Wir befinden uns im Krieg

Kommentar der anderen19. November 2015, 17:02
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Seit den Terroranschlägen in Paris befindet sich Frankreich im Zustand des Krieges gegen einen kaum bekannten Feind. Um diesen Krieg zu gewinnen, braucht es Klarheit, Geschlossenheit und Festigkeit

Seit den Terroranschlägen im Jänner auf das Satiremagazin Charlie Hebdo und einen koscheren Supermarkt wussten die Pariser, dass hinter der nächsten Ecke die Barbarei lauerte und dass sie wieder zuschlagen würde. Aber es ist eine Sache, etwas zu wissen und zu antizipieren, und eine andere, mit der bitteren Realität konfrontiert zu werden. Freitagnacht schlug diese Realität mit aller Gewalt zu. Wir befinden uns im Krieg; es wäre falsch – sogar gefährlich -, dies nicht zuzugeben. Und diesen Krieg zu gewinnen verlangt Klarheit, Geschlossenheit und Festigkeit.

Was wir jetzt am dringendsten brauchen, ist Klarheit in der Analyse. Wir kennen unseren Feind kaum, wissen nur um die Intensität seines Hasses und die Tiefe seiner Grausamkeit. Um seine Strategie zu verstehen, müssen wir ihn als das anerkennen, was er ist: ein intelligenter – und auf seine Weise rationaler – Feind. Wir haben ihn viel zu lange verachtet und unterschätzt. Es ist dringend erforderlich, dass wir jetzt den Kurs ändern.

In den vergangenen Wochen hat die Terrorstrategie des "Islamischen Staates" den Tod in die Straßen von Ankara, Beirut und Paris und in den Himmel über dem Sinai getragen. Die Identität der Opfer lässt keinen Zweifel an der Botschaft: "Kurden, Russen, libanesische Schiiten, Franzosen: Ihr habt uns angegriffen, also bringen wir euch um."

Je mehr Niederlagen der IS am Boden erleidet und je mehr er die Kontrolle über Gebiete in Syrien und im Irak verliert, desto stärker ist er versucht, den Krieg nach außen zu tragen, um vor weiteren Interventionen abzuschrecken. Die zeitlich abgestimmten Anschläge in Paris fielen mit dem Rückzug des IS aus der irakischen Stadt Sindschar zusammen.

Taktische Flexibilität

Natürlich wurde die Terrorzelle, die nun in Paris zuschlug, nicht im Gefolge der jüngsten Niederlagen des IS auf dem Schlachtfeld gegründet. Ihre Mitglieder waren bereits an Ort und Stelle und warteten darauf, aktiviert zu werden. Dies zeigt die taktische Flexibilität des "Islamischen Staates", von der Verfügbarkeit von Selbstmordattentätern gar nicht zu reden.

Dass sich der IS jetzt in Paris entschloss, Menschen ins Visier zu nehmen, die keine Satiriker, Polizisten oder Juden waren, liegt daran, dass diese Menschen aufgrund ihrer "Normalität" schutzlos waren. Ihr Ziel war, möglichst viele Menschen zu töten.

Diese Strategie ist möglich, weil das vom IS kontrollierte Gelände sowohl Rückzugsgebiet als auch Übungsgelände bietet. Das Gelände des selbsternannten Kalifats ist für die Gruppe, was das von den Taliban kontrollierte Afghanistan in den 1990er-Jahren für Al-Kaida war.

Es ist unverzichtbar, wieder die Kontrolle über diese Gebiete zu erlangen. Die Vernichtung der "Provinzen" des IS in Libyen, auf dem Sinai und anderswo muss oberste Priorität für die internationale Gemeinschaft sein.

Über die analytische Klarheit hinaus besteht die Notwendigkeit für Geschlossenheit, beginnend in Frankreich, wo die Bürger ihre politische Klasse ablehnen würden, wenn deren Mitglieder an einem der- art offensichtlichen historischen Wendepunkt weiter Uneinigkeit verbreiten.

Geschlossenheit muss zudem innerhalb Europas erreicht werden. Uns wird immer wieder erzählt, dass Europa in einer Identitätskrise stecke und ein neues Projekt brauche. Jetzt hat Europa ein solches Projekt gefunden. Europäisch zu sein bedeutet, sich der Geißel der Barbarei gemeinsam entgegenzustellen und unsere Werte, Lebensweise und Art des Zusammenlebens zu verteidigen – trotz unserer Differenzen.

Geschlossenheit ist auch innerhalb der westlichen Welt als Ganzer vonnöten. Die Erklärung von Präsident Barack Obama nach den Anschlägen in Paris zeigt, dass, was Europa und die USA eint, viel wichtiger ist als das, was uns trennt. Wir sitzen im selben Boot und stehen demselben Feind gegenüber. Und dieses Gefühl von Geschlossenheit muss über die europäische und westliche Welt hinausreichen, weil der IS Länder wie den Iran und Russland (von der Türkei gar nicht zu reden) genauso stark, wenn nicht stärker bedroht als den Westen.

Wir müssen natürlich realistisch sein. Unser umstandsbedingtes Bündnis mit diesen Ländern wird nicht alle zwischen ihnen und uns bestehenden Probleme überwinden. Daher brauchen wir neben Klarheit und Geschlossenheit auch Festigkeit – sowohl gegenüber dem IS als auch bei der Verteidigung unserer Werte, insbesondere der Bewahrung der Rechtsstaatlichkeit.

Der "Islamische Staat" erwartet von uns eine Kombination aus Feigheit und Überreaktion. Sein ultimativer Ehrgeiz besteht darin, einen Kampf der Kulturen zwischen dem Westen und der muslimischen Welt zu provozieren. Wir dürfen nicht auf diese Strategie hereinfallen.

Doch zuerst kommt Klarheit. Wenn Paris angegriffen wird wie am letzten Freitag, muss man vom Krieg sprechen. Niemand will die Fehler der USA unter Präsident George W. Bush wiederholen; aber diese Fehler als Alibi zu nutzen, um zu vermeiden, sich den Realitäten zu stellen, wäre lediglich ein Fehler anderer Art. (Dominique Moisi, Übersetzung: Jan Doolan, Copyright: Project Syndicate, 19.11.2015)

Dominique Moisi ist Professor am Institut d'études politiques de Paris (Sciences Po Paris). Er ist leitender Berater des Französischen Instituts für internationale Angelegenheiten IFRI und Gastprofessor am King's College London.

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