Olafur Eliasson: Der Illusionist an der Wirklichkeitsmaschine

19. November 2015, 17:19
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Mit den Mitteln des Illusionismus das Nachdenken über die Realität anregen? Klingt absurd, ist aber möglich. Olafur Eliasson spielt in "Baroque Baroque" im Winterpalais des Prinzen Eugen sowie im Belvedere mit Lichteffekten und beflügelt unsere Wahrnehmung

Wien – Eine Welt in Schwarz-Weiß. Diesen irrealen Blick auf unsere Lebensumgebung, der Geschichte immer auch ein bisschen von der Wirklichkeit abzurücken scheint, kennen wir von alten Fotografien. Live und in Schwarz-Weiß – das kann man momentan auch ganz ohne Filter vor der Linse erleben.

Olafur Eliasson hat im Winterpalais des Prinzen Eugen zwar nicht die Sonne aufgehen lassen wie 2003 in London, als der dänisch-isländische Künstler sein gigantisches, zwei Millionen Besucher anlockendes Weather Project in der Turbinenhalle der Tate Modern realisierte. Aber er empfängt mit trickreichen Lichtspielen, die die barocken Oberflächen der Architektur "auflösen" sollen, wie er sagt: Das Vestibül des barocken Prachtbaus, getragen von Atlanten, die unter dem Gewicht der üppigen Pracht beinahe in die Knie gehen, tränkt er etwa in gelbes Licht. Genauer gesagt in Monofrequenzlicht, das für den Besucher – der gerade eine mit Licht gezauberte Unterwasserzone durchtaucht hat – einige Zusatzeffekte bereithält: Denn statt Farben – dem satten Rot des über die herrschaftlichen Stufen gebreiteteten Läufers, des Golds der Kandelaber oder dem buntprächtigen Deckengemälde mit Apollo von Louis Dorigny – nur Schwarz-Weiß – bisweilen jedoch mit Silberanmutung.

Widerhaken für Blicke

Und weil das Gehirn nicht so viel zu tun hat mit dem Verarbeiten der Farben, erklärt Eliasson, sieht man auch viel mehr Details. Tatsächlich: Das Auge fokussiert plötzlich Dinge, über die es sonst regelrecht drüberflutscht, ganz so, als wären die silbrigen Grauabstufungen Widerhaken, an denen der Blick hängenbleibt. Eliasson also nicht als großer Verführer, sondern vielmehr als jemand, der Blick und Sinne schärft? Angesichts der publikumswirksamen Aktionen, die er mit seinem 90 Köpfe zählenden Atelier realisiert (unter anderem mit Technikern, Handwerkern, Architekten, Theaterleuten), kaum zu glauben.

Es sind das Auge überwältigende Spektakel mit seinen wichtigsten Materialien – Glas, Wasser und insbesondere Licht: die künstlischen Wasserfälle 2008 rund um die Südwestspitze Manhattans, die Farbnebel Feelings Are Facts (gemeinsam mit Ma Yansong), durch die man 2010 in Peking spazieren konnte, der 2011 eröffnete, 150 Meter lange Glaskorridor Rainbow Panorama in Aarhus, das künstliche Geröllfeld Riverbed 2014 in einem Kopenhagener Museum oder auch die 100 Tonnen Eis aus Grönland, die dort im selben Jahr im öffentlichen Raum vor sich hinschmolzen. Letzteres eine mahnende Geste des stark an ökologischen Fragen interessierten Künstlers, die trotz des doch einige CO2-Abdrücke hinterlassenden Aufwands für die Klimakonferenz Ende kommender Woche in Paris wiederholt werden soll. Wegen der jüngsten Terroranschläge ist dies aber nicht mehr ganz sicher.

Eliasson, dem auch das Museum of Modern Art in New York eine Personale (2008) widmete und der 2003 den dänischen Pavillon der Biennale von Venedig bespielte, ist aber nicht nur an Fragen der Umwelt und Nachhaltigkeit interessiert (2012 gründete er etwa gemeinsam mit dem Techniker Frederik Ottesen das Social Business Little Sun, das Solarleuchten erzeugt und vertreibt), sondern auch an Fragen der Integration. In der TBA21, wo ursprünglich ein Teil der Schau stattfinden sollte, wird ab Februar ein Refugee-Workshop stattfinden. In diesem Rahmen sollen Eliassons Green lights, seine Lampendesigns aus recycelbaren Materialien entstehen und von den Flüchtlingen dann selber verkauft werden.

Das Label Olafur Eliasson steht für eine gewaltige Maschine, deren lautes Getöse nun das vom Belvedere bespielte Winterpalais erreicht hat. Team und Medien wuseln nur so durch die Säle, von wo bereits vor der Eröffnung Blogger unter dem Hashtag #olafurbaroque (http://www.olafurbaroque.at) ihre Perspektiven auf das Olafur'sche Werk in die Cyberwelt spuckten.

#manonfire #olafurbaroque #olafureliasson

Ein von Georg Gfrerer (@georggfrerer) gepostetes Foto am

Baroque Baroque heißt die Retrospektive (von Daniela Zyman und Mario Codognato kuratiert, gespeist aus der kooperierenden TBA21-Sammlung Francesca Habsburgs und der Vergez-Kollektion). Bereits der Titel nimmt Bezug auf Motive wie Spiegelung, Doppelung, Überblendung oder Faltung. Und wie Eliasson mit diesen Mitteln spielt, ist tatsächlich den Inszenierungen des Barock ebenbürtig: Mehrere kaleidoskopartige Installationen schaffen träumerische Wunderbilder, die mit farbigen Lichtreflexen oder Tapetenornamenten spielen.

Am massivsten in der Wirkung ist ein Spiegel, obwohl die hauchdünne Folie insgesamt nur zehn Kilo wiegt: Denn er durchzieht eine ganze Raumflucht, verdoppelt sie, illusioniert Bilder schwebender Messingringe. Kurz – er macht alles noch opulenter.

Wirklichere Wirklichkeit

Dass mit diesem Eingriff auch die Fenster verschwinden und damit der Blick hinaus in die Welt, habe für den Künstler nichts mit Eskapismus zu tun. "Wir wollen uns nicht von der Wirklichkeit trennen, wir wollen die Wirklichkeit wirklicher machen." Fix ist, der Betrachter sei durch seine Eingriffe "gezwungen, sich mit seiner eigenen Wahrnehmung auseinanderzusetzen. Für Eliasson verdreht der Spiegel sogar die Verhältnisse: "Existiert der Spiegel wegen dem Raum oder der Raum wegen dem Spiegel?" Obendrein erlaube der Spiegel, sich beim Beobachten zu beobachten. Das Sehen selbst, und das empfindet Eliasson als etwas Barockes, werde inszenierbar.

Was da wahrnehmungstheoretisch und philosophisch passiert, ist freilich sehr von der Gelenkigkeit des Publikumskopfes abhängig. Legen wir also noch eine schönen Gedanken Olafur Eliassons hinein: Denn in Wien wollte er auch die Idee der Hierarchie als Konstrukt zeigen. Auch Macht sei eine Inszenierung. Sie wolle gar nicht so sehr als Hierarchie wahrgenommen werden. (Anne Katrin Feßler, 19.11.2015)

Bis 6. 3. im Winterpalais des Prinzen Eugen in der Wiener Himmelpfortgasse (eine Installation ist im Oberen Belvedere ausgestellt), Eröffnung 20. 11., 19.00

  • Podium: Creating Worlds

Anlässlich der Eröffnung der Ausstellung "Olafur Eliasson: Baroque Baroque" findet eine Diskussionsrunde (20. 11., 17.00, Oberes Belvedere) statt, die unterschiedliche Vorstellungen von Weltenerschaffungen, der Neuschöpfung von Universen und Weltordnungen erkundet. Olafur Eliasson, der Physiker Aurélien Barrau, die Philosophin Mirjam Schaub und Kuratorin Daniela Zyman (TBA21) sprechen etwa über Überschreitungen von Realität und Illusion, die sowohl im Barock als auch in Eliassons Werk auftreten.

  • TV-Porträt "Olafur Eliasson biegt Zeit und Raum": 21.12., 22.30, ORF2

Links

  • Lichtbrechungen, wie man sie aus Kaleidoskopen kennt, zaubert Olafur Eliassons "New Berlin Sphere" (2009, Sammlung TBA21) an die barocken Wände im Winterpalais des Prinzen Eugen.
    foto: anders sune berg © 2009 olafur eliasson

    Lichtbrechungen, wie man sie aus Kaleidoskopen kennt, zaubert Olafur Eliassons "New Berlin Sphere" (2009, Sammlung TBA21) an die barocken Wände im Winterpalais des Prinzen Eugen.

  • Olafur Eliassons Arbeit "Yellow corridor" mit den Monofrequenzleuchten entstand im Jahr 1997 (Vergez Kollektion, Buenos Aires) und ist nun in Wien im Vestibül des Winterpalais installiert.
    foto: anders sune berg © 1997 olafur eliasson

    Olafur Eliassons Arbeit "Yellow corridor" mit den Monofrequenzleuchten entstand im Jahr 1997 (Vergez Kollektion, Buenos Aires) und ist nun in Wien im Vestibül des Winterpalais installiert.

  • Sammlerin und Künstler: Francesca Habsburg mit Olafur Eliasson.
    foto: regine hendrich

    Sammlerin und Künstler: Francesca Habsburg mit Olafur Eliasson.

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