Geheimdienstexperten: "Paris zeigt Versagen der Massenüberwachung"

20. November 2015, 08:54
193 Postings

Flächendeckendes Ausspionieren funktioniere nicht: Duncan Campbell und James Bamford zur Deepsec in Wien

Die Diskussion über die Terroranschläge von Paris geht natürlich auch an einer Konferenz zu IT-Sicherheit nicht spurlos vorüber. Zumal die dieser Tage zum mittlerweile neunten Mal in Wien abgehaltene Deepsec dieses Jahr gleich zwei Journalisten eingeladen hat, die sich seit Jahren kritisch mit Geheimdiensten und deren Überwachungspraxis auseinandersetzen. Und sowohl James Bamford als auch Duncan Campbell sind sich einig: Die umgehend angelaufene Diskussion über den Ausbau der Internetüberwachung gehe vollkommen an der Realität vorbei.

Vollkommenes Versagen

Wenn Paris eines eindrücklich gezeigt habe, dann das "vollkommene Versagen der Massenüberwachung", wie Campbell in der einleitenden Keynote zur Konferenz betonte. Diese funktioniere schlicht nicht, da es in der breiten Masse der Daten unmöglich sei, das Relevante herauszufinden, egal wie mächtig die Rechensysteme der NSA sein mögen. Und diese Erkenntnis sei keineswegs neu, seit Jahrzehnten zeige sich immer wieder das gleiche Bild, wie der seit 1975 zu Geheimdiensten arbeitende Journalist betont.

Falsche Herangehensweise

Es gebe bis dato praktisch keine belegten Beispiel für Erfolge der Massenüberwachung. Dafür zahlreiche Gegenbeispiele: Weder konnte 9/11 verhindert werden noch die Anschläge auf die Londoner U-Bahn im Jahr 2005 oder die Terrorangriffe auf die Redaktion der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" und den Boston-Marathon. Und das, obwohl in all diesen Fällen die Angreifer vorher bereits auf dem Radar der Behörden waren. Das Problem sei eben nicht der Mangel an Daten, sondern deren Analyse.

Schlicht zu viel

Der NSA sei die Untauglichkeit der Massenüberwachung übrigens durchaus bewusst, wie Campbell betont. Immer wieder gebe es in den Snowden-Dokumenten Hinweise darauf, dass die Behörde mit dem Datenwust kämpfe und künstliche Begrenzungen vornehmen müsse, um überhaupt noch etwas analysieren zu können.

Geschichtsexkurs

Der Umstand, dass die Geheimdienste trotzdem immer mehr Daten wollen, sei schlicht auf die ihnen immanente Logik zurückzuführen, attestiert Bamford, der sein erstes Buch über die NSA bereits im Jahr 1982 publiziert hat. Man dürfe zudem nicht vergessen, wie die NSA entstanden sei: Sie sollte die Funkübertragung der UdSSR abhören, um eine Art zweites Pearl Harbor zu verhindern. Das sei einst auch tatsächlich relativ einfach umfassend zu bewerkstelligen gewesen, allerdings skaliere dieser Ansatz schlicht nicht, wie Bamford gegenüber dem STANDARD betont. Die NSA störe sich daran aber nicht und sammle immer mehr Daten und Macht um ihrer selbst willen.

Realitätscheck

Freilich geben sich beide nicht der Illusion hin, dass gerade in der aktuellen Situation eine Trendwende zu erwarten ist. Die Anschläge von Paris werden eine weitere Aushöhlung von Bürgerrechten und eine Ausweitung geheimdienstlicher Befugnisse zur Folge haben und damit auch all jene zarten Verbesserungen, die die Snowden-Enthüllungen ausgelöst haben, wieder zunichtemachen.

Keine Hintertüren

An die Umsetzung einer derzeit vieldiskutierten Maßnahme glaubt Campbell hingegen nicht: Hintertüren für Verschlüsselungssoftware würden nicht kommen, und zwar aus einem ganz einfachen Grund. Diese seien schlicht technischer Nonsens. Befürworter würden sich hier eine Art magische Lösung vorstellen, die in der Realität nicht umsetzbar sei.

Eine Crypto-Backdoor für die NSA würde bedeuten, dass umgehend auch jedes andere Land entsprechende eigene Zugänge verlangen würde – von China bis Saudi-Arabien. Und das sei nur eine Hürde von vielen. Aber selbst wenn man es irgendwie schaffen würde, all diese Hürden zu überwinden, was würde Terroristen davon abhalten, eine eigene Software ohne Backdoor einzusetzen? Diese würden all die Verschlüsselungsbeschränkungen also nicht treffen, Unternehmen, die sicher kommunizieren wollen, hingegen sehr wohl.

Mehr Verschlüsselung statt weniger

Auch wenn es zunächst paradox klingen mag, die Lösung für die Krise der Geheimdienste sieht Bamford in einem grundlegenden Kurswechsel, und er verweist dabei auf Edward Snowden, den er vergangenes Jahr für ein ausführliches Interview mit dem US-Magazin "Wired" besucht hat. Dieser sei davon überzeugt, dass in einer Welt, in der alle effektive Ende-zu-Ende-Verschlüsselung benutzen, die Geheimdienste gezwungen würden, wieder auf gezielte Überwachung und klassische Polizeiarbeit zu setzen. Immerhin verhindere auch die beste Verschlüsselung nicht den direkten Zugriff auf den Computer einer Zielperson, sehr wohl aber die Aushöhlung der Privatsphäre der Gesamtbevölkerung. (Andreas Proschofsky, 20.11.2015)

Link

Deepsec

  • Duncan Campbell bei seiner Keynote zur diesjährigen Ausgabe der Sicherheitskonferenz Deepsec.
    foto: andreas proschofsky / standard

    Duncan Campbell bei seiner Keynote zur diesjährigen Ausgabe der Sicherheitskonferenz Deepsec.

Share if you care.