Syrischer Aktivist: IS-Führung bleibt trotz Luftangriffen in Raqqa

19. November 2015, 16:01
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Im Gespräch mit dem STANDARD berichtet ein Untergrund-Aktivist von den Kämpfen in Raqqa

Die Führungsspitze der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) soll sich weiterhin im syrischen Raqqa aufhalten, berichtet ein Aktivist der Initiative "Raqqa is being slaughtered silently" (Raqqa wird still und leise abgeschlachtet) dem STANDARD. Es habe sich bei den Medienberichten der letzten Tage um Falschmeldungen gehandelt, so der Aktivist. Die Initiative hatte bereits zuvor auf Twitter darauf hingewiesen, dass sich IS-Kämpfer bei Zivilisten verstecken, wenn es zu Luftangriffen kommt. "Mit Luftangriffen wird man den Islamischen Staat nicht besiegen", so der Aktivist, der Tim genannt werden will, weiter. Er lobt allerdings die französischen Luftstreitkräfte dafür, dass bislang keine Zivilisten getötet worden sind.

Infos aus abgeschottetem Gebiet

Seine Initiative wurde gegründet, um rudimentäre Informationen aus den vom IS kontrollierten Gebieten nach außen zu übermitteln. Etablierte Nachrichtenorganisationen meiden die Gegend schon seit langem, da sie für westliche Journalisten schlicht zu gefährlich ist – belegt wird das etwa durch Enthauptungen oder Entführungen von Reportern und Kriegsfotografen.

Die "New York Times" bezeichnet "Raqqa is being Slaughtered Silently" als "Organisation von früheren und aktuellen Bewohnern von Raqqa, die über die Stadt berichten". Ihre Informationen lassen sich nicht überprüfen, die Mitglieder bleiben anonym. Die Menge an übermittelten Bildern und Informationen, die sich später als richtig erwiesen haben, ist allerdings ein starkes Indiz für ihre Authentizität.

Ehemalige Journalisten im Untergrund

Tim berichtet, schon vor dem Auftauchen der Terrormiliz in einem Vorort von Raqqa gelebt zu haben. Während er sich nach der Eroberung von Raqqa durch den IS nach außen hin als unauffälliger Bewohner des selbsternannten Kalifats gibt, trägt er heimlich Informationen via Facebook und Twitter nach außen. Seine Gruppe besteht aus einem Dutzend Aktivisten in Raqqa und weiteren Helfern in der Türkei. Zwei davon waren vor rund zwei Wochen enthauptet im türkischen Urfa gefunden worden.

Hinweise auf Anschläge in Frankreich

Der Aktivist weist im Gespräch mit dem STANDARD darauf hin, schon im Februar Hinweise auf weitere Anschläge in Frankreich veröffentlicht zu haben. Tatsächlich bestätigen seine Twitter- und Facebook-Profile das. Er sei damals in einem Internetcafé nahe Raqqa gewesen, als ein von anderen IS-Kämpfern "der Belgier" genannte Terrorist das Lokal betreten habe.

Dieser teilte einem Freund mit, dass zwei Terroristen noch im Februar nach Paris reisen würden, zwei weitere sollten im Mai folgen. Dort würden vier Kontaktpersonen für einen "koordinierten Angriff" warten. Der Aktivist habe gehofft, dass seine Angaben von internationalen Geheimdiensten aufgegriffen werden. Direkten Kontakt zu Behörden hat er nicht gesucht, da dies zu gefährlich sei.

Starke Überwachung

Unter Lebensgefahr operieren die Betreiber der Initiative ohnehin. Das Gespräch mit dem STANDARD findet über Facebook und Twitter statt, alle paar Minuten wird die Verbindung unterbrochen. Tim befürchtet, dass der IS seine Profile "hacken" will, doch seine Mitstreiter hätten Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Der IS schaltet regelmäßig die Internetverbindung zur Außenwelt ab, um Informationen zu unterdrücken. (Fabian Schmid, 19.11.2015)

  • Menschen warten vor einem Geschäft in einem Dorf nahe Raqqa. Aus den vom IS kontrollierten Gebieten dringen kaum Informationen nach außen.
    foto: reuters/stringer

    Menschen warten vor einem Geschäft in einem Dorf nahe Raqqa. Aus den vom IS kontrollierten Gebieten dringen kaum Informationen nach außen.

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