Streit unter Arbeitskollegen endete mit Messerstecherei

19. November 2015, 18:01
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Ein 58-Jähriger stand wegen Mordversuchs vor dem Landesgericht Feldkirch. Verurteilt wurde er wegen absichtlicher schwerer Körperverletzung

Feldkirch – Tief in seiner Ehre gekränkt war ein älterere Paketzusteller, als ihn ein 20 Jahre jüngerer Kollege in der Firma wegen eines Sachschadens am Auto beim Chef "verpfiff".

Eigentlich hätte der 58-jährige Tschetschene die Probleme mit dem 38-jährigen Landsmann und Arbeitskollegen lieber im "Ältestenrat" der Vorarlberger Tschetschenen besprochen. Der jüngere Mann jedoch wollte eine persönliche Aussprache. Warum dieses Gespräch fast mit dem Tod des 38-Jährigen endete, musste der Angeklagte am Donnerstag den Geschworenen am Landesgericht Feldkirch erklären.

Der Mann holte weit aus, sprach von der großen Dankbarkeit gegenüber Österreich, das ihn 2004 als Flüchtling aufgenommen hat, lobte die Ärzte, die ihm, dem Kriegsversehrten, wieder auf die Beine halfen. "Entschuldigung, ich wollte hier nichts Schlechtes tun." Richter Norbert Melter hatte bald genug von der langatmigen Einleitung: "Jetzt haben Sie 20 Minuten geredet, da war nur Selbstmitleid, kein Mitleid."

Messerstiche und Filmriss

Mitleid hätte sich der Richter wahrscheinlich für das Opfer erwartet. Für den 38-jährigen in Hard wohnhaften Tschetschenen endete die Aussprache schließlich mit drei Messerstichen. Zwei davon in den Brustkorb. Richter Melter möchte wissen, wie es zu der Tat gekommen ist. "Er soll endlich den Tathergang schildern", forderte er den Angeklagten über die Russisch-Dolmetscherin auf.

Doch der Angeklagte kann sich an Details nicht erinnern. Er habe wie im Schock gehandelt, plötzlich seien Kriegserinnerungen hochgekommen, sagte der Veteran. Ja, die Aussprache eskalierte zu einer Schlägerei, räumte er ein. Mit seinem Taschenmesser habe er aus Angst um sein Leben zugestochen. Umbringen wollte er seinen Kollegen nicht.

Wäre der Notarzt nicht in wenigen Minuten eingetroffen, wäre das Opfer verblutet, stellte Gerichtsmediziner Walter Rabl fest. Die beiden Stichwunden im Brustbereich hatten hohen Blutverlust zur Folge. "Das Opfer hatte großes Glück, dass es so schnell medizinisch versorgt wurde."

Zeugen bedroht

Dem Angeklagten wurde außer Mordversuch noch schwere Nötigung vorgeworfen. Denn er habe Zeugen mit dem Tod bedroht, sollten sie die Polizei rufen. Die Zeugen blieben auch vor Gericht bei ihren ersten Aussagen: Der Angeklagte habe geschrien, dass er jeden, der die Polizei hole, töten werde. Der Angeklagte konnte sich nicht erinnern.

Konfusion verursachte der Zeuge der Anklage, ein Georgier. Er war mit dem Angeklagten zum Treffen gekommen, gab an, dass er den Streit schlichten wollte. Bei seiner Aussage verwickelte er sich in Widersprüche, konnte sich an wenige Tage zurückliegende Angaben nicht mehr erinnern, verstand plötzlich weder Russisch noch Deutsch. Auf die Frage des Richters, ob er Angst vor dem Angeklagten oder seiner Familie habe, schwieg er beharrlich.

Ehre des Tschetschenen

Die persönlichen und politischen Hintergründe der Tat wurden in Ansätzen deutlich: Der jüngere Kollege habe ihn in der Firma angeschwärzt, unter Tschetschenen Gerüchte über ihn verbreitet. Sei ihm, dem alten Mann und Kriegsversehrten, nicht mit Respekt begegnet. Denn solch ehrbare Tschetschenen wie ihn gebe es nur wenige in Vorarlberg, sagte der Angeklagte. Er meint damit Menschen, die nicht mehr in die Heimat zurückkönnen, weil sie gegen das Kadyrow-Regime sind. "Die anderen fahren ja jedes Jahr nach Tschetschenien."

Die Geschworenen sahen in der Messerattacke keinen versuchten Mord. Sie erkannten auf absichtliche schwere Körperverletzung und versuchte schwere Nötigung. Das noch nicht rechtskräftige Urteil: drei Jahre Haft, unbedingt. Zudem muss er an die Gebietskrankenkasse 9.200 Euro bezahlen. Dem Opfer hat er bereits 5.000 Euro Wiedergutmachung bezahlt. (Jutta Berger, 19.11.2015)

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