Menschenhandel: Unsere modernen Sklaven

20. November 2015, 07:00
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In Österreich sollen mehrere hundert Personen versklavt leben. Auch in Flüchtlingsunterkünften vermutet die Regierung Opfer

Mit seinem Lohn sei das junge Mädchen sogar zufrieden gewesen. Unter der Woche arbeitete es als Bettlerin in Wien. Kam nicht genug Geld herein, wurde es gezwungen, am Wochenende bis zu 14 Freier zu empfangen. Jeder von ihnen soll rund 200 Euro dafür bezahlt haben. Das Mädchen bekam 150 Euro pro Woche. "Mein Vater arbeitet in meiner Heimat als Bauarbeiter, der verdient 80 Euro im Monat", erklärte es österreichischen Sozialarbeitern – so erzählt den Fall zumindest Elisabeth Tichy-Fisslberger, die Koordinatorin zur Bekämpfung von Menschenhandel des Außenministeriums.

Menschenhandel? Sklaverei? Ist doch längst abgeschafft, möchte man meinen. Der Wiener Kongress erließ 1815 ein Reglement zur Ächtung der Sklaverei, 1926 wurde sie vom Völkerbund vertraglich verboten, Mauretanien war 1981 der letzte Staat, der ihr auf dem Papier ein Ende bereitete. Laut Schätzungen der Vereinten Nationen (Uno) gibt es heute dennoch an die 30 Millionen versklavte Menschen auf der Welt – das wären mehr als jemals zuvor.

Grundsätzlich muss man zwischen Schlepperei und Menschenhandel differenzieren. Menschenschmuggler werden vorab bezahlt, um Personen über Grenzen zu bringen; beim Menschenhandel geht es hingegen um die Ausbeutung im Zielland, das Geld wird also erst am Ende der Reise verdient. "Durch die aktuelle Flüchtlingskrise vermischen sich diese Ströme nun. Wir haben diesbezüglich zwar noch keine Zahlen vorliegen, aber ich bin davon überzeugt, dass in einigen österreichischen Flüchtlingsheimen Opfer von Menschenhandel untergebracht sind", sagt Tichy-Fisslberger.

Pfleger, Bettler, Sexarbeiter

Das Management-Center Innsbruck (MCI) und die Universität Innsbruck veranstalteten vergangene Woche ein Symposium zum Thema Menschenhandel, der "Sklaverei des 21. Jahrhunderts". Dort wird deutlich: Wie viele Menschen in Österreich versklavt leben, ist schwer zu sagen. Vergangenes Jahr hat die Polizei 61 Verfahren gegen tatverdächtige Menschenhändler abgeschlossen, heimische Non-Profit-Organisationen sind jährlich mit rund 300 Fällen konfrontiert. "Betroffene gibt es sicher um ein Vielfaches mehr", sagt Tichy-Fisslberger. "Der Menschenhandel ist aber ein für die Gesellschaft nicht sichtbares Verbrechen."

Moderne Sklaverei hat verschiedenste Formen angenommen: Opfer von Menschenhandel kann man am Bau, in der privaten Krankenpflege, auf heimischen Obstplantagen als Erntehelfer oder bettelnd auf der Straße finden – die meisten dokumentierten Fälle in Österreich betreffen Frauen in der Sexarbeit. Sie kommen vorwiegend aus EU-Staaten – vor allem aus Bulgarien oder Rumänien -, seltener aus Nigeria und Ostasien.

Erstmals syrische Betroffene

Im aktuellsten Menschenhandelsreport der Uno wird weltweit eine zunehmende Ausbeutung von Männern und Kindern festgestellt. "In unserem Bericht aus dem Jahr 2014 scheinen auch zum ersten Mal Betroffene aus Syrien auf", sagt Tejal Jesrani, die bei den Vereinten Nationen in der Abteilung für Drogen und Kriminalität arbeitet. "Krisensituationen locken Menschenhändler an."

Gregor Heißl, Rechtswissenschafter an der Universität Innsbruck, sieht eine klare Verbindung zwischen Menschenhandel und unseren Einwanderungsgesetzen: "Wer keine Möglichkeit hat, legal einzureisen, läuft natürlich Gefahr, auf Menschenhändler hineinzufallen. Und wer Angst hat, abgeschoben zu werden, geht nicht zur Polizei, um ein Verbrechen zu melden."

Doch wer profitiert vom Handel mit Menschen? In erster Linie natürlich jene, die ausbeuten. "Im Grunde ziehen wir aber alle unseren Nutzen daraus", sagt Belachew Gebrewold, Leiter des Instituts für soziale Arbeit am MCI, das das Symposium mitveranstaltete. "Wir alle verlangen nach günstigen Konsumgütern und günstigen Arbeitskräften. Dadurch sind wir alle Teil des Systems." (Katharina Mittelstaedt, 20.11.2015)

Update +++ Der Bundes-Obstbauverband Österreichs sieht in der Bildunterschrift "eine pauschale Verunglimpfung einer Branche" und verweist auf die "streng geregelte und kontrollierte Fremdarbeitskräftebeschäftigung in Österreich" +++

  • Versklavte Menschen findet man in Österreich zum Beispiel als Erntehelfer auf Obst- oder Gemüseplantagen.
    foto: dpa / fredrik von erichsen

    Versklavte Menschen findet man in Österreich zum Beispiel als Erntehelfer auf Obst- oder Gemüseplantagen.

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