Die vier Saiten der Vollkommenheit

19. November 2015, 17:59
posten

Royal Stockholm Philharmonic Orchestra unter Sakari Oramo im Musikverein

Wien – Der Anfang und das Ende zuerst: Mit Anders Hillborgs Tondichtung Exquisite Corpse eröffnete das Royal Stockholm Philharmonic Orchestra unter Sakari Oramo den ersten von zwei Gastspielabenden im Musikverein. Der schwedische Komponist beginnt mit einem Ton als Nukleus, dieser erweitert sich zu einer hellen Klangfläche, die sich erst sachte verschiebt, dann verdichtet, intensiviert, verlebendigt, zum Nährboden wird für motivisches Material wie etwa majestätischen Trompetenfanfaren. Ein bisschen Boulez, ein bisschen Star Wars, ein wirkungsfreudiges Werk.

Einsatzfreudig zeigten sich die Schweden auch bei Prokofjews 5. Symphonie. Chefdirigent Oramo ist ein lustvoll Musizierender, er leitet mit ekstatischen Gesten. Die Musiker dankten es mit einer Spielfreude, die mitunter die Belastbarkeitsgrenzen des Instrumentariums testet. Bei den Begleitachteln zu Beginn des Allegro marcato wurde von den Streichern geholzt, mit einem recht strapazierten Streicherklang als Folge. Eine primär vitale, lustvoll lukullische Deutung der Symphonie. Wie das allerschönste Juwel lag Lisa Batiashvilis Interpretation von Sibelius‘ Violinkonzert inmitten der zwei Action-Spektakel von Hillborg und Prokofjew.

Die Georgierin musizierte frei von jeder Nervosität, mit einer Schlichtheit, Klarheit und Intensität, die die Zeit still stehen ließ. Die Proportionen der Dinge, die Perfektion der Darstellung: vollkommen wie bei einer Statue von Michelangelo. Unter den zahllosen herausragenden Darbietungen in diesem Konzertjahr vielleicht die herausragendste. (end, 19.11.2015)

Share if you care.