Erstmals weibliche Führung im Emirate-Parlament

Analyse20. November 2015, 05:30
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Amal al-Kubaisi übernimmt das beratende Organ in den Vereinigten Arabischen Emiraten

Abu Dhabi / Wien – Amal al-Kubaisi, 45, übernimmt als erste Frau die Präsidentschaft eines Parlaments eines arabischen Staats: des "Föderalen Nationalrates", also Gesamtparlaments, der Vereinigten Arabischen Emirate in Abu Dhabi. Bei der Wahl gab es keinen Gegenkandidaten. Die westlichen Reaktionen sind dementsprechend oft abschätzig: Ob eine Frau in einem Parlament, das keinerlei Macht hat, den Vorsitz hat, sei auch schon egal, und die benachteiligte Stellung der Frau in einer erzkonservativen islamischen Gesellschaft ändere das auch nicht.

Das wird niemand bestreiten, es gibt aber auch eine andere Perspektive: In der Tat, das neue emiratische Parlament besteht zur Hälfte – 20 aus 40 – aus ernannten Abgeordneten, nur die andere Hälfte ist gewählt, und das von 220.000 ausgewählten Bürgern und Bürgerinnen. Von den neun Frauen sind acht ernannt. Der Föderale Nationalrat hat keinen Einfluss auf Regierungsgeschäfte, allerdings kann es Minister zur Anhörung zitieren.

Vorläufer des demokratischen Parlamentarismus

Amal al-Kubaisi ist ganz typisch für eine Frau, die es so weit bringt: eine Elitefrau – selbstverständlich auch verheiratet, mit Kindern – in einem Eliteparlament. Mit Parlamentarismus, wie ihn Demokratien verstehen, hat das nichts zu tun – aber doch mit seinen Vorläufern. Das heißt aber nicht, dass diese Leute völlige meinungslose machtlose Ja-Sager sind. Sie sind die Vertreter der Elite, mit denen der Herrscher die Richtung des Landes stets neu aushandeln muss. Das gilt auch für die Schura in Saudi-Arabien, in die der im Jänner 2015 verstorbene König Abdullah Frauen gesetzt hat – womit der konservative Klerus wenig Freude hatte. Aber ist so ein Schritt einmal gesetzt, ist er nur schwer rückgängig zu machen.

Es ist typisch für die langsame Reform, die in den arabischen Ländern am Golf meist von oben und nicht durch Druck von unten kommt. Sie ist auch eine Anpassung an die Realität: In den arabischen Golfstaaten gibt es sehr reiche, einflussreiche Geschäftsfrauen, ein Teil des Vermögens ist fest in weiblicher Hand. Frauen strömen auf den Arbeitsmarkt und auch in für sie neue Berufe – zum Beispiel als Anwältinnen.

Solider akademischer Hintergrund

Dass eine Frau bei Versammlungen des beratenden politischen Organs den Vorsitz führt, ist von großer symbolischer Bedeutung. Alleine schon, dass dieser Tage die emiratischen Zeitungen mit Kommentaren wie "Weibliche Führerschaft im Golfkooperationsrat braucht unsere Unterstützung" erscheinen müssen, ist meinungsbildnerisch etwas wert. Da werden manche Ultrakonservative – auch viele Frauen gehören zu ihnen – glauben, die Welt steht nicht mehr lang.

Dass diese Frauen einen soliden akademischen Hintergrund haben, ist selbstverständlich – alle haben sie ein Doktorat, al-Kubaisi etwa hat in Sheffield, Großbritannien, Architektur studiert und mit einer Arbeit über emiratische historische Architektur promoviert. Sie war auf diesem Gebiet bei der Unesco tätig und unterrichtete Architektur an der United Arab Emirates University.

Unter den Mächtigsten

2006 wurde sie ins neu geschaffene Parlament gewählt, dessen Abgeordnete damals von noch viel weniger – ein paar hundert – "Wahlmännern" bestimmt wurden. Ab 2011 war sie Vizesprecherin. 2007 schon nannte sie die FAZ in einem Artikel die "Vorzeigefrau der Emirate". In den letzten Jahren ist sie stets unter den ersten zehn der "100 mächtigsten Frauen der arabischen Welt". (Gudrun Harrer, 20.11.2015)

  • Amal Al-Kubaisi, Parlamentspräsidentin der Emirate.
    foto: reuters

    Amal Al-Kubaisi, Parlamentspräsidentin der Emirate.

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