Telegram-Gründer: Französische Regierung mitverantwortlich für Paris-Attentate

19. November 2015, 12:45
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Kritik nach Schimpftirade über "parasitäres Paradies für nordafrikanische Migranten" – 78 IS-Kanäle gesperrt

Nach den Anschlägen in Paris ist Kritik an NSA-Whistleblower Edward Snowden und dem zunehmend verbreiteten Einsatz von Verschlüsselung laut geworden. Behördenvertreter wie der CIA-Chef John Brennan führen dabei immer wieder an, dass etwa verschlüsselt arbeitende Messenger die Ermittlungsarbeiten behindern würden.

Ein solches Kommunikationstool ist auch Telegram, das vom Start weg damit beworben wurde, besonders sicher zu sein. Es soll sich großer Beliebtheit im Umfeld von Jihadisten erfreuen. Der Bitte um die Löschung von Kanälen, die der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) zugeordnet wurden, hatten sich die Entwickler bislang allerdings widersetzt.

Wende

"Ich schlage vor, dass man Wörter verbietet", zitiert Buzzfeed den Telegram-Gründer Pavel Durov aus einem Posting auf dem Social Network Vkontakte. "Es gibt Beweise, dass diese von Terroristen zur Kommunikation genutzt werden."

Offenbar hat man es sich nun aber anders überlegt. Laut Endgadget wurden in dieser Woche 78 IS-Kanäle auf Telegram stillgelegt. "Wir waren beunruhigt zu erfahren, dass öffentliche Telegram-Kanäle vom IS dazu genutzt wurden, um Propaganda zu verbreiten", heißt es nun. Man blockiere alle Inhalte in Zusammenhang zu Terrorismus, allerdings keine Nutzer, die "friedlich alternative Meinungen ausdrücken". Allerdings gehe man nur gegen öffentliche Channels vor, private Chats zwischen einzelnen Nutzern und Gruppen werden nicht belangt.

foto: screenshot

Rassistischer Facebook-Eintrag

Für Entrüstung sorgte Durov mit einem Facebook-Posting, in dem er seine Gedanken zu den Attentaten in Paris offen legt. "Ich denke, die französische Regierung ist dafür genau so verantwortlich wie der IS, weil ihre Politik und Unvorsichtigkeit die Tragödie wohl ermöglicht haben", erklärt er einleitend.

"Sie nehmen das Geld hart arbeitender Franzosen und über unverschämt hohe Steuern und geben es für nutzlose Kriege im Mittleren Osten und die Erschaffung eines parasitären Paradieses für nordafrikanische Immigranten aus", führt er die Beschwerde fort. Es sei eine "Schande", dass Paris durch die Hände der "kurzsichtigen Sozialisten" zerstört werde.

Neben zustimmenden Kommentaren wird das Posting von Durov mittlerweile heftig für seinen rassistischen Unterton kritisiert. Angeführt wird auch, dass die Paris-Attentäter belgische und französische Staatsbürger waren und Frankreich weit davon entfernt sei, "paradiesische" Zustände für Immigranten zu bieten.

Sicherheit von Telegram steht in Frage

Abseits der politischen Aussagen von Durov gibt es nun auch Bedenken hinsichtlich der tatsächlichen Sicherheit von Telegram. Ein Sicherheitsexperte, der unter dem Pseudonym "the Grugq" auftritt, fast in einem Artikel auf Medium verschiedene Probleme zusammen. So gibt es möglicherweise Schwachstellen in der Eigenbau-Verschlüsselung des Messengers, dazu greift die App die Kontakte des jeweiligen Endgerätes ab, da sie wie Whatsapp Nutzer über ihre Telefonnummer zuordnet. Dazu soll es auch möglich sein, umfassend Metadaten zu gewinnen.

Und auch die Gestaltung des Programms ist gemäß der Analyse eher suboptimal. Statt standardmäßig verschlüsselte "Geheimchats" zu erstellen, laufen Konversationen ohne Chiffrierung. Einen verschlüsselten Kanal einzurichten setzt hingegen mehrere Zusatzschritte voraus. Und laufende Konversationen können nicht nachträglich verschlüsselt werden. Als besser abgesicherte Alternativen empfiehlt "Grugq" etwa Signal/TextSecure, Silent Circle und Threema. (gpi, 19.11.2015)

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    foto: pavel durov
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