Londoner Fans zeigten sich vom Terror unbeeindruckt

Reportage18. November 2015, 19:59
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Beim Freundschaftsspiel zwischen den Nationalmannschaften Frankreichs und Englands im Wembley-Stadion demonstrierte London Gelassenheit und Solidarität mit Paris

Die Fans waren brilliant" – das Verdikt des englischen Kapitäns Wayne Rooney spiegelte tags darauf die Stimmung der britischen Medien wider. Unbeeindruckt von den Absagen der Matches in Brüssel und Hannover hatten 71.223 englische und französische Fußballfans am Dienstagabend vom Londoner Wembley-Stadion aus eine hoffnungsvolle Botschaft gesendet: Wir lassen uns von Terroristen nicht einschüchtern. Die Disziplin und Gelassenheit der Besucher machte Eindruck innerhalb und außerhalb des Stadions.

Schon einmal hatte das Wembley-Stadion unverhofft als Schauplatz einer Demonstration gegen den islamistischen Terror gedient. Ende Juni 2007 waren London und Glasgow knapp verheerenden Autobomben entgangen, die Behörden hielten einen weiteren Anschlag für unmittelbar bevorstehend – da versammelten sich rund 60.000 Fans der verstorbenen Prinzessin Diana zu einem Gedenkkonzert. Freilich war damals die Teilnahme an der Massenveranstaltung schon Geste genug, im Programm selbst kam die Bedrohung nicht mehr zur Sprache.

Anders im Vorfeld der Partie vom Dienstag: Da war von kaum etwas anderem die Rede. Premierminister David Cameron musste sich im Parlament fragen lassen, ob er mit seinen Kindern ins Stadion gehen würde. Natürlich, sagte der Konservative: "Wir sollten wachsam sein, aber unser normales Leben weiterleben". Demonstrativ war der Konservative, wenn auch ohne Kinder, gemeinsam mit Labour-Oppositionsführer Jeremy Corbyn sowie Londons Bürgermeister Boris Johnson unter den Zuschauern.

Verstärkte Kontrollen

Diese hatten sich weisungsgemäß teils schon am frühen Nachmittag auf den Weg in den Londoner Nordwesten gemacht: Man müsse mit erheblich verstärkten Kontrollen rechnen, lautete die Ankündigung von Scotland Yard. Wie in den Tagen zuvor waren demonstrativ bewaffnete Polizeistreifen rund ums Stadion unterwegs – und das in einem Land, in dem der normale Streifenpolizist bis heute ohne Pistole auskommt. Dabei solle es auch in Zukunft bleiben, findet Londons Polizeipräsident Bernard Hogan-Howe.

Die Bürger der Weltstadt jedenfalls vertrauten ihren Ordnungshütern und zogen gut gelaunt, wenn auch spürbar angespannt zum Wembley-Stadion. Große Leuchtbuchstaben verkündeten "Liberté, Égalité, Fraternité", auch der große Stahlbogen über dem Bauwerk von Norman Foster erstrahlte in Blau-Weiß-Rot. Seit einigen Jahren wird gezielt versucht, mit niedrigen Ticketpreisen Familien und junge Leute ins Stadion zu locken. Im Block P saßen grauhaarige Engländer, ein indisches Paar mit seinem Baby, eine Gruppe junger Muslime und Väter mit ihren halbwüchsigen Kindern friedlich zusammen. Der einzige Schreck des Abends drohte von Papier-Wurfgeschoßen, die gelangweilte Fans in der zweiten Halbzeit Richtung Spielfeld warfen – Zeichen dafür, dass die Geschehnisse auf dem Rasen nicht gerade die volle Konzentration in Anspruch nahmen.

Marseillaise gesungen

Das galt eigentlich nur für die Momente vor dem Anpfiff. Da spürte man das Mitgefühl der Fans für die französischen Spieler, denen die Anspannung ins Gesicht geschrieben stand. Vier Tage zuvor hatten während des Spiels gegen Deutschland die Selbstmordattentäter ihre Bomben gezündet. Diesmal waren andere Töne zu hören: Als um kurz vor 20 Uhr auf den riesigen Anzeigetafeln die französische Hymne aufleuchtete, unterstützten Zehntausende das kleine Häufchen fröhlicher Franzosen. Inbrünstig sangen auch die englischen Fans den blutrünstigen Text der Marseillaise mit – eine rührende Solidaritätsadresse der Briten an den Nachbarn und alten Verbündeten. Dass dabei die knifflige französische Aussprache nicht allen perfekt gelang, wen störte das?

Auch das Resultat von 2:0 für die Gastgeber blieb Nebensache. Frankreichs Trainer Didier Deschamps brachte die Sache anschließend auf den Punkt. Seinem Team habe vielleicht ein wenig Biss gefehlt. "Aber heute Abend war der menschliche Aspekt viel wichtiger." (Sebastian Borger aus London, 18.11.2015)

  • Fans außerhalb des Wembley-Stadions kurz vor dem Anpfiff. Mitgefühl für die französischen Spieler dominierte.
    foto: reuters/dylan martinez

    Fans außerhalb des Wembley-Stadions kurz vor dem Anpfiff. Mitgefühl für die französischen Spieler dominierte.

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