Fairness am Finger: Spurensuche nach fairem Gold

7. Dezember 2015, 17:51
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Gold ist immer und vergeht nie. Natur und Kinderseelen hingegen schon. Erst seit kurzem regt sich dieses Bewusstsein in der Schmuckbranche. Eine Spurensuche nach "fairem Gold"

Vor gut zwei Jahren geht das Foto eines filigranen Manschettenarmbands um die Welt: Society-Fotografen schießen die ersten prominenten Bilder von Schmuck aus fairem Gold, als die französische Schauspielerin Marion Cotillard bei den Filmfestspielen in Cannes über den roten Teppich schreitet. Aus Fairmined Gold, heißt es, seien die schmucken Stücke – damals neues Vokabular für die breite Masse.

Ein Jahr später glänzt die Goldene Palme aus demselben Edelmetall, und Supermodel Karlie Kloss lässt fair produzierte Ohrringe bei der Eröffnung der Filmfestspiele funkeln. Damit ist klar: Es regt sich etwas in der Schmuckbranche.

Green Carpet Collection

Die Modelle waren aus der Green Carpet Collection von Chopard. Die Kollektion entstand 2013 im Rahmen des Programms "The Journey to Sustainable Luxury" gemeinsam mit der Organisation Eco-Age und ihrer Kreativdirektorin Livia Firth, Frau des Oscarpreisträgers Colin Firth. Chopard präsentierte 2014 auch die weltweit erste Luxusuhr aus Fairmined Gold: Die "L.U.C Tourbillon QF Fairmined".

Der Genfer Juwelier ist Mitglied der Alliance for Responsible Mining (ARM), einer südamerikanischen Bergbau-NGO, die Bergbaugemeinden dabei hilft, die Fairmined-Zertifizierung zu erhalten, und bessere Arbeits-, Lebens- und Umweltbedingungen für die Bergbauleute fördert. ARM zahlt die höchsten Prämien für die Communitys der Minenarbeiter vor Ort, rund 4000 Dollar pro Kilogramm Gold – zusätzlich zum garantierten Mindestpreis. Die Prämie wird in Sicherheit, Schutzausrüstung, Hygiene- und Gesundheitsmaßnahmen investiert.

foto: collanges
Die Auszeichnung, mit der sich Betriebe schmücken dürfen.

Komplexe Materie

Wie viele Existenzen davon abhängen, veranschaulichen Zahlen: Weltweit arbeiten zehn bis 15 Millionen Kleinbergleute im handwerklichen Goldbergbau. Sie produzieren zwar nur rund zehn Prozent der Goldproduktion, repräsentieren aber 90 Prozent aller Beschäftigten in der Goldgewinnung. "Bis zu 150 Millionen Menschen inklusive deren Familien leben davon", so Felix Hruschka, der seit Jahrzehnten mit seinem Technischen Büro für Bergwesen weltweit Beratung für Kleinbergbau anbietet und seit zehn Jahren bei ARM mit dabei ist. Er hat erlebt, dass manche Kleinbergwerke noch mit abenteuerlichen, mittelalterlichen Mitteln arbeiten, und verbessert deren Situation. Fairmined Gold ist aber nur eine Variante von "fairem Gold". Die genaue Bezeichnung und Schreibweise der ganzen Materie ist komplex, weil es mehrere Spielarten, Siegel und Organisationen gibt (siehe Kasten).

Handschlagprinzip

In der Schmuckbranche geht es schon seit Jahrhunderten um Vertrauen, es gilt das Shake-hand-Prinzip. Der Laie kann schwer nachprüfen, wie echt der Schmuck ist, für den er viel Geld ausgibt, oder ob er tatsächlich aus den eingeschmolzenen Erbstücken gemacht ist, die er zum Goldschmied seines Vertrauens gebracht hat. Die relativ neue Frage aber ist: Unter welchen Umständen wird das Material für Schmuckstücke gewonnen, die – im Unterschied zu Modeschmuck – mehr sind als nur glänzender Aufputz? Immer mehr Kunden interessiert, woher das Gold für ihre Ehe- oder Verlobungsringe stammt.

Niemand will seine Zukunft symbolisch mit Edelmetall besiegeln, für dessen Gewinnung Korruption, Kinderarbeit, Ausbeutung und Umweltzerstörung an der Tagesordnung stehen. In Kanada und den USA gibt es diese Tendenz schon länger. In Europa hat Großbritannien seit etwa 2005 die Vorreiterrolle. Auch in Österreich regt sich zunehmend das Kundenbewusstsein: "Je östlicher oder städtischer, desto mehr wird ,faires Gold' nachgefragt", weiß Wolfgang Hufnagl, Innungsmeister der Wiener Kunsthandwerke, aus Rückmeldungen von Juwelieren und Goldschmieden. Obwohl die Bewusstseinsarbeit im Vergleich zu anderen Ländern hierzulande noch am Anfang steht.

foto: chopard
Weißgold kurz vor dem Gießen.

Pionier und Missionar

Die Wiener Schmuckwerkstatt Skrein ist ein Pionierbetrieb auf dem Terrain. Begonnen hat alles damit, dass eine Mitarbeiterin ihrem Chef Alexander Skrein das "Schwarzbuch Gold" in die Hand drückte. 2013 hat er dann seine gesamte Produktion auf "faires Gold" umgestellt. Bei Skrein bedeutete das bisher einen Anteil Recyclinggold, das eigentlich unter den Begriff Responsible Gold fällt, und Gold aus der Sotrami-Mine in Peru von einer englischen, mit Fairtrade kooperierenden Scheideanstalt. Gerade ist er dabei, neben Recyclinggold auf Fairmined Gold von ARM umzusteigen. "Noch fairer ist nur ein in letzter Zeit gewaschenes Nugget, das nicht aus einer Mine stammt", so Skrein. Aber die Menge an gewaschenem Gold reiche bei weitem nicht aus, die Branche zu versorgen.

Für den Juwelier ist "faires Gold" keine Definition, sondern der transparente Weg dorthin, jenes Gold zu verwenden, das für den einzelnen Betrieb realistisch ist. Dafür wirbt er für Nachahmer und organisiert Schulungen für die Branche. Der Gedanke: eine einfache, praktikable Lösung für Goldschmiede und Kunden mit dem Ziel, dass alle Beteiligten wissen, mit welchem Gold sie es zu tun haben. Skrein glaubt nicht, dass dafür unbedingt Siegel nötig sind, und legt seine Einkaufsrechnungen und Punzierungen stattdessen auf seiner Website für die Öffentlichkeit zugänglich offen. Derzeit braucht er rund fünf Kilogramm Gold im Jahr.

Österreich: Bis zu eineinhalb Tonnen Gold pro Jahr

Die heimische Schmuckbranche hat einen Goldbedarf von einer bis eineinhalb Tonnen jährlich. Rund 80 Prozent des Materials stammen von der Ögussa, sie ist der größte Lieferant für die Juweliere und Goldschmiede. Die Scheideanstalt hat seit 2012 die Zertifizierung RJC (Responsible Jewellery Council) und ist seit heuer zusätzlich nach dem "Chain of Custody"-Standard zertifiziert, was für die Schmuckbranche relevant ist: Goldschmiede bekommen von der Ögussa ausschließlich recyceltes Gold, das von der Mine bis zum Kunden nachvollziehbar ist. Darunter ist kein neu geschürftes Minenmaterial. RJC wurde 2005 von 14 Organisationen und Unternehmen gegründet, darunter auch Marken wie Cartier und Tiffany & Co.

Ögussa-Geschäftsführer Marcus Fasching ist eindeutig Recyclingfan: "Keine Art von Minenförderung ist gut", ist er überzeugt. Er glaubt aber, dass "faires Gold" und Recyclinggold ganz gut komplementär existieren können. Ersteres verbessere die Situation für jene Bergleute in Minen, die schon existieren, und Zweiteres schade zumindest in der Gegenwart niemandem, obwohl sich die Vergangenheit nicht mehr ungeschehen machen lasse. Bemerkenswert: Metall kann unendlich oft recycelt werden, ohne in der Qualität zu leiden. Derzeit denkt Fasching darüber nach, sich auch für "faires Gold" zertifizieren zu lassen. Die Scheideanstalt nimmt es zwar an, verkauft es aber nicht. Wer in Österreich etwa ARM-Gold verwenden will, ist derzeit auf Scheideanstalten im Ausland wie in Frankreich, der Schweiz oder in Großbritannien angewiesen.

Ehrenkodex

Alexander Skrein ist seine Pionierarbeit unterdessen nicht mehr genug und geht einen Schritt weiter: Er hat sich vorgenommen, dass "faires Gold" ab 2016 Standard in Österreich werden soll. Gemeinsam mit seiner Frau Michaela Skrein hat er den Verein Association for Fair & Responsible Gold (AFRG) gegründet. Das hohe Ziel: Alle Marktteilnehmer sollen zumindest teilweise auf "faires Gold" umsteigen, unabhängig von Siegeln, die eine 100-prozentige Umstellung erfordern würden, was sich in der Praxis oft als unmöglich erweise. Mitglieder des Advisory Bord sind neben AFRG etwa die Bundesinnung, die Scheideanstalt Ögussa, die Münze Österreich und ARM.

Geplant ist eine Liste auf der Vereinswebsite www.fairesgold.org, auf der sich sukzessive jene Goldschmiede und Juweliere eintragen, die zu einem bestimmten Prozentsatz auf faires und verantwortungsvolles Gold umsteigen. Das können mindestens 20, vielleicht 50 oder 95 Prozent sein. Anerkannt werden soll kontrolliertes Gold von RJC aus der "Chain of Custody" (Recyclinggold von der Ögussa), ARM und Fairtrade. Mittels ritueller Ehrenerklärung werden die Betriebe in die Eigenverantwortung genommen, eigens gestaltete Goldbarren in den Schaufenstern werden davon zeugen.

Fehlen noch jene, die mitmachen. Warum sollten sie? "Weil es ein Anliegen ist – in der Branche geht es um Ehre und Verantwortung – oder weil es sonst der Nachbar tut", so Skrein. Letztlich wird der Markt bestimmen, wie viel er an "fairem Gold" will. Der Druck auf die Produzenten kommt dann von ganz allein.

www.fairesgold.org


Fair und verantwortungsvoll: Gold-Varianten

Responsible Gold

Geht freiwillig über gesetzliche Vorgaben hinaus. Das Gold kann auch vom Großbergbau kommen. Organisation: RJC (Responsible Jewellery Council).

Recycling Gold

Bereits verwendetes Gold, etwa aus Goldbarren oder Schmuck, aber auch aus Elektronikteilen. Es kommt erneut in die Goldscheidung und weiter in

die Verarbeitung eines Goldschmieds. Fällt unter den Begriff Responsible Gold.

Fairmined Gold

Geht einen Schritt weiter und unterstützt Kleinbergleute durch Sozialprämien (rund 4000 Dollar pro Kilo Gold) zusätzlich zum garantierten Mindestpreis. Als Gegenleistung wird Gold auf sozial verantwortungsvolle und umweltverträgliche Weise gewonnen. Organisation: ARM (Alliance for Responsible Mining).

Fairtrade Gold

Garantiert auch einen Mindestpreis und Prämien, die mit 2000 Dollar pro Kilo Gold etwas geringer sind als bei Fairmined Gold. Organisation: Fairtrade (FT).

Ökologisch gewonnenes Gold

Gewaschenes oder ohne Einsatz von Chemikalien wie Quecksilber und Zyanid gewonnenes Gold. Im Fairtrade- und Fairmined-Standard ist auch die Rekultivierung der Abbauflächen definiert.

  • Immer mehr Kunden interessiert, woher das Gold für ihre Ringe stammt.
    foto: apa/deck

    Immer mehr Kunden interessiert, woher das Gold für ihre Ringe stammt.

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