Integration sucht Flüchtlinge

Kommentar19. November 2015, 16:41
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Neue Bürger brauchen neue Perspektiven, es braucht Anreize, keine Schikanen

Die faktische Zuwanderung von hunderttausenden Menschen, mit der Österreich konfrontiert ist, stellt das Land vor gewaltige Aufgaben. Schon jetzt sieht man, wie schwierig die Unterbringung und Verpflegung der Flüchtlinge ist, und das ist noch die einfachere Aufgabe. Auch wenn die Politik auf verschiedenen Ebenen nicht immer ein gutes Bild abgibt, das gilt übrigens auch für einen Teil der Bevölkerung, gibt es doch ein Bemühen und ein Wollen. Das ist machbar. Die viel größere Herausforderung liegt in der Integration dieser Menschen. Ein Großteil wird hierbleiben, auf Jahre, viele für immer.

Mit den Kleinen wird es vergleichsweise einfach werden. Die vielen Kinder, die mit dem Flüchtlingsstrom in eine neue Heimat gespült wurden, werden in die Kindergärten und Schulen gehen, sie lernen schnell, werden mit der Sprache kein Problem haben, und sie werden die Werte, auf die die Politik so großen Wert legt, mit Begeisterung aufsaugen, wenn man sie lässt. Das ist nur eine Frage der Kapazitäten, die Kindergärten und Schulen müssen entsprechend ausgestattet werden. Aber das ist eine Investition, die sich lohnt, spätestens in einer Generation.

Wenig Perspektive

Eine ganz andere Herausforderung stellen die vielen jungen Männer und erwachsenen Menschen dar, die jetzt unsere Mitbürger werden sollen. Es gibt sie auch, die gut Ausgebildeten, die Lehrerinnen und Ärzte, die sprachlich Begabten, sie werden ihren Platz finden. Aber die größere Zahl ist nicht gut ausgebildet, hat Schwierigkeiten mit der Sprache, und unser Bedarf an Teppichknüpfern und Steinmetzen ist überblickbar.

Gerade die Männer, die ihre Familien behütet und durch einen Krieg geführt haben, die eine Flucht organisiert und ein Ziel gesucht haben, sitzen jetzt hier, haben keine Aufgabe und keinen Status, haben wenig bis keine Perspektive. Sie merken, dass sie hier nicht gebraucht werden, dass sie auch nicht wirklich gewollt werden. Ihre Erwartungen werden enttäuscht werden. Das birgt eine Gefahr.

Diese Menschen, die Männer, die Frauen, die Familien abzuholen und aufzunehmen ist die Aufgabe, der sich die Politik stellen muss. Das geht über den Arbeitsmarkt und entsprechende Ausbildungen, aber auch über den Wohnungsmarkt. Noch hat die Politik das nicht in Angriff genommen.

Werte

Stattdessen diskutieren wir über Werte. Über unsere Werte. Keine Frage, das ist auch ein Thema, sogar ein wichtiges, aber nur im Verbund mit Rahmenbedingungen, die es den Flüchtlingen überhaupt möglich machen, unsere Werte auch annehmen zu können. Integration setzt die Bereitschaft beider Seiten voraus, aufeinander zuzugehen. Das gilt auch für die Vermittlung von Werten. Das kann als Geschenk gemeint sein oder als Strafe.

Die Grundvoraussetzung für Integration ist der Erwerb der Sprache. Das weiß auch der dafür zuständige Minister Sebastian Kurz. Er will alles dafür tun. Dass er die Frage nach der Finanzierung der Kurse nicht beantworten kann, ist erst einmal beunruhigend.

Den neuen Mitbürgern Ziele vorzugeben, auch sprachlich, ist per se nicht abzulehnen. Die Flüchtlinge müssen lernen, in ihrem eigenen und in unserem Interesse. Bedingungen zu formulieren mag helfen, wenn es als Anreiz gemeint ist und nicht als Schikane. In Kenntnis der österreichischen Seele müssen die Vorgaben so formuliert sein, dass dem Schikanösen kein Platz eingeräumt wird. Sonst pervertiert man die Integration, das kann in niemandes Interesse liegen. (Michael Völker, 19.11.2015)

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