spielen können, dann ist das kein Problem. Die Voraussetzungen sind schließlich für alle gleich. Wenn es aber viele Verletzte gibt, dann sind es doch sehr viele Spiele.

STANDARD: Die Wiener haben den drittbesten Torsaldo in der EBEL. Zudem ist die Defensive mit einem Gegentorschnitt von 2,24 Treffern pro Match weiterhin die zweitbeste. In der Tabelle befindet man sich aber nur auf Platz sieben. Liegen die Probleme in der Offensive?

Boni: Wir wollen uns in der Offensive verbessern, aber noch wichtiger ist für uns das Überzahlspiel, da müssen wir besser werden. Momentan geht es in der Liga noch richtig eng her. Gewinnst du zwei Spiele hintereinander, bist du auf dem vierten oder fünften Platz. Wir sind mit unserer Situation, mit zwölf Siegen und neun Niederlagen, nicht so unzufrieden, weil wir nicht ein einziges Mal mit der kompletten Mannschaft gespielt haben. Ich glaube, die Jungs haben das richtig gut gemeistert. Am Anfang hatten wir Probleme mit der Disziplin, in den letzten Spielen aber haben wir weniger Strafen bekommen, das war viel besser.

STANDARD: 6:0 in Graz, 0:4 in Villach. Es hat den Anschein, dass in dieser Liga alles möglich ist. Ist die Liga ausgeglichen stark wie nie zuvor?

Boni: Ja, auf alle Fälle. Nach der Statistik ist die EBEL die engste Liga in Europa. Danach erst kommt die KHL. Sehr viele Spiele enden mit einem Tor Unterschied. Es gibt keine schlechte Mannschaft in der Liga, die Zeiten sind vorbei. Ljubljana ist vielleicht ein bisschen hinter allen anderen, aber selbst die können dich schlagen. Von der Qualität her ist die Liga nicht wesentlich besser geworden, von der Quantität her schon. Es gibt wenige herausragende Spieler in der Liga, vielleicht fünf oder zehn, die den Unterschied ausmachen können.

STANDARD: Nach dem 0:4 in Villach sagten Sie, dass die Caps einen schlechten Abend hatten. In den Medien war von fehlendem Kampfgeist die Rede. Was sagen Sie dazu?

Boni: Wir waren zunächst besser als Villach, haben dann im schlechtesten Moment, knapp vor der Drittelpause, ein Gegentor bekommen. Beim 2:0 haben wir durch einen individuellen Fehler die Scheibe verschenkt. Dann hat Lawson ein blödes Tor zum 3:0 bekommen. Und dann war es vorbei. Wir sind nicht mehr gelaufen, waren nicht mehr bereit für Zweikämpfe. Aber ich muss auch sagen, dass die Villacher mit dem 3:0 das Selbstbewusstsein gefunden haben, sie waren wie befreit. Für uns war das ein schlechter Abend. Aber das passiert, da spielen Menschen, die ihr Bestes geben wollen, nur leider funktioniert das nicht immer. Aber am Freitag können sich die Jungs revanchieren.

STANDARD: Was muss in Hinblick auf das Spiel gegen den VSV konkret verbessert werden?

Boni: Individuell müssen wir läuferisch und auch in den Zweikämpfen besser werden. Wir müssen einfacher spielen. Wir bewegen die Scheibe zu wenig, jeder Spieler hält sie zu lange. Wir müssen vor dem Tor, nach Schüssen mehr arbeiten. Wir versuchen es immer viel zu schön, wollen die Scheibe ins Tor tragen. Wir müssen mehr schießen und mehr zum Tor gehen. Und wir dürfen dem Gegner keinen Raum geben. Kleinigkeiten machen den Unterschied. Es bringt nichts, wenn ein Verteidiger 30 Meter läuft. Wir dürfen nicht für die Galerie, sondern müssen für die Mannschaft spielen.

STANDARD: Ist Greg Holst ein Wunderwuzzi?

Boni: In Villach gibt es aktuell sicher einen Trainereffekt, aber man muss schauen, wie lange das hält. Er ist ein Typ, der mir gefällt. Er tut dem Hockey gut, und ich freue mich, dass er wieder dabei ist.

STANDARD: Die Caps haben sieben von zehn Heimspielen gewonnen. Wie wichtig ist ein tolles, modernes Stadion für den sportlichen Erfolg?

Boni: (lacht) Für den Erfolg ist es gut, aber ich glaube, die Gegner profitieren mehr davon. Es ist schön, hier zu trainieren und zu spielen. Aber es ist schwierig für uns, zu Hause zu gewinnen, weil alle Mannschaften sehr gerne nach Wien kommen. Alle fühlen sich wohl hier. Für uns ist das leider kein Vorteil.

STANDARD: Die Unterstützung der Zuschauer hilft nicht?

Boni: Bis jetzt war leider noch nicht Eishockeyhochsaison, das Wetter war zu schön. Außerdem waren Mannschaften wie der KAC oder der VSV noch gar nicht da. Die Zuschauerzahlen waren nicht so besonders, ich hoffe aber, dass es langsam wird.

STANDARD: Sind ausbleibende Zuschauer vielleicht ein Indiz dafür, dass zu viele Spiele auf dem Programm stehen?

Boni: Es kann schon sein, dass der Spielplan einen Einfluss darauf hat. Der ist manchmal ein bisschen komisch, einmal sind zwei Wochen Pause, dann wieder drei Spiele in fünf Tagen.

STANDARD: Für die Konkurrenz an sich mag es gut sein, dass zwölf Vereine in der Liga spielen. Aber die weiten Reisen mit dem Bus nach Dornbirn, Bozen oder Innsbruck sind sicher weniger angenehm ...

Boni: Es ist anstrengend, aber ein Teil des Jobs, das gehört dazu. Nächste Woche spielen wir am Dienstag zu Hause, am Freitag nach neun Stunden Busfahrt in Bozen. Wir kommen am Samstag um acht, neun in der Früh zurück und spielen am Sonntag um 14.30 Uhr wieder. Das ist nicht einfach, das ist hart.

STANDARD: Halbzeit im EBEL-Grunddurchgang. Ihr Zwischenresümee? Zufrieden?

Boni: Nein. Ich bin damit zufrieden, was wir trotz der Verletzungen erreicht haben. Aber wir können besser spielen und haben mehrere Leute dabei, die ihren Level noch nicht erreicht haben. Manche spielen unter den Erwartungen.

STANDARD: Bis zu den Playoffs ist ohnehin noch viel Zeit.

Boni: Das denke ich auch, aber die Form muss langsam kommen. Wir haben Leute, die haben höchstens ein, zwei Tore geschossen oder noch gar nicht getroffen. Aber wir brauchen jeden. Jeder muss seine Leistung bringen, sein Niveau erreichen.

STANDARD: In den letzten Jahren waren die Caps oftmals im Grunddurchgang sehr gut, haben dann aber im Playoff nachgelassen. Versucht man heuer vielleicht gezielter als sonst, erst zu den Playoffs in Bestform zu sein?

Boni: Wir planen vom Training her ein, dass wir erst später top sind, noch nicht jetzt. Aber leider kann man dann nicht einfach auf einen Schalter drücken. (Thomas Hirner, 19.11.2015)

Giacinto "Jim" Boni (52) ist ein ehemaliger italo-kanadischer Eishockeyspieler und nunmehriger Trainer. Von 2009 bis 2014 war er Sportdirektor beim ERC Ingolstadt. Kurz vor den Playoffs 2015 wurde er als "Feuerwehrmann" von den Vienna Capitals zurückgeholt, nachdem er bereits von 2003 bis 2007 für die Wiener als Coach tätig war und 2004/05 den bisher letzten Titel nach Wien geholt hatte.

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Vienna Capitals

  • Jim Boni: "Nach der Statistik ist die EBEL die engste Liga in Europa. Danach erst kommt die KHL."
    foto: apa/herbert neubauer

    Jim Boni: "Nach der Statistik ist die EBEL die engste Liga in Europa. Danach erst kommt die KHL."

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